BARGEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Ankündigung von Siegwerk, sein Werk in Bargen bis Anfang 2027 zu schließen, trifft mehr als 100 Beschäftigte direkt. Die Produktion von UV-Druckfarben soll in die Türkei verlagert werden, während nur ein kleinerer Restbetrieb in der Region Bern bleibt. Die Meldung reiht sich in eine breitere Welle von Werksschließungen in der Schweiz und darüber hinaus ein, getrieben durch Nachfrageverschiebungen und massiv steigende Kosten. Für Betriebsräte wird damit einmal mehr zentral, wie Sozialpläne rechtssicher, finanzierbar und sozial wirksam gestaltet werden.

Werksschließungen 2027: Wie Produktionsverlagerungen Arbeit und Sozialpläne prägen
Werksschließungen 2027: Wie Produktionsverlagerungen Arbeit und Sozialpläne prägen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Werksschließungen, die für 2027 angekündigt werden, wirken auf den ersten Blick wie eine reine Standort- und Personalnachricht. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch ein vielschichtiges Muster, das ganze Wertschöpfungsketten betrifft: sinkende Nachfrage in westlichen Märkten, gleichzeitig wachsender Absatz in Regionen mit anderen Preis- und Kostenstrukturen, plus der Druck durch Energiepreise, Währungsentwicklung und regulatorische Rahmenbedingungen. Genau dieser Mix treibt Entscheidungen wie bei Siegwerk an, wo mehr als 100 Beschäftigte in Bargen betroffen sind und die UV-Druckfarben-Produktion bis Anfang 2027 in die Türkei verlagert werden soll.

Technisch und operativ ist die Verlagerung mehr als nur „Produktion woanders aufstellen“. UV-Druckfarben hängen in der Praxis stark an Prozessstabilität, Rezepturkontrolle, Qualitätsparametern und an der Beherrschung komplexer Misch- und Abfüllabläufe. Wenn ein Standort wie Bargen schließt, muss das Unternehmen die industrielle Kompetenz – von der Chemie über die Prozessführung bis hin zu Labor- und Qualitätsworkflows – in den neuen Produktionsraum übertragen. Das erklärt auch, warum nicht alle Stellen verschwinden: In Bargen bleiben laut Angaben rund 35 bis 40 Mitarbeitende in einer technischen Einheit in der Region Bern, um Know-how abzufedern und Übergänge zu sichern.

Für die Belegschaft bedeutet das dennoch tiefe Einschnitte. Siegwerk plant einen Sozialplan, in dem 70 Prozent der Betroffenen eine Abfindung von mindestens sechs Monatsgehältern erhalten sollen. Wer bis zur endgültigen Schließung im Unternehmen bleibt, bekommt zusätzlich eine Prämie von bis zu neun Monatslöhnen. Branchenbeobachter sehen darin den Versuch, soziale Härten planbar zu machen, zugleich aber die Kostenstruktur des Unternehmens zu stabilisieren. „Sozialpläne müssen nicht nur finanziell tragfähig sein, sondern auch in jedem Schritt mit Blick auf Mitbestimmungsrechte und Fairness konsistent verhandelt werden“, betont ein Arbeitsrechts-Experte in einem Interview zur Praxis von Interessenausgleich und Sozialplan.

Marktseitig ist Siegwerk kein Einzelfall. Aus der Industrie wird berichtet, dass Findus sein Werk in Rorschach bis Ende 2026 schließt: 45 Vollzeitstellen sollen wegfallen, während die Fertigung nach Italien und Spanien verlagert wird. In der Drucktechnik schließt die Albert Frankenthal GmbH ihren Betrieb, bevor die Nachfrage wieder anspringt, während die Mutter Koenig & Bauer die Walzenproduktion nach Würzburg verlagert. Diese Beispiele ähneln sich im Kern: Unternehmen suchen nach Regionen, in denen Produktionskosten, Energiepreise und Skaleneffekte die Marge sichern. Wettbewerber verfolgen dabei oft ähnliche Pfade, auch wenn die Zielmärkte – etwa Osteuropa, Naher Osten oder Afrika – unterschiedlich gewichtet sind.

Die Parallelität wird besonders deutlich, wenn man die Makrotreiber betrachtet. In der Chemie- und Pharmaindustrie steigen Betriebskosten teils sprunghaft, während energieintensive Produktion und Emissionsauflagen direkt auf die Kalkulation durchschlagen. Berichte nennen etwa Preissteigerungen bei Wacker-Chemie ab 1. Juni 2026 für Produkte wie Harze um 15 Prozent. Gleichzeitig wächst die Belastung durch Stromkosten und den CO₂-Preis im EU-Emissionshandel. Wer solche Kostensteigerungen nicht in Preisen, Produktmix oder Produktivität ausgleichen kann, gerät in einen Zielkonflikt: Entweder restrukturieren Unternehmen, verkleinern Standorte oder verlagern Fertigung – oft in Länder mit günstigeren Rahmenbedingungen.

Hinzu kommt der Wettbewerbsdruck aus Asien, der besonders bei Grundstoffen und Wirkstoffen spürbar wird. Bei Sandoz wird etwa von einem Penicillin-Werk in Kundl berichtet, das trotz laufender Produktion nur noch mit minimaler Rendite arbeiten soll. Laut Unternehmensangaben unterbieten chinesische Wettbewerber Preise teils deutlich; in einem Jahr sollen bestimmte Wirkstoffpreise um 57 Prozent gefallen sein. Das ist weniger ein „Einzel-Schicksal“ als ein Signal: Wenn Preisbildung global entkoppelt wird, geraten europäische Anbieter in eine Abwärtsspirale aus Margendruck und Investitionszurückhaltung. Für die betroffenen Beschäftigten heißt das, dass Sozialpläne zunehmend als Teil der industriellen Transformationsstrategie verstanden werden müssen, nicht als nachgelagerter „Kostenblock“.

Für Unternehmen und Betriebsräte zeichnet sich daraus ein klarer Ausblick bis 2027 ab. Erstens werden Verlagerungen häufiger in Etappen geplant werden müssen, weil Know-how, Lieferketten und regulatorische Anforderungen selten „am Stichtag“ transferierbar sind. Zweitens wird die Qualität von Sozialplänen in der Praxis stärker unter die Lupe genommen: verhandlungsfeste Daten, belastbare Finanzierungszusagen und nachvollziehbare Kriterien werden wichtiger, sobald es viele parallele Schließungen gibt. Drittens steigt die Bedeutung von Vermittlungs- und Qualifikationsmaßnahmen, weil ein Teil der Mitarbeitenden nicht nur „abzufinden“, sondern wieder produktiv einsetzbar gemacht werden muss. So entstehen für den Arbeitsmarkt neue Engpässe – aber auch Chancen für Reskilling und regionale Neuanbindungen, sofern die Umsteuerung frühzeitig vorbereitet wird.


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