LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie verknüpft zwei Narzissmus-Profile mit konkreten Mustern des „Selbstaufwertens“: Wer agentisch narzisstisch tickt, übertreibt vor allem bei Kompetenz- und Leistungsfragen. Kommunal geprägte Personen wirken dagegen moralisch besonders „rein“ – zeigen aber die Neigung, ihr Wissen quer über beide Bereiche auszudehnen. Damit wird manipulative Selbstinszenierung im Alltag greifbarer: Arbeitgeber, Teams und Beziehungen müssen unterscheiden lernen, welche Art von Anspruch tatsächlich hinter Aussagen steckt.

Eine Übertreibung ist selten harmlos, weil sie nicht nur die eigene Wahrnehmung schützt, sondern auch die soziale Deutungshoheit übernimmt. Genau darauf zielt eine aktuelle Untersuchung zur Künstlichen Intelligenz-basierten (gemeint: psychologischen) Selbstoptimierung im Kontext von Narzissmus: Die Autorinnen untersuchen, wie unterschiedliche Ausprägungen ihre Fähigkeiten und ihr Wissen „aufpolieren“. Dabei geht es weniger um das klassische Bild der arrogant posierenden Person, sondern um differenzierte Mechanismen. Insbesondere wird sichtbar, dass „großartig“ nicht nur heißt, besonders kompetent zu wirken, sondern je nach Profil sehr gezielt bestimmte Kategorien von Themen mit größerer Sicherheit zu beanspruchen.
Grundlage ist der psychologische Prozess der Selbstaufwertung (self-enhancement): Menschen betonen positive Eigenschaften oder Kenntnisse über das hinaus, was sie tatsächlich zeigen könnten. Normalerweise passiert das selektiv – dort, wo jemand die entsprechenden Merkmale selbst als besonders wertvoll ansieht. Bei stark ausgeprägtem Narzissmus wird diese Tendenz jedoch zu einem dominanten Bestandteil der Persönlichkeit: Wer sich als überlegen etablieren will, sucht beständig nach Wegen, den eigenen Status sichtbar zu machen. Die Forschenden nehmen dafür zwei zentrale Dimensionen von Narzissmus auseinander, vulnerablen und grandiosen Narzissmus, und konzentrieren sich anschließend auf die grandiose Ausprägung weiter, weil sie in der Selbstdarstellung besonders aktiv und sozial präsenter ist.
Grandioser Narzissmus lässt sich wiederum in agentische und kommunale Formen gliedern. Agentisch bedeutet: Validierung wird über Macht, Kompetenz und individuellen Erfolg gesucht. Kommunal heißt: Anerkennung entsteht darüber, außergewöhnlich hilfsbereit, „rein“ oder moralisch überlegen zu wirken. Gerade letzteres ist im Alltag schwerer zu erkennen, weil die Kommunikationsstrategie nicht zwingend mit offener Selbstverliebtheit beginnt, sondern als wohlmeinende Fürsorge auftreten kann. Wer etwa in einer Spendenorganisation als unverzichtbar inszeniert wird oder sich als besonders guter Elternteil darstellen lässt, kann dadurch zugleich soziale Anerkennung einfordern und ein dauerhaft vorteilhaftes Selbstbild stabilisieren.
Methodisch machen die Autorinnen den Sprung von „Eindruck“ zu messbarem Verhalten. Sie unterscheiden zunächst, ob Übertreibung über Selbstpromotion funktioniert – also das eigene Wissen und die eigene Qualität nach vorn stellt – oder ob sie über das Herabsetzen anderer erfolgt. Innerhalb des agentischen Bereichs kann das beispielsweise als Bewunderungssuche oder als Rivalität sichtbar werden. Innerhalb des kommunalen Bereichs zeigt sich der Selbstschutz entweder in „Sanftheit“ (sanctity) oder in heroischer Rahmung: So wirken Eingriffe in das soziale Umfeld nicht nur als Hilfe, sondern als einzigartig notwendiger Beitrag. Die zentrale Frage lautet dann: Welche Themen werden dabei übermäßig sicher behauptet?
