LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Forschung zeigt, dass in den USA immer mehr Wähler erwarten, ihr bevorzugter Kandidat werde gewinnen. Diese Erwartung steigt besonders dann, wenn die Abneigung gegen die gegnerische Partei zunimmt. Entscheidend ist auch, was nach einer Niederlage passiert: Wer bereits „sicher“ mit dem Sieg rechnete, kühlt politisch deutlich weniger ab. Damit verschiebt sich die Wirkung von Wahlergebnissen in eine Phase erhöhter Spannung nach der Entscheidung.

In fast jeder demokratischen Wahl klafft eine Lücke zwischen dem, was Menschen erwarten, und dem, was die Auszählung später bestätigt. Politikwissenschaftler beschreiben dieses Muster als „wishful electoral thinking“: Die gewünschte Realität färbt die Erwartung an, bis der eigene Ausgangsvorteil psychologisch wahrscheinlicher wirkt als er statistisch ist. In den USA ist aus dieser Neigung inzwischen ein massives Phänomen geworden: Laut einer Studie in Political Behavior rechnen mittlerweile fast 90 % der Wähler, die einen bevorzugten Präsidentschaftskandidaten nennen, damit, dass dieser im November gewinnt. Noch vor Jahrzehnten lag dieser Wert grob bei 70 %. Damit wird nicht nur ein kognitives Bias beschrieben, sondern eine politische Dynamik, die das Verhalten nach der Wahl prägt.
Technisch betrachtet steckt hinter der Beobachtung ein Zusammenspiel aus Erwartungsbildung, emotionaler Verarbeitung und Selektionsmechanismen über Medien. Die Studie ordnet Optimismus zunächst als potenziell funktional ein: Zu hohe Vorhersagen können helfen, psychische Unangenehmtheit in einer unsicheren Zukunft abzufedern. Dass derartige Verzerrungen schwer korrigierbar sind, zeigen ältere empirische Arbeiten. Eine Untersuchung zur Jerusalemer Kommunalwahl von 1997 fand, dass Bürger selbst dann sehr häufig den favorisierten Kandidaten voraussagten, wenn sie die neuesten Umfragewerte kannten oder für korrekte Prognosen entlohnt wurden. Auch Experimente zur Mediennutzung aus dem Jahr 2018 zeigen einen Hebel: Wenn ein parteinahes Angebot die eigene Seite als Gewinner rahmt, steigt die Erwartung auf einen Sieg; wenn die Darstellung auf Niederlagen hinausläuft, senken sich die Prognosen. Zusammengenommen deutet das auf eine Verstärkungsschleife hin, in der Wunschdenken mit Erwartungs-Feedback aus Berichterstattung und Publikumserwartungen zusammenwirkt.
Der neue Beitrag verknüpft diese Mechanik jedoch stärker mit Polarisierung, also der „affective polarization“: Demokraten und Republikaner betrachten die Gegenseite mit tiefer Abneigung und Misstrauen. Die Forschenden stellen dabei nicht nur die Frage, ob politische Feindseligkeit ein weiterer Treiber von Wahloptimismus ist, sondern auch, was passiert, wenn Hoffnung enttäuscht wird. Dass Opposition gegenüber politischen Gegnern die emotionale Verarbeitung von Ergebnissen beeinflusst, stützt diese Richtung: Eine Umfrage im Umfeld der US-Präsidentschaft 2020 ergab, dass viele Amerikaner ihre emotionalen Reaktionen auf das Ergebnis überschätzten, während Menschen mit besonders negativen Ansichten über den gegnerischen Kandidaten intensivere Gefühle erlebten als erwartet. Der Autor der Studie, Seth Warner von der University of Connecticut, untersuchte daher gezielt, ob die steigende Erwartungshaltung weniger mit „Liebe zur eigenen Seite“ als vielmehr mit wachsender Feindseligkeit gegenüber der Gegenseite zusammenhängt.
Warner beschreibt den Ausgangspunkt der Hypothese mit Beobachtungen aus der Medienrealität: „I think, initially, this started when I noticed how news outlets whose audiences lean left or right run stories that suggest that the ‘other side’ is about to fall apart, “ sagte Warner. Er führt weiter aus, dass sich Ähnliches „in reverse“ im jeweils gegenteiligen Lager zeigt. In einem zweiten Zitat bringt er den Zusammenhang zwischen Erwartung und Enttäuschung auf den Punkt: „I know from personal experience – and it’s backed up by a lot of psychology – that people react badly when things don’t turn out the way they expect, “ erläuterte Warner. „So my original thought was that when people expect their party to win and then lose, they might come away from the election feeling even more hostile toward the other side.“ Entscheidend ist, dass die Studie diese Intuition mit großskaligen Datensätzen prüft, statt sie als reine Einzelfallbeobachtung zu belassen.
