FRIBOURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine aktuelle Studie zeigt: Menschen mit hoher Verschwörungsmentalität bauen in einem Laborexperiment zwar keine durchgängigen Verschwörungsstories, sie lassen die Haltung aber in ihrer Wortwahl erkennen. Dafür nutzten Forschende Teilnehmende italienischer Universitäten und ließen sie einen mehrdeutigen Film interpretieren, bevor ein KI-System die Texte einordnete. Parallel wurde zusätzlich untersucht, welche Begriffe häufiger auftauchen und wie komplex Satzbau und Wortschatz sind. Für den Umgang mit Desinformation wird damit sichtbar, dass sich „Verschwörungsdenken“ oft eher in sprachlichen Signalen als in kompletter Storytelling-Struktur manifestiert.

Verschwörungsdenken tritt häufig nicht als ausgearbeitete „Drehbuch-Verschwörung“ auf, sondern schleicht sich in den Alltagssprachebene ein. Genau dieses subtile Leck untersuchen Forschende nun systematisch: Anstatt nur zu fragen, ob Menschen eine Verschwörung glauben, schauen sie darauf, wie sich eine entsprechende mentale Grundhaltung beim Schreiben bemerkbar macht. Ausgangspunkt ist eine Diskussion, die weit über Psychologieblogs hinausreicht: Wer Verschwörungen plausibler findet, vertraut tendenziell weniger auf wissenschaftliche Institutionen und hält sich häufiger auch weniger an etablierte gesellschaftliche Regeln. Das wirkt sich wiederum auf öffentliche Gesundheit und Umweltverhalten aus.
Technisch und methodisch spannend ist dabei der Ansatz, psychologische Unterschiede direkt mit sprachlichen Merkmalen zu verknüpfen. Die Forschenden arbeiteten mit dem Begriff „conspiracism“ als allgemeiner Disposition, Ereignisse als Folge geheimer, böswilliger Handlungen zu interpretieren. In einem ersten Experiment sahen 285 Studierende in Italien den apokalyptischen Thriller „Leave the World Behind“ und sollten anschließend in einem kurzen Essay ihre persönliche Interpretation formulieren. Als psychometrische Grundlage kam eine standardisierte Skala zum Einsatz, die „conspiracy mentality“ misst. Um die Essays inhaltlich zu bewerten, verwendeten die Autorinnen und Autoren zusätzlich ein Large Language Model, das Muster in Texten erkennt und Verschwörungsnarrative gewichten sollte.
Die Ergebnisse fielen jedoch anders aus als erwartet: Obwohl man eine direkte Kopplung zwischen hoher Verschwörungsmentalität und dem Auftauchen komplexer Verschwörungsplots vermutet hätte, zeigte sich im Gesamtbild kein signifikanter Zusammenhang zwischen Disposition und der Übernahme einer kohärenten Verschwörungsdramaturgie. Selbst Teilnehmende mit hoher „conspiracism“-Ausprägung schrieben im Laborsetting nicht automatisch vollständige Stories, die verdeckte Täterstrukturen erkennbar ausspielen. In einem zweiten Versuch wiederholten die Forschenden die Prozedur mit 100 weiteren Studierenden, änderten aber die Messung: Statt der ursprünglichen Skala nutzten sie eine „Generic Conspiracist Beliefs“-Skala, die stärker auf Regierungsverdeckungen und geheime Organisationen abzielt. Auch hier blieb der erwartete Zusammenhang zur Story-Struktur aus.
Damit rückt eine alternative Interpretation in den Vordergrund, die für Sicherheits- und Medienkompetenzkonzepte relevant ist: Vielleicht entstehen Verschwörungsnarrative nicht „automatisch“ aus der Mentalität eines Einzelnen, sondern brauchen Kontext, soziale Interaktion und explizite Rekrutierungsmechanismen. Die Forschenden erweiterten daher die Analyse und betrachteten nicht primär die Narrativarchitektur, sondern die konkreten Wortsignale. Dazu nutzten sie einen eigenen Wörterbuch-Ansatz mit verskörbungsbezogenen Begriffen wie „deception“, „government“ und „elite“. In dieser Detailperspektive zeigte sich dann doch ein Effekt: Je stärker die Verschwörungsdisposition, desto häufiger tauchten entsprechende Verdachtswörter in den Texten auf. Die Wirkung blieb aber auf die Lexik beschränkt.
