LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie zeigt, dass Zahlen in Lebensmittel- und Getränke-Markennamen Verbraucher stärker auf besseren Geschmack einschwören können. Entscheidend ist nicht nur, dass eine Zahl vorkommt, sondern wie sie dargestellt und ausgesprochen wird: als Ziffer oder ausgeschrieben. Besonders hohe Erwartungen entstehen, wenn Zahlen als Wörter erscheinen und zudem bestimmte Vokale enthalten. Für Markenmanager eröffnet das eine neue Hebelwirkung im Packaging, ohne das Rezept zu ändern.

Auf den ersten Blick wirkt es wie ein reines Design-Detail: Eine Zahl im Markennamen. Die neu veröffentlichte Arbeit in Psychology & Marketing argumentiert jedoch, dass solche numerischen Hinweise die erwartete Geschmacksqualität messbar verschieben können. Konkret geht es darum, wie Konsumenten das potenzielle „Geschmacksprofil“ wahrnehmen, noch bevor sie das Produkt tatsächlich probieren – also bei der ersten Begegnung mit Packung, Etikett oder Branding.
Der Erklärungsansatz nutzt die Verarbeitungseffizienz („processing fluency“): Wenn Informationen leichter zu verarbeiten sind, bevorzugen Menschen sie häufig. In manchen Situationen kann aber genau das Gegenteil wirken. Die Forschenden verweisen auf den Begriff „Disfluency“: Eine kleine mentale Hürde – etwa weil etwas visuell oder sprachlich etwas anspruchsvoller wirkt – kann dazu führen, dass das Gehirn die Komplexität fälschlich dem Produkt zuschreibt. Zahlen werden in diesem Modell zu einem milden Stimulus für visuelle und kognitive Komplexität. Die Studie unterscheidet dabei zwischen der Darstellung als Ziffer (z. B. „7“) und als ausgeschriebenes Wort (z. B. „seven“), weil letzteres beim Lesen im Kopf typischerweise mehr Sprachverarbeitung auslöst.
Besonders spannend wird es beim Klang der Zahl. Zusätzlich zur Darstellung prüfen die Autorin Nathalie Spielmann und ihr Mitautor Diego Vega die Idee der „phonetic symbolism“, also dass bestimmte Laute mit körperlichen Empfindungen oder abstrakten Qualitäten assoziiert werden. Im Fokus stehen vordere und hintere Vokale: Wörter wie „three“ oder „six“ enthalten laut der Studie eher vordere Vokale und werden als klanglich „leichter“ oder „spitzer“ eingeordnet, während Zahlen wie „one“ oder „two“ eher hintere Vokale tragen und dadurch „reicher“, „tiefer“ oder „schwerer“ wirken können. Spielmann führt in der Studie aus, dass vor allem ausgeschriebene Zahlen mit hinteren Vokalen diesen Effekt verstärken – weil das Aussprechen/innerliche Lesen zusätzliche sensorische Assoziationen triggert.
Um diese Hypothesen zu testen, führen die Forschenden vier getrennte Untersuchungen durch. Zuerst kommt ein Implicit Association Test zum Einsatz, bei dem 149 Teilnehmende in Nordamerika Brandnamen mit oder ohne Zahlen visuell sortieren und diese Kategorien Geschmacks- versus neutrale Begriffe zuordnen. Die Messgröße sind Antwort-Latenzen: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Teilnehmende schneller die Zuordnung treffen, wenn in der Brand-Bezeichnung Zahlen vorkommen – ein Hinweis auf eine implizite, automatisierte Erwartung, dass numerische Marken „tastier“ (geschmackvoller) seien. In der zweiten Studie wird dieser Effekt in der Praxis verankert: Die Autorin und ihr Team analysieren 695 Weintastings-Notizen aus einem internationalen Magazin über zwölf Monate. Unter 56 Weinen mit numerischen Namensbestandteilen und 639 ohne zeigen sich höhere Expertenwerte bei numerischen Marken (im Mittel 93,84 von 100 gegenüber 93,15), und in einer qualitativen Teilstichprobe mit 112 Notizen verwenden die Rezensenten für numerische Weine häufiger abstraktere und komplexere Beschreibungen.