Für die erste Studie nutzte Warner die American National Election Study, eine lang laufende Befragungsreihe, die rund um jede Präsidentschaftswahl durchgeführt wird, ergänzt um kumulative Datensätze von 1952 bis 2020 sowie Umfragedaten von 2024. Vor jeder Wahl beantworteten Teilnehmende die Frage, wer ihrer Einschätzung nach im November gewinnt. Warner konnte so zwischen „Sieg-erwartenden“ Wählern unterscheiden, die ihrem favorisierten Kandidaten bzw. der Nominierung ihrer Partei den Sieg zutrauten. Um die objektiven Chancen pro Zeitraum zu berücksichtigen, ordnete er die Befragungsdaten jeweils dem siebentägigen gleitenden Durchschnitt nationaler Umfragen zu. Danach analysierte er Wellen von 1980 bis 2020 und prüfte, welche individuellen Merkmale die Dynamik der „poll-adjusted optimism“ erklären: unter anderem Parteitreue im Wahlverhalten, Bindungsstärke, Politiknähe, Interesse an Kampagnennachrichten, geographische Sortierung sowie politisches Wissen. Das Ergebnis ist deutlich: Die Zustimmung zu Sieg-Erwartungen schwankte über Jahrzehnte um rund 70 %, stieg in den 2000er-Jahren in die hohen 70 % und erreichte ab 2012 die hohen 80 %. „Polling mattered“ im Sinne einer messbaren Korrelation, doch der sprunghafte Trend ließ sich nicht vollständig durch Umfragenähe allein erklären.
Die zweite Studie machte die Mechanik zwischen Feindseligkeit und Erwartungen noch „innerhalb derselben Person“ sichtbar. Warner verwendete dazu Mehrwellen-Paneldaten aus der American National Election Study für die Jahre 2016, 2020 und 2024, mit über 5.100 Beobachtungen derselben Parteianhänger und unabhängiger Neigungen über mehrere Wahlzyklen. Feindseligkeit wurde auf einer Skala von 0 bis 100 über die Umkehr der „feeling thermometer“-Bewertung für die gegnerische Partei erfasst. In Modellen, die Veränderungen im Zeitverlauf innerhalb derselben Person isolieren, erhöhte steigende Abneigung zuverlässig die Wahrscheinlichkeit, einen Wahlsieg zu erwarten; der Zusammenhang war bei Demokraten stärker, bei Republikanern zeigte sich zwar die Richtung, aber ohne statistische Signifikanz. Besonders relevant für die demokratische Stabilität ist jedoch der Teil nach dem Wahltag: Wer im Vorfeld bereits mit dem Sieg gerechnet hatte, zeigte nach einer Niederlage keinen vergleichbaren Rückgang der Feindseligkeit. Laut den Auswertungen kühlen Verlierer, die auf eine Niederlage eingestellt waren, ihre Abneigung gegenüber der Gegenseite etwas ab; bei „Sieg-erwartenden“ Verlierern blieb dieser Effekt aus oder fiel deutlich schwächer aus. Damit kann ein scheinbar kleiner Erwartungsunterschied—„realistisch“ versus „sicher“ – in der Nachwahlphase größere politische Nebenwirkungen haben.
Methodisch ordnet Warner das Ergebnis mit wichtigen Einschränkungen ein. Da auf beobachteten Umfragedaten statt auf experimentellen Eingriffen basiert, lässt sich kein strikter Ursache-Wirkung-Beleg im Sinne eines kontrollierten Randomisierungsexperiments führen. Unbeobachtete Faktoren könnten gleichzeitig sowohl die Feindseligkeit als auch den Optimismus erhöhen; zudem kann Feedback in beide Richtungen wirken, weil hohe Erwartungen langfristig auch die Abneigung verstärken. Auch die Operationalisierung vor und nach der Wahl unterscheidet sich: Vorher nutzt die Studie eine 0- bis 100-„feeling thermometer“-Skala, nachher eine 11-Punkte-Like-or-Dislike-Bewertung, wodurch die Vorher-Nachher-Vergleiche näherungsweise bleiben. Trotzdem liefert der Mix aus großem Zeitschnitt, Panellogik und der Trennung zwischen „hoffnungsvoll“ und „realistisch“ ein konsistentes Bild: Die steigende Wahlhoffnung ist nicht allein ein kognitiver Fehler, sondern wird durch Polarisierungsdynamiken verstärkt und macht Enttäuschungen politisch „teurer“.
Für Unternehmen, die heute in stark segmentierten Märkten operieren, ist die Studie vor allem ein Signal für die Interdependenz von Informationsumgebungen und Erwartungslogik. Auch wenn es hier um Wahlen geht, lassen sich Parallelen zu digitalen Kommunikationssystemen ziehen: Wo Inhalte wiederholt den Eindruck einer sicheren Mehrheit erzeugen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass enttäuschte Gruppen emotional stärker reagieren – und zwar nicht nur kurzfristig, sondern in einer Phase, in der gesellschaftliche Institutionen und Normen unter Druck geraten können. Die Forschungsarbeit argumentiert zudem, dass das Dämpfen unrealistischer Erfolgserwartungen zur Stabilität nach Machtwechseln beitragen könnte, weil unvorbereitete Wähler besonders anfällig für Wut, Fehlinterpretationen und aggressive Deutungen sind. Dass die Effekte im Vergleich zur generellen Zunahme des Optimismus eher klein wirken, ändert nichts daran, dass bereits wenige Prozentpunkte in einem sensiblen Moment eine erhebliche Wirkung entfalten können.
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