KIEW / LONDON (IT BOLTWISE) – Sicherheitsforscher warnen vor der Cybercrime-Gruppe GREYVIBE, die generative KI wie ChatGPT und Google Gemini gezielt in ihren Angriffszyklus einbindet. Die Kampagne soll mindestens seit August 2025 aktiv sein und schwerpunktmäßig ukrainische Behörden sowie Militär- und Zivilstrukturen treffen. Technisch auffällig sind mehrstufige Lieferketten mit Spear-Phishing, täuschenden CAPTCHA-Seiten und passgenauen Ladeprogrammen. Wie bei ähnlichen Akteuren verschiebt sich damit das Risiko: weniger Barrieren für weniger versierte Teams, aber größere Komplexität für Erkennung und Attribution.

GREYVIBE: KI-Tools wie ChatGPT und Gemini treiben Phishing- und Malware-Angriffe
GREYVIBE: KI-Tools wie ChatGPT und Gemini treiben Phishing- und Malware-Angriffe (Foto: IT BOLTWISE)
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Dass KI-gestützte Angriffe heute nicht mehr nur die Domäne hochqualifizierter Forschungsteams sind, zeigt die jüngste Analyse zur Gruppe GREYVIBE. Ausgelöst wird die Sorge vor allem durch den systematischen Einsatz generativer Künstlicher Intelligenz über den gesamten Angriffslifecycle hinweg: von der Erstellung überzeugender Phishing-Lures bis zur Unterstützung bei Codefragmenten für Loader und Obfuscation. Die Kampagne richtet sich nach übereinstimmenden Beobachtungen schwerpunktmäßig gegen ukrainische Zielorganisationen – von staatlichen Stellen über militärnahe Bereiche bis hin zu zivilen Institutionen – und verdeutlicht damit, wie eng sich moderne Cyberangriffe und KI-Workflows inzwischen verzahnen. Damit verschiebt sich die Risikolandschaft hin zu schnellerem Tooling, aber auch zu neuen Erkennungshebeln.

Technisch beschreibt die Untersuchung eine Multi-Vector-Strategie, die klassische Social-Engineering-Elemente mit täuschenden Web- und Datei-Lieferwegen kombiniert. In Spear-Phishing-E-Mails geben Angreifer offenbar ukrainische Behörden oder verwandte Organisationen vor und versorgen Empfänger mit schädlichen Archiven, die über Cloud-Dienste wie Google Drive zugestellt werden. Im Kern sollen die Payloads zunächst dezoyähnliche Dokumente ausliefern, während im Hintergrund Infektionsketten gestartet werden. Auffällig ist dabei der Einsatz spezialisierter Loader-Komponenten, die nicht nur die eigentliche Schadsoftware nachladen, sondern auch die Ausführung so steuern, dass statische Prüfungen weniger aussagekräftig sind.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Ablenkungs- und Ausführungstricks, die Opfer zur falschen Aktion bewegen sollen. Dazu gehören gefälschte CAPTCHA-Seiten, die Nutzer dazu verleiten sollen, unter dem Deckmantel einer scheinbaren Verifikation schädliche Befehle auszuführen. Zusätzlich betreibt GREYVIBE offenbar irreführende „Adult Club“-Webseiten, die insbesondere ukrainische Zielpersonen adressieren – mit einem besonderen Fokus auf Angehörige militärnaher Gruppen. Neben der Malware-Auslieferung werden dabei auch Kommunikations- und Conversion-Pfade genutzt: Über Social-Engineering-Mechanismen in Messaging-Umgebungen wie Telegram werden offenbar Personas aufgebaut, um Vertrauen zu erzeugen und Interaktionen in Richtung weiterer Kompromittierung zu lenken.

Genau hier kommt die generative KI als Beschleuniger ins Spiel. Laut Berichten wurden Tools wie ChatGPT, Google Gemini sowie Ideogram AI verwendet, um Phishing-Formulierungen zu variieren, Codefragmente zu unterstützen und damit Entwicklungs- sowie Iterationszyklen zu verkürzen. Besonders relevant ist, dass Forschende KI-induzierte Code-Muster in Obfuscatoren und Loader-Komponenten beobachtet haben, etwa im Umfeld von DAYLIGHT und TEASOUP. Ergänzend wird die Entwicklung von LegionRelay beschrieben, einem PowerShell-basierten Remote-Access-Trojaner, der u. a. Datei- und Screenshot-Funktionen ermöglicht. Gegenüber traditionellem Copy-Paste reduziert KI offenbar die Abhängigkeit von wiederverwendbaren Bausteinen – was Attribution über bekannte Signaturen erschweren kann.