Genau hier liegt der Kernbefund für die Einordnung in den Markt- und Wettbewerbsrahmen: Während vollständige Verschwörungsstories im Text ausblieben, zeigte die Wortwahl eine deutliche Assoziation mit typischer Sprache aus einschlägigen Online-Communities. Zusätzlich beobachteten die Autorinnen und Autoren ein sprachliches Muster namens „megalalia“ – dabei verwenden Personen in ansonsten einfachen Texten überproportional anspruchsvoll klingende Wörter. Auffällig war außerdem, dass die lexikalische Gesamtreife (über eine KI-gestützte Schätzung der „age of acquisition“ für tausende italienische Wörter) bei hoher Verschwörungsdisposition tendenziell niedriger ausfiel, obwohl gelegentlich einzelne „große“ Wörter eingestreut wurden. Parallel nahmen Teilnehmende mit höherer Disposition komplexere Satzstrukturen, also mehr syntaktische Schichtung, in Kauf.
Für die Markt- und Praxiswirkung ist dieser Unterschied zwischen „Wort“ und „Story“ entscheidend. In natürlicher Online-Umgebung sind Verschwörungstexte oft länger und wirken fragmentiert, springen zwischen Themen und überfordern Leserinnen und Leser mit einer Mischung aus selektiven Indizien. Dieses Stilmittel kann dabei helfen, Überzeugung zu erzeugen, indem es scheinbar „Belege“ zusammenklebt. Im Labor hingegen schrieben die Teilnehmenden keine längeren, verstreuten Texte und zeigten nicht die typischen Forumsmuster. Expertenargumente in der Forschungsliteratur legen deshalb nahe, dass das Umfeld die Ausdrucksform stärker prägt als die reine innere Disposition: Online gibt es einen sozialen Druck zur Rekrutierung und zur Anschlussfähigkeit an bestehende Narrative.
Für Unternehmen und Institutionen bedeutet das auch, wie man KI-gestützte Erkennung und Prävention von Desinformation denken sollte. Ein Large Language Model kann Verschwörungsabsicht offenbar nur dann zuverlässig markieren, wenn die Textlogik stark strukturiert und kohärent ist; bricht die Darstellung auseinander oder bleibt sie fragmentarisch, kann ein KI-Scoring weniger robust sein. Genau diesen Spalt adressierte der ergänzende Wörterbuch-Ansatz: Er „umgeht“ das Problem vollständiger Struktur und erfasst eher Grundvokabular. Vergleichbare Ansätze sind in der Praxis bereits in unterschiedlichen Bereichen sichtbar, etwa bei der Textklassifikation in Sicherheits- oder Moderationsteams, aber die Studie zeigt nun explizit, dass die entscheidenden Signale auf einer niedrigeren Ebene liegen können als der offensichtliche Narrativgehalt.
Der Ausblick der Autorinnen und Autoren öffnet mehrere Forschungs- und Umsetzungsoptionen. Zukünftige Studien sollen stärker untersuchen, wie komplexe Verschwörungsplots in Gruppen entstehen und sich kumulativ über Austausch, Vokabel-Sharing und allmähliche Normierung aufbauen. Ebenso stellt sich die gesellschaftlich brisante Frage, wer die prominenten Online-Verschwörungsnarrative tatsächlich produziert: Sind es vor allem „echte Gläubige“, oder schreiben auch strategische Akteure, die gezielt Sprache und Verdachtsmuster einsetzen, um politische oder finanzielle Effekte zu maximieren? Wenn sich die Befunde in weiteren Settings replizieren lassen, entsteht eine neue Priorisierung für künftige KI-gestützte Monitoring-Workflows: weniger Fokus allein auf komplette Story-Konstruktion, mehr Fokus auf sprachliche Mikro-Signale, Kontext und wiederkehrende Wortwahl – stets unter Beachtung von Datenschutz und möglichst geringer Eingriffsintensität.
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