BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Untersuchung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung zeigt, dass Wahlberechtigte mit Wurzeln in mehreren Herkunftsregionen Parteien deutlich skeptischer bewerten als noch vor einem Jahr. Besonders der Zuspruch zu CDU/CSU und SPD ist in einzelnen Gruppen spürbar eingebrochen. Als Gründe werden mangelnde politische Repräsentanz, fehlendes Gefühl des Gesehenwerdens und Sicherheitsbedenken im öffentlichen Raum genannt. Die Daten markieren damit eine relevante Zäsur in der Wahlneigung für die kommenden politischen Entscheidungen.

Die Wahlneigung von Menschen mit Migrationshintergrund verändert sich schneller, als es viele Wahlprogramme im Blick haben. In einer Untersuchung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (Dezim) zeichnet sich im Winter 2024/2025 vor allem bei mehreren Bevölkerungsgruppen ein deutlicher Abstand zu Parteien ab. Im Vergleich zum Vorjahr sank demnach der Anteil der Befragten, die eine bestimmte Partei für wählbar halten, in den meisten betrachteten Konstellationen deutlich. Dass diese Dynamik nicht nur eine Randerscheinung ist, zeigen die konkreten Sprünge bei CDU/CSU und SPD innerhalb kurzer Zeit.
Besonders auffällig ist die Entwicklung bei Menschen mit Wurzeln in der Türkei, in Ländern in Nahost und Nordafrika sowie in Afghanistan oder Pakistan. Für diese Gruppe war die Bereitschaft, jemals CDU oder CSU zu wählen, zum Zeitpunkt der Befragung nur noch bei etwa jedem Zweiten gegeben. Ein Jahr zuvor lag der Wert noch deutlich höher, bei 67 Prozent. Gleichzeitig verlor auch die SPD in dieser Gruppe: Statt 71 Prozent ein Jahr zuvor sank die Einschätzung auf 60 Prozent. Die Untersuchung macht damit sichtbar, dass sich Parteiwahrnehmung innerhalb von Monaten in messbarer Form verschieben kann – und zwar nicht nur in Richtung einer einzelnen Partei, sondern als breiter Vertrauens- und Zugehörigkeitsverlust.
Für die Abkehr von Parteien nennen Befragte laut Darstellung in der Studie vor allem zwei zusammenhängende Gründe: mangelnde politische Repräsentanz und das Gefühl, mit den eigenen Problemen nicht gesehen zu werden. Martin Gerlach, Bundesgeschäftsführer der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), ordnet das konkret ein: Die Zunahme antimuslimischen Rassismus sei demnach ein Faktor, der auch Menschen betrifft, die selbst nicht religiös sind. Daneben spielen Fragen der persönlichen Sicherheit im öffentlichen Raum eine zentrale Rolle – und zwar nicht als abstraktes Schlagwort, sondern als wiederkehrendes Motiv, das die Wahlbereitschaft beeinflusst. In mehreren anderen Studien zu Sicherheit und Alltagserfahrungen werden solche Themen immer wieder als Treiber für politische Einstellungen genannt; die Dezim-Daten liefern dafür nun auch einen Parteibezug.
Interessant wird es zudem beim Blick auf Parteikonstellationen: Die AfD schneidet laut Untersuchung bei Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund weniger gut ab als bei Wahlberechtigten, deren Eltern beide von Geburt an Deutsche waren. Eine Ausnahme bilden allerdings Menschen mit Wurzeln in Russland oder anderen Staaten der früheren Sowjetunion. Für diese Gruppe ist die Bereitschaft, die AfD zu wählen, im Winter 2024/2025 überdurchschnittlich. Hintergrund ist in der Darstellung der Untersuchung, dass sich genau diese Gruppe besonders häufig vorstellen konnte, eine Partei zu wählen, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall beobachtet wird und deutsche Unterstützung für die Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen Russland kritisiert. Zugleich betont die Studie, dass die Teilnehmer nicht danach gefragt wurden, wen sie im unmittelbaren nächsten Moment wählen würden, sondern wie wahrscheinlich es ist, dass sie eine Partei jemals wählen würden.