Die Studie basiert auf 306 Studierenden in einem Online-Assessment, die sich ungefähr hälftig auf zwei Länder verteilen: Polen und Italien. Die Wahl ist nicht zufällig, weil die Forschenden davon ausgehen, dass kulturelle Baselines die Ausdrucksform narzisstischer Selbstaufwertung verändern. In beiden Ländern gibt es laut den Autorinnen ähnliche Bewertungen im Hinblick auf persönliche Meisterschaft und individuelle Ambition. Die Divergenz liegt aber bei der sozialen Harmonie: Italiens kultureller Schwerpunkt auf gemeinschaftliche Eigenschaften könnte demnach stärker kommunales „Boasting“ unterstützen. Um diese Hypothese zu prüfen, werden zwei Messansätze kombiniert, die Übertreibung inhaltlich trennscharf erfassen sollen.
Zum einen nutzen die Forschenden ein Overclaiming-Setup mit Wissenstests. Dabei erhalten die Teilnehmenden eine Themenliste, die sowohl agentische Felder (z. B. naturwissenschaftliche Kompetenz) als auch kommunale Felder (z. B. humanitäre Hilfe) abdeckt. Zu jedem Themenblock werden vier echte Begriffe und zwei komplett erfundene Begriffe angeboten. Wer erklärt, auch mit den Fake-Begriffen „sehr vertraut“ zu sein, überschreitet die Grenze vom legitimen Wetteifern zur nachweisbaren Überbehauptung. Zum anderen messen sie den „better-than-average effect“: Die Teilnehmenden sollen ihre eigenen Eigenschaften im Vergleich zu Gleichaltrigen einschätzen und konkret entscheiden, ob sie in die oberen fünf Prozent fallen. Agentische und kommunale Traits fließen dabei getrennt ein.
Die Ergebnisse zeichnen ein klares Muster für die agentische Variante: Personen mit hohen Werten in agentischer Bewunderung übertreiben konsistent ihr Wissen und ordnen sich als überlegen ein – besonders in Bereichen, die mit Intelligenz, Durchsetzungsfähigkeit und individueller Kompetenz verknüpft sind. Gleichzeitig zeigen sie bei kommunalen Themen weniger ausgeprägte Überbehauptungen, was die Idee stützt, dass die Selbstaufwertung stark in den eigenen „Wertkanon“ eingebunden bleibt. Ein zweiter agentischer Subtyp, die narzisstische Rivalität, hängt dagegen weniger mit Selbstverbesserung zusammen; hier scheint eher das Abwehren wahrgenommener Bedrohungen im Vordergrund zu stehen als ein systematisches Narrativ eigener Genialität.
Überraschender werden die Resultate bei kommunalem Narzissmus. Die Forschenden hatten erwartet, dass sich Übertreibung vor allem dort zeigt, wo Moral und sozialer Nutzen thematisiert werden. Stattdessen zeigt sich: Wer hohe Werte in kommunaler „Sanftheit“ hat, übertreibt nicht nur bei kommunalen Themen, sondern auch bei strikt agentischen Inhalten. Die Autoren interpretieren das so, dass kommunale Narzissten nicht ausschließlich als „moralisch überlegen“ wirken wollen, sondern auch als kompetent – und dafür Wissen oder Leistungsfähigkeit bewusst als Mittel einsetzen. Damit wird eine Art strategischer Brückennutzung sichtbar: Agentische Domänen dienen als glaubwürdig wirkender Hebel, um kommunale Ziele zu erreichen und überdurchschnittlich dazustehen.