Gleichzeitig offenbart der Ansatz auch Schwachstellen, die für Verteidiger strategisch wichtig sind. Bei LegionRelay wurden Design- und Implementierungsdetails identifiziert, die Backend-Funktionalitäten so stark „durchscheinen“ ließen, dass Sicherheitsforschende die Aktivität über Zeit verfolgen konnten. Diese Beobachtung passt zu einem breiteren Muster in der Sicherheitsindustrie: Mit wachsender Automatisierung steigen zwar Tempo und Breite der Angriffe, doch operative Reife bleibt häufig begrenzt. GREYVIBE zeigt in der Analyse Zeichen von inkonsistenter Betriebsdisziplin, etwa wenn Testproben auf öffentliche Plattformen hochgeladen werden oder Tooling weniger stringent konsolidiert ist. Für Unternehmen bedeutet das: Mehrschichtige Telemetrie ist entscheidend, weil einzelne Fehler sonst zu spät erkannt werden.

Zur Wirkungskette gehört ein klar beschriebenes Toolkit. PhantomRelay wird als modularer RAT eingeordnet, dessen Kommunikation offenbar auf WebSockets für die Befehlsausführung setzt. FallSpy wiederum zielt auf Android und soll sensible Daten exfiltrieren, darunter Kontakte, Standort- und Geräteinformationen. LegionRelay erweitert den Funktionsumfang um Dateiabriff, Screenshot-Aufnahme sowie die Exfiltration von Messaging-Daten. Für die Verteidigung ist weniger die einzelne Komponente ausschlaggebend als die Gesamtarchitektur: Loader, Kommunikation, Exfiltration und Social-Engineering folgen einem integrierten Muster. Damit erhöht sich der Druck auf Endpoint-Schutz, Netzwerkmonitoring und Incident Response-Prozesse, die KI-„Bypass“-Strategien berücksichtigen müssen.

Aus Markt- und Wettbewerbsblick wird die Sache besonders deutlich: Während klassische APT-ähnliche Akteure oft über Jahre erprobte Betriebsmodelle ausbauen, holen weniger erfahrene Gruppen durch KI-Assistenz schneller auf. In der Praxis konkurrieren damit zwei Trends miteinander: Einerseits erhöhen Anbieter von Security-Lösungen (z. B. mit verhaltensbasierter Erkennung oder sprach-/content-Analytik) die Hürde für Phishing und Malware. Andererseits senken KI-Workflows die Einstiegsschwelle für Angreifer, die sich zuvor stärker auf wenige Templates stützen mussten. Experten berichten zudem, dass die Beobachtungen zu GREYVIBE in Richtung eines „Hybrid Threat Model“ deuten könnten, weil Infrastruktur-Überlappungen mit bekannten Cybercrime-Umgebungen sichtbar sind. Das macht die Attribution besonders schwierig, weil staatlich motivierte Ziele und kriminelle Toolketten zunehmend verschmelzen.

Für die Zukunft lassen sich mehrere Implikationen ableiten. Erstens wird generative KI die Qualität von Social-Engineering beschleunigen: Texte wirken flüssiger, Varianten lassen sich schneller A/B-testen, und Lokalisierung wird stärker automatisiert. Zweitens verschieben sich die Abwehrschwerpunkte von reiner Signaturerkennung hin zu Korrelationen über Zeit, Kontext und Verhalten – etwa über Ladeketten, Ausführungsanomalien und Kommunikationsmuster. Drittens sollten Unternehmen ihre Governance rund um KI-gestützte Angriffsszenarien in Sicherheitstrainings spiegeln: nicht nur „Phishing erkennen“, sondern auch „Phishing-zu-Ausführung“ als Kette verstehen. Wie sich das regulatorisch und datenschutzseitig auswirkt, hängt von der jeweiligen nationalen Umgebung ab, doch praktisch gilt: Je besser die Datenminimierung und Zweckbindung in Monitoring-Konzepten umgesetzt ist, desto eher lässt sich Telemetrie auch unter Compliance-Anforderungen kontinuierlich verbessern.


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