Während die SPD bei zugewanderten Wählern und ihren Nachkommen insgesamt noch das größte Wählerpotenzial hält, zeigt die Untersuchung, dass ihr Vertrauensvorsprung im Zeitverlauf erodiert. Die Ko-Autorin der Dezim-Publikation, Friederike Römer, führt das in der Studie unter anderem auf eine „grundsätzliche Entfremdung“ der Partei von ihrer klassischen Wählerklientel zurück – ein Muster, das sich auch bei Wahlberechtigten ohne Migrationshintergrund beobachten lasse. Dabei geht es laut Darstellung insbesondere um Themen wie Wohnen und andere soziale Fragen. Für die Interpretation bleibt zugleich offen, welche Rolle konkrete Konfliktlagen spielen: Die Haltung zum Israel-Palästina-Konflikt könnte demnach ebenfalls eine Rolle spielen, und genau das solle man genauer untersuchen. Diese Offenheit ist wichtig, weil sie verhindert, dass aus den Zahlen vorschnell eine einzelne Ursache abgeleitet wird.
Die Studie ordnet außerdem parteiinterne Unterschiede im Zuspruch entlang von Herkunft und soziodemografischen Merkmalen ein. So erreichen die Grünen unter EU-Ausländern laut Daten ein ähnliches Wählerpotenzial wie unter Deutschen ohne Migrationshintergrund, schneiden aber bei Wahlberechtigten aus der Türkei, dem Iran sowie arabischen Ländern, Afghanistan und Pakistan etwas schlechter ab. Bei Wahlberechtigten aus Russland und anderen Staaten der früheren Sowjetunion kann sich demgegenüber nur jeder Dritte vorstellen, die Grünen zu wählen. Neben dem Migrationshintergrund spielen laut Studie außerdem Geschlecht und Alter eine relevante Rolle: Mehr Frauen als Männer ohne Migrationsgeschichte können sich vorstellen, die Linke zu wählen. Ältere Menschen mit Zuwanderungsgeschichte geben deutlich seltener an, dass sie in Betracht ziehen, die AfD zu wählen, und sind der SPD eher zugeneigt als die jüngere Generation. Als Konstrukt für Migrationshintergrund gilt dabei in der Studie: Menschen, die einen Elternteil haben, der ohne deutsche Staatsangehörigkeit geboren wurde, beziehungsweise die selbst eingebürgert wurden.
Auch der politische Kontext außerhalb der Parteipräferenzen wirkt in die Einordnung hinein. Die Untersuchung nennt für den Zeitraum der Berücksichtigung, dass Menschen aus Syrien seit 2021 unter den Ausländern, die deutsche Staatsbürger werden, die größte Gruppe stellen. Gleichzeitig wird der demografische Anteil der Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund beziffert: Er lag im Zeitraum der Befragungen zwischen 12 und 14 Prozent. Als Referenz für die politische Repräsentation wird zudem genannt, dass nach einer Recherche des Mediendienstes Integration rund 11,6 Prozent der frisch gewählten Abgeordneten einen Migrationshintergrund im Sinne der Untersuchung aufweisen; im 2021 gewählten Bundestag waren es 11,3 Prozent. Im aktuellen Bundestag ist der Anteil der Abgeordneten mit Migrationshintergrund bei den Fraktionen der Grünen, der Linkspartei und der SPD höher als bei den Fraktionen von Union und AfD.
Für Entscheider aus Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung ist an solchen Ergebnissen weniger die Tageszahl als die Methodik entscheidend: Die Studie betrachtet nicht nur „Wahlabsichten“ im engen Sinne, sondern Wahrscheinlichkeit und historische Veränderung innerhalb eines Jahres. Das ist auch für digital arbeitende Organisationen relevant, weil es zeigt, wie stark politische Präferenzen mit Sicherheitswahrnehmung, Repräsentationsgefühl und Themenprioritäten zusammenhängen können. In der Praxis übersetzt sich das in die Notwendigkeit, Kommunikations- und Beteiligungsformate daten- und zielgruppenorientiert zu gestalten – ohne dabei von einzelnen Konfliktlagen als alleiniger Erklärung auszugehen. Wenn sich Vertrauenskurven wie bei CDU/CSU und SPD innerhalb kurzer Zeit verschieben, müssen Strategien darauf reagieren, etwa über nachvollziehbare Ansprechstrukturen und konkrete soziale Leitplanken, die im Alltag ankommen. Die Politik selbst bleibt mit Blick auf mögliche Faktoren wie den Israel-Palästina-Konflikt sowie den wahrgenommenen Sicherheitsdruck im öffentlichen Raum zugleich in der Pflicht, Ursachen sauber zu prüfen und daraus belastbare Angebote abzuleiten.
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