Die dritte Studie prüft die Darstellungsform im kontrollierten Setting: 306 Teilnehmende sehen für ein fiktives Chipsprodukt die Brand-Bezeichnung entweder ohne Zahl, als Ziffer oder als ausgeschriebenes Zahlwort. Danach bewerten sie Erwartung an Geschmack und Komplexität auf einer siebenstufigen Skala. Die Muster sind klar: Ausgeschriebene Zahlen erzeugen die höchsten Geschmackserwartungen (5,42 von 7), während die Variante ohne Zahl darunter liegt (4,85). Statistisch wird der Unterschied dabei über stärker wahrgenommene Komplexität vermittelt. Die vierte Studie nutzt reale Konsumentendaten: Aus 1.032 Verbraucherbewertungen auf Vivino werden Weine mit numerischen Namen herausgefiltert und die Zahlen anhand ihres Startlauts in vordere und hintere Vokale eingeteilt. Hier zeigt sich ein wichtiger Grenzfall: Bei Ziffern-Formatierungen wirkt die phonische Differenz offenbar nicht auf die Ratings. Dagegen schneiden ausgeschriebene Zahlen mit hinteren Vokalen deutlich besser ab (3,91 von 5) als vordere Vokale (3,79). Genau diese Format-Abhängigkeit passt zur Logik, dass das „innerliche Mitlesen“ der Worte klangbezogene Sinnesassoziationen aktiviert, während das bloße Betrachten einer Ziffer nicht denselben Mechanismus auslöst.
Für das Branding ergibt sich daraus eine konkrete Handlungsfrage: Können Marken die wahrgenommene Geschmacksintensität steigern, ohne Rezeptur oder Inhaltsstoffe zu ändern? Die Studie selbst bleibt vorsichtig bei der Generalisierung, betont aber einen klaren Hebel. Spielmann argumentiert, dass viele Food- und Beverage-Unternehmen bei der Wahl numerischer Elemente möglicherweise zu wenig systematisch vorgehen. Gerade im Weinmarkt fällt laut ihr ein Muster auf: Viele „reiche“ oder „schwere“ Weinnamen werden numerisch als Ziffern geführt, während die klangliche Struktur eher mit vorderem Vokalcharakter korrespondiere – also mit Signalen, die typischerweise weniger „Komplexität“ nahelegen. Für Unternehmen bedeutet das: Nicht jede Zahl ist automatisch ein Gewinn, sondern die Kombination aus Darstellung (Wort versus Ziffer) und phonetischer Qualität kann entscheidend sein.
Gleichzeitig schränkt die Arbeit die Übertragbarkeit ein. Die Studien basieren überwiegend auf englischsprachigen Teilnehmern und westlichen Produktkategorien; Phonetik und „numerische Aberglauben“ variieren kulturell deutlich. Auch die Art der Produkte spielt hinein: Chips und Wein sind primär „hedonic“ – also genussorientiert und häufig zufällig bzw. erlebnisgetrieben. Bei funktionalen oder gesundheitsbezogenen Käufen greifen andere Entscheidungsmechanismen, sodass numerische oder phonische Hinweise dort möglicherweise weniger Wirkung entfalten. Für zukünftige Forschung regen die Autorinnen und Autoren daher physische Geschmackstests an, um Erwartungen tatsächlich mit Konsumerlebnissen zu koppeln. Interessant wäre zudem, ob individuelle numerische Kompetenz („numeracy“) die Effekte verstärkt oder dämpft – also ob Menschen mit anderer Zahlenerfahrung die Signale anders verarbeiten.
Unterm Strich liefert die Studie eine präzise, testbare Erklärung für etwas, das viele Marketingteams intuitiv kennen: Typografie und Markenklang entscheiden mit. Der Unterschied ist, dass hier nicht nur „Premium wirkt“, sondern konkret wird, warum ausgeschriebene Zahlen und bestimmte Vokalqualitäten Erwartungen an Geschmack und Komplexität erhöhen können. Für Markenmanager heißt das nicht, blind überall Ziffern zu platzieren, sondern bewusst zu prüfen, ob ein Produktversprechen mit dem gesprochenen und gelesenen Markenbild zusammenpasst – dann wird aus einem kleinen Gestaltungselement eine messbare psychologische Wirkung.
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