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SÃO PAULO / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Neurology-Studie verknüpft hohe Aufnahmen mehrerer Low- und No-Calorie-Süßstoffe mit einem schnelleren Abbau von Gedächtnis- und Denkfähigkeiten. Besonders deutlich soll der Effekt bei Menschen mit Diabetes ausfallen. Die Daten stammen aus 12.772 Erwachsenen, über acht Jahre gemessen. Wichtig bleibt: Die Arbeit zeigt nur einen Zusammenhang, keine direkte Ursache für Hirnschäden.

Zuckerersatz kann mit schnellerer kognitiver Alterung zusammenhängen
Zuckerersatz kann mit schnellerer kognitiver Alterung zusammenhängen (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer Zucker durch Low- und No-Calorie-Süßstoffe ersetzt, tut das häufig mit einem klaren Ziel: weniger Kalorien, weniger Blutzuckerspitzen, trotzdem süßen Geschmack genießen. Genau diese Alltagserwartung bekommt allerdings neue Reibung, weil eine Studie in der medizinischen Fachzeitschrift „Neurology“ der American Academy of Neurology in bestimmten Gruppen einen messbar schnelleren Rückgang kognitiver Leistungen beschreibt. Im Zentrum stehen sieben Süßstoffe, die in vielen ultraverarbeiteten Lebensmitteln und Getränken stecken – von Diät-Softdrinks bis zu zuckerarmen Desserts.

Technisch betrachtet geht es dabei weniger um „neue“ Moleküle, sondern um die Frage, ob die langfristige Exposition über die Nahrung mit Veränderungen in der Alltagskognition zusammenhängt. Die Forschenden untersuchten Daten von 12.772 Erwachsenen in Brasilien, die im Schnitt mit 52 Jahren in die Auswertung starteten und anschließend ungefähr acht Jahre begleitet wurden. Zu Beginn füllten die Teilnehmenden detaillierte Ernährungsfragebögen aus, mit denen sich die tägliche Zufuhr der sieben Süßstoffe abschätzen ließ: Aspartam, Saccharin, Acesulfam-K, Erythritol, Xylitol, Sorbit sowie Tagatose. Während dieser Zeit maßen Tests verschiedene Fähigkeiten wie Gedächtnis, Sprachflüssigkeit und die Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit.

Die auffälligste Ergebnislinie lautet: Wer die Süßstoffe am häufigsten konsumierte, zeigte eine deutlich schnellere Verschlechterung über die Messpunkte hinweg. Nach Anpassung an potenziell einflussreiche Faktoren wie Alter, Geschlecht, Bluthochdruck und kardiovaskuläre Erkrankungen ergab sich für die höchste Konsumgruppe ein um 62 % schnellerer Rückgang der Gesamtleistungen in Denken und Gedächtnis im Vergleich zur niedrigsten Konsumgruppe. Das wurde von den Autorinnen und Autoren in eine alltagsnahe Analogie übersetzt, nämlich in zusätzliche „kognitive Alterung“ von etwa 1,6 Jahren über den Studienzeitraum. Selbst eine mittlere Aufnahme war nicht neutral: Für die mittlere Gruppe wurde ein 35 % schnellerer Abbau berichtet, entsprechend grob 1,3 zusätzlichen Jahren kognitiver Alterung – wobei diese Werte auf Veränderungen in Testergebnissen und nicht auf einer direkten Messung biologischer Hirnalterung basieren.

Besonders relevant für die Interpretation ist der Subgruppenbefund. In den Auswertungen war der Zusammenhang nicht über alle Altersgruppen hinweg gleich stark: Bei Erwachsenen unter 60 Jahren zeigte sich eine klarere Verknüpfung zwischen höherer Süßstoffaufnahme und schlechterer Entwicklung der verbalen Flüssigkeit sowie der Gesamtleistung. Bei den über 60-Jährigen fanden die Forschenden dagegen keine vergleichbare Assoziation. Gleichzeitig war die Beobachtung bei Menschen mit Diabetes stärker ausgeprägt – ein Hinweis darauf, dass der Kontext der Stoffwechselgesundheit eine Rolle spielen könnte, auch wenn daraus noch keine direkte Kausalität folgt. Dass sechs von sieben untersuchten Süßstoffen (Aspartam, Saccharin, Acesulfam-K, Erythritol, Sorbit und Xylitol) mit schnelleren Abbauprozessen in Verbindung standen, während Tagatose als Ausnahme ohne gemessene Assoziation erschien, unterstreicht zudem: Nicht jede „zuckerfreie“ Alternative verhält sich möglicherweise gleich.

Für die gesundheitliche Praxis heißt das vor allem eines: Diese Arbeit liefert keine Entwarnung, aber auch keine Freigabe für pauschale Schlussfolgerungen. Die Autorin Claudia Kimie Suemoto weist selbst darauf hin, dass es sich um einen Zusammenhang handelt, nicht um einen Beweis für Ursache-Wirkung. Auch methodisch gibt es Grenzen: Die Ernährungsdaten beruhen auf Erinnerungen der Teilnehmenden, wodurch Portionen und Häufigkeiten systematisch verzerrt sein können. Zusätzlich ist das Studiendesign beobachtend, daher könnten andere Faktoren die Verbindung zwischen Süßstoffaufnahme und kognitivem Abbau mit erklären, selbst wenn die Analyse mehrere wichtige Unterschiede berücksichtigt. Für Verbraucherinnen und Verbraucher ist daher weniger die Frage „Erlaubt die Studie, alles abzusetzen?“ entscheidend, sondern eher: Welche Alternativen werden künftig im Detail untersucht und wie unterscheiden sich Wirkprofile im Langzeitverlauf?

Unterm Strich verschiebt die Studie die Diskussion weg vom schnellen „Zucker ist schlecht“-Reflex hin zu einer differenzierteren Betrachtung von Ersatzstrategien. Sie öffnet außerdem eine Tür für weitere Forschung, die sich stärker darauf konzentrieren muss, ob bestimmte Süßstoffe tatsächlich funktionell mit neuronalen Prozessen interferieren oder ob der beobachtete Effekt als Proxy für andere Ernährungs- und Gesundheitsmuster wirkt. Wenn nachfolgende Arbeiten die Mechanismen klären, könnte das für Unternehmen, die zuckerreduzierte Produkte entwickeln, ebenso Konsequenzen haben wie für Kliniken, die diätetische Beratung bei Diabetes strukturieren. Bis dahin gilt: Süßstoffe sind nicht automatisch „problemfrei“, aber auch nicht automatisch „schädlich“ – entscheidend wird die nächste Evidenzstufe sein, die Wirkungspfade und Risikogruppen sauber auseinanderzieht.

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