TOKIO / LONDON (IT BOLTWISE) – Forscher haben eine bisher unterschätzte Region im Gehirn identifiziert, die eine zentrale Rolle bei bipolaren Störungen spielen könnte. Die Entdeckung könnte neue Wege für Diagnose und Therapie eröffnen.

In einer bahnbrechenden Studie haben Wissenschaftler eine kleine, oft übersehene Region tief im Gehirn identifiziert, die möglicherweise eine zentrale Rolle bei der Pathologie der bipolaren Störung spielt. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass Neuronen im paraventrikulären Thalamuskern bei Menschen mit dieser Erkrankung sowohl in ihrer Anzahl reduziert als auch genetisch verändert sind. Diese Entdeckung könnte neue Ansätze für die Diagnose und Behandlung eröffnen.
Bipolare Störungen sind durch extreme Stimmungsschwankungen und Energielevel gekennzeichnet und betreffen etwa ein Prozent der Weltbevölkerung. Obwohl es Medikamente wie Lithium und Antipsychotika gibt, wirken diese nicht bei allen Patienten und haben oft schwerwiegende Nebenwirkungen. Um bessere Therapien zu entwickeln, benötigen Experten eine präzise Karte der Fehlfunktionen im Gehirn.
Frühere Forschungen konzentrierten sich hauptsächlich auf die äußere Schicht des Gehirns, den Kortex, der für höheres Denken und Verarbeitung zuständig ist. Doch bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie haben angedeutet, dass auch tiefere Strukturen während des Krankheitsverlaufs schrumpfen. Eine solche Struktur ist der Thalamus, der als zentrale Schaltstelle für sensorische Informationen und emotionale Regulation fungiert.
Innerhalb des Thalamus befindet sich der paraventrikuläre Thalamuskern, eine Region, die reich an chemischen Botenstoffen ist und Verbindungen zu Hirnarealen aufweist, die an Emotionen beteiligt sind. Trotz dieser Hinweise blieben die molekularen Details dieser Region beim Menschen weitgehend unerforscht. Ein Team unter der Leitung von Masaki Nishioka und Tadafumi Kato von der Juntendo University in Tokio hat nun eine Untersuchung gestartet, um diese Lücke zu schließen.
Die Forscher analysierten postmortales Gehirngewebe von 21 Personen mit bipolarer Störung und 20 Personen ohne psychiatrische Erkrankungen. Sie verwendeten eine Technik namens Einzelkern-RNA-Sequenzierung, um die genetischen Anweisungen zu katalogisieren, die von einzelnen Zellen verwendet werden. Diese Analyse ergab, dass der Thalamus erhebliche Veränderungen durchlaufen hatte, insbesondere eine Reduktion von etwa 50 Prozent der erregenden Neuronen im paraventrikulären Thalamuskern bei den Patientenproben.
Die verbleibenden thalamischen Neuronen zeigten auch eine veränderte genetische Aktivität. Die Studie identifizierte eine reduzierte Aktivität von Genen, die für die Aufrechterhaltung der Verbindungen zwischen Neuronen verantwortlich sind. Diese spezifische Kombination betroffener Gene deutet auf eine Anfälligkeit in der Handhabung von Kalzium und elektrischer Aktivität hin, was erklären könnte, warum so viele dieser Neuronen in den Patientenproben fehlten.
Die Forscher stellten auch fest, dass die Kommunikation zwischen den thalamischen Neuronen und den Mikroglia, den Immunzellen des Gehirns, gestört war. Diese Störung könnte zum Verlust von Synapsen oder zum Tod von Neuronen beitragen. Die gleichzeitige Verschlechterung der Funktion von Neuronen und Mikroglia deutet auf ein koordiniertes Versagen in der Region hin.
Die Ergebnisse legen nahe, dass der paraventrikuläre Thalamuskern ein Ziel für neue Medikamente sein könnte. Therapien, die darauf abzielen, diese Neuronen zu schützen oder ihre Funktion wiederherzustellen, könnten dort Erleichterung bieten, wo aktuelle Behandlungen versagen. Fortgeschrittene Bildgebung könnte sich auch auf diese Region konzentrieren, um die Erkrankung früher zu diagnostizieren.
Professor Kato betonte, dass die Entdeckung die Sichtweise der Wissenschaftler auf die Ursprünge der Krankheit verändern könnte. Diese Erkenntnisse könnten zu einem Paradigmenwechsel in der Forschung zur bipolaren Störung führen.
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