Auch die Kulturhypothese liefert ein differenziertes Bild. Erwartet wurde, dass italienische Studierende stärkere Zusammenhänge zwischen kommunaler Narzissmus-Ausprägung und kommunaler Übertreibung zeigen. Tatsächlich findet sich im italienischen Sample kein messbarer Zusammenhang zwischen narzisstischen Merkmalen und dem Overclaiming gefälschter Wissensbegriffe. Zwar zeigen italienische kommunale Narzissten beim better-than-average Effekt deutliche Vorteile, doch diese weichen auffällig von der polnischen Gruppe ab. Die Forschenden schließen daraus, dass kulturelle Erwartungen zwar plausibel sind, die statistische Evidenz aber nicht die gesamte Varianz erklärt. Zugleich bleibt die Möglichkeit bestehen, dass Übertreibungen in bestimmten Umwelten kulturell „entkoppelt“ stattfinden.
Wie bei jeder korrelativen Studie sind Grenzen entscheidend. Erstens ist das Geschlechterverhältnis ungleich: Frauen sind überrepräsentiert, obwohl frühere Arbeiten nahelegen, dass Frauen im Schnitt höher in kommunalen Narzissmusprofilen ausfallen, während Männer häufiger agentische Profile zeigen. Das kann Baseline-Schätzungen verschieben. Zweitens besteht die Stichprobe aus Universitätsstudierenden. Akademische Umfelder belohnen faktisches Wissen besonders stark; dadurch könnte selbst eine kommunal geprägte Person versucht sein, Intelligenz zu übertreiben, um in der Peer-Group „kompatibel“ zu wirken. Drittens lässt die Designsog keine Kausalität zu. Die Autorinnen planen daher Folgeuntersuchungen in der Allgemeinbevölkerung und experimentelle Tests, in denen die Selbstbehauptungen aktiv herausgefordert werden.
Für Unternehmen und Teams ist die praktische Relevanz hoch: „Selbstoptimierung“ ist nicht identisch mit Lügen, aber die Muster helfen beim Erkennen manipulativer Kommunikationsstrategien. Wenn ein Mitarbeiter konsequent Kompetenzbereiche übersteigert, die er nicht fundiert belegen kann, deutet das eher auf das agentische Selbstaufwertungsprofil hin. Wenn dagegen eine Person moralische Verantwortung betont und zugleich Leistungs- oder Wissensansprüche überhöht, kann das auf kommunale Übertreibung mit strategischem Brückenbau hindeuten. In einem Interview mit den Autorinnen wird sinngemäß betont, dass solche Profile im Gespräch oft verwechselt werden, aber in Tests unterschiedlich „messbar“ werden. Vergleichbare Ansätze der Persönlichkeitspsychologie, etwa aus dem Umfeld um instrumentelle Selbstdarstellung (Self-Presentation) und die Big-Five-nahe Differenzierung von Traits, behandeln das Thema bislang stärker allgemein – die Studie liefert dafür nun eine thematisch operationalisierte Gegenüberstellung.
Ausblickend ist besonders spannend, wie sich diese Mechanismen in zukünftigen KI- und HR-Workflows auswirken könnten. In Bewerbungs- und Performance-Prozessen werden Bewertungen zunehmend automatisiert: nicht nur durch KI-gestützte Textanalyse, sondern auch durch standardisierte Kompetenzmodelle und strukturierte Interviews. Die Studie legt nahe, dass „Überzeugungskraft“ allein kein ausreichender Indikator ist, weil unterschiedliche Narzissmusprofile unterschiedliche Übertreibungsdomänen bevorzugen. Sobald Systeme stärker auf Fakten- und Gegenprüfbarkeit achten (z. B. Quellenabgleich, kontrollierte Wissensabfragen oder belastbare Nachweise), lässt sich manipulative Selbstaufwertung präziser begrenzen. Für Entwickler bedeutet das: Mess- und Auswertepipelines sollten nicht nur „Ton“ und „Statussignale“ erfassen, sondern auch domänenspezifische Plausibilität. Regulierung und Datenschutz bleiben dabei zentral, weil Profiling-Risiken und Bias in Auswahlprozessen sorgfältig adressiert werden müssen, bevor solche Systeme großflächig eingesetzt werden.
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