LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie zeigt, dass nicht „Männlichkeit“ an sich, sondern konkrete Normen bei Männern mit mehr Angst und Depression zusammenhängen. Besonders das Unterdrücken von Emotionen und extreme Selbstständigkeit sind laut den erhobenen Daten eng mit Problemen verbunden, die eigenen Gefühle zu erkennen und zu benennen. Der Mechanismus läuft über eine verminderte Emotionsregulation: Wer Gefühle schlechter identifiziert, kann sie auch schlechter steuern. Gleichzeitig berichten die Autorinnen und Autoren, dass nicht alle idealtypischen Erwartungen gleich schädlich sind.

Die Beziehung zwischen tradierten Vorstellungen von Männlichkeit und der psychischen Gesundheit von Männern ist komplizierter, als es ein pauschales „Männer sind stärker“ suggerieren würde. Die neue Forschung ordnet das Thema präziser ein: Sie betrachtet nicht „Männlichkeit“ als ein einheitliches Konstrukt, sondern als mehrdimensionales Set an Normen, die in vielen industrialisierten westlichen Ländern unterschiedlich ausgeprägt sind. Zu diesen Normen zählen etwa Stoizismus, die Zurückhaltung, Verletzlichkeit zu zeigen, der Fokus auf Status oder der Anspruch, sich auf sich selbst zu verlassen. Entscheidend ist dabei, dass manche Erwartungen nach den Ergebnissen neutral oder sogar potenziell schützend wirken können – während andere in eine riskante Richtung zeigen.
Im Hintergrund steht zudem ein Versorgungsunterschied, der sich in der klinischen Praxis seit Jahren abzeichnet: Männer suchen im Durchschnitt seltener professionelle psychologische Hilfe auf und brechen Therapien häufiger vorzeitig ab als Frauen. Gleichzeitig sind sogenannte „internalisierende Symptome“ bei Männern besonders relevant. Darunter versteht man psychische Belastungen, die sich nach innen richten, etwa in Form von Depression oder Angststörungen, statt sich als aggressives Verhalten nach außen zu entladen. Genau hier setzt das Studiendesign an: Die Forschenden wollen die psychologischen Pfade erklären, über die kulturelle Erwartungen in diesen internalisierenden Bereich hineinzuwirken scheinen – nicht nur als Korrelation, sondern mit einem plausiblen Mechanismus.
Die Autorenschaft um Vincent O. Mancini (u. a. am Kids Research Institute Australia, der University of Western Australia und Curtin University) verortet die Analyse in zwei zentralen psychologischen Konzepten: Alexithymie und Emotionsregulation. Alexithymie beschreibt eine ausgeprägte Schwierigkeit, eigene Emotionen zu identifizieren und sprachlich zu beschreiben. Menschen mit hoher Alexithymie lenken dabei laut Modell eher die Aufmerksamkeit nach außen und analysieren interne Gefühlszustände weniger. Emotionsregulation meint dagegen die Fähigkeit, emotionale Reaktionen zu beobachten, zu bewerten und so zu verändern, dass sich ein gewünschter Zustand oder ein Ziel erreichen lässt. Die Studie baut darauf eine Hypothese auf, nach der bestimmte Normen Jungen frühzeitig darin trainieren, Verletzlichkeit zu unterdrücken – etwa wenn Traurigkeit oder Angst wiederholt verborgen werden sollen, um „stark“ zu wirken. Fehlt dann die wiederholte Übung, Gefühle zu erkennen und zu verarbeiten, kann sich dieser Mangel langfristig zu einer Alexithymie-ähnlichen Ausprägung verfestigen.
Um diesen Rahmen zu prüfen, rekrutierten die Forschenden 740 Männer aus den USA und dem Vereinigten Königreich im Alter von 22 bis 80 Jahren. Die Teilnehmenden füllten eine umfangreiche Online-Befragung aus, die mehrere Ebenen miteinander verknüpft. Ein Instrument erfasste, wie stark die Männer zehn unterschiedliche traditionelle Männlichkeitsnormen bejahen – darunter Risikobereitschaft, der Wunsch zu gewinnen, Statusorientierung, Selbstständigkeit sowie die Priorisierung von Arbeit und vor allem strikte Kontrolle über Emotionen. Zusätzlich maßen weitere Fragebögen den Grad an Alexithymie sowie die Fähigkeit zur Emotionsregulation, während die Befragung auch internalisierende Symptome erfasste, konkret Anzeichen für Depression, Angst und Stress. Die statistische Auswertung führt zu einem klaren Bild: Der Zusammenhang zwischen Männlichkeitsnormen und psychischer Gesundheit variiert deutlich mit der spezifischen Norm.
Besonders stark und positiv mit höheren Alexithymie-Werten verbunden waren vier Ideale: die Priorisierung von Arbeit, der Antrieb, vollständig selbstständig zu sein, der Wunsch zu gewinnen und die Betonung emotionaler Kontrolle. Männer, die diesen Normen stärker zustimmten, berichteten häufiger davon, ihre eigenen Gefühle weniger gut zu erkennen und zu benennen. Die Forschenden liefern dafür eine psychologisch nachvollziehbare Deutung: Wenn man sich in Arbeit „vergräbt“ oder Hilfe verweigert, könnte das die Gewohnheit verstärken, innere Zustände zu ignorieren. Gleichzeitig zeigt die Studie aber auch die Grenzen einer simplen Täter-Opfer-Erzählung: Andere traditionelle Normen zeigten keine schädliche Assoziation, einige sogar eine günstigere. So berichteten Männer mit stärkerer Zustimmung zur „Suche nach Status“ über weniger Alexithymie und weniger internalisierende Symptome. Auch Normen im Umfeld von Risikoverhalten und heterosexueller Selbstpräsentation zeigten in den Daten keine negativen Verbindungen zur Emotionsverarbeitung.
Was für die Praxis besonders relevant ist, betrifft den beschriebenen Kaskadeneffekt. Für Männer mit hoher Alexithymie fanden die Forschenden eine starke Kettenwirkung: Wer seine Gefühle schlecht einschätzen und benennen kann, ist weniger in der Lage, emotionale Reaktionen wirksam zu regulieren. Diese Schwierigkeit wiederum hängt deutlich mit erhöhtem Risiko für Angst und Depression zusammen. Damit lässt sich ein sequentieller psychologischer Pfad nachzeichnen: Der Druck, extreme Selbstständigkeit und emotionale Unterdrückung zu verkörpern, geht mit emotionaler „Blindheit“ einher; diese reduziert die Fähigkeit, psychische Belastung angemessen zu managen; am Ende steigt die Wahrscheinlichkeit internalisierender Symptome. Die Studie macht dabei zugleich deutlich, dass nicht alles über Alexithymie laufen muss: Im Umfeld der sogenannten „playboy“-Norm – also die Suche nach mehreren kurzfristigen sexuellen Partnern – sehen die Autorinnen und Autoren eine mögliche Verbindung zu Emotionsregulationsproblemen, weil ein impulsives Belohnungs-Schema als Bewältigungsstrategie dienen könnte.
Ein weiterer Punkt ist die doppelte Rolle emotionaler Kontrolle. Kurzfristig kann es hilfreich wirken, Gefühle zu beschränken oder zu verstecken, weil dadurch die unmittelbare Belastung spürbar sinken kann. Langfristig kippt der Effekt jedoch, wenn daraus eine stabilere Alexithymie entsteht, die dann die tiefere Emotionsregulation beeinträchtigt, die für anhaltende psychische Gesundheit nötig ist. Gleichzeitig warnen die Autorinnen und Autoren davor, „Männlichkeit“ als eine einzige schädliche Kategorie zu behandeln, weil das unweigerlich stereotype Vereinfachungen über Männer verstärken kann. Therapeutinnen und Therapeuten sowie Pädagoginnen und Pädagogen bekommen deshalb eher „gezielte Ansatzpunkte“ als eine pauschale Leitlinie: Wenn man frühe Schwierigkeiten im emotionalen Erkennen adressiert, kann das die Wirksamkeit traditioneller Behandlungsansätze verbessern. Denkbar seien Interventionen, die zunächst an einer emotionalen Sprache ansetzen, ohne Männlichkeit als Ganzes zu pathologisieren. Auch Schulprogramme, die gezielt Emotionsbenennung üben, könnten Jungen schon vor dem Erwachsenenalter bessere emotionale Routinen mitgeben.
Wichtig sind allerdings die Grenzen des Studiendesigns. Die Ergebnisse basieren auf einer Querschnittsbefragung: Sie zeigen Zusammenhänge zu einem Zeitpunkt, erlauben aber keine endgültige Aussage über die Richtung der Kausalität. Es ist also möglich, dass Männer mit ohnehin stärkerer Angst oder Depression ihre Zustimmung zu Männlichkeitsnormen anders berichten als sie es ohne diese Belastung täten. Hinzu kommt, dass alle Messungen über Selbstberichte laufen. Künftige Forschung könnte klinische Bewertungen oder Berichte aus dem Umfeld einbeziehen, um das Bild zu verdichten, und die Muster in breiterer kultureller und sozioökonomischer Vielfalt prüfen – also auch außerhalb westlicher Industrienationen wie den USA und dem Vereinigten Königreich. Die Studie, veröffentlicht in Sex Roles, trägt dennoch dazu bei, psychische Belastungen bei Männern nicht nur als individuelles Problem zu verstehen, sondern als Ergebnis konkreter Normen, die bestimmte emotionale Lernprozesse begünstigen oder behindern.
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