NORDAMERIKA / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine China-gebundene Spionagegruppe (UNC6508) hat sensible Forschungs- und Verteidigungs-E-Mails abgezogen, indem sie bei Google Workspace nicht das Postfach selbst, sondern dessen Content-Compliance-Regeln missbrauchte. Der Trick: Die Angreifer erstellten Regeln, die passende Nachrichten automatisch per BCC an ein kontrolliertes Postfach kopieren ließen – ohne zusätzliche Exfiltrations-Tools oder ungewöhnlichen Mail-Traffic. Technische Basis war ein Backdoor-Mechanismus in REDCap, der fortan in den Serverbetrieb hineinwirkte. Der Vorfall zeigt, wie wichtig Audit-Logs, regelbasierte Postfachprüfungen und phishing-resistentes MFA für Administratoren sind.

Die jüngst veröffentlichte Analyse der Threat Intelligence Group (GTIG) macht eine neue Qualitätsstufe in der modernen Spionage sichtbar: Daten werden nicht nur über klassische Malware entwendet, sondern über die funktionalen „Assistenz“-Bausteine von Cloud-Produktivsystemen. Die Gruppe UNC6508 nutzte dafür eine Kombination aus kompromittierten Forschungsplattformen und ausgenutzten Administrationsfunktionen in Google Workspace. Während im ersten Schritt ein bestehender Web-Dienst als Einfallstor diente, verschob sich der Fokus im zweiten Schritt auf eine scheinbar harmlose Compliance-Option, die E-Mails anhand von Suchbegriffen durchsucht und bei Übereinstimmung automatisch umleitet oder kopiert. Entscheidend ist: Ein solcher Missbrauch lässt sich oft im Mail-Setup erkennen, aber nicht zwingend als „Attack Traffic“ im Netzwerk.
Technisch begann alles bei REDCap (Research Electronic Data Capture), einer weit verbreiteten Web-Plattform, mit der Kliniken und Universitäten Studien- und Forschungsdatenbanken planen, befüllen und verwalten. Laut GTIG wurden extern erreichbare REDCap-Server in Nordamerika kompromittiert, wobei der genaue anfängliche Zugriffspunkt zunächst offen bleibt. Die Angreifer prüften jedoch verwundbare, ältere REDCap-Installationen und bauten nach einer gewissen Liegezeit einen mehrstufigen Eingriff ein. Etwa drei Monate nach dem Eindringen installierten sie die benutzerdefinierte Backdoor „INFINITERED“, die REDCap selbst „trojanisiert“, indem sie den Update-Prozess so manipuliert, dass neue Versionen die schädliche Komponente erneut einbetten.
Damit bleibt die Backdoor persistent, ohne dass Administratoren zwingend eine klassische Neuinstallation oder neue Artefakte bemerken. Zusätzlich verändert INFINITERED die Login-Kette, indem es Benutzernamen und Passwörter von der Anmeldeseite abgreift und verschlüsselt in lokalen Datenbanktabellen speichert. Schließlich nutzt die Komponente einen steuerbaren Kanal über HTTP-Cookies und führt Aktionen bei jedem Seitenaufruf aus. Für die weitere Ausbreitung kombinierte die Gruppe danach interne Aufklärung mit Credential Discovery: Sie sammelte Datenbank- und Service-Account-Zugänge, nutzte diese, um seitlich im Netzwerk zu pivotieren, und erreichte schließlich Domain-Administrator-Rechte. Auch wenn Google den exakten Pfad dorthin nicht im Detail erläutert, ist das Muster aus Cloud- und Identity-Übernahmen hinlänglich bekannt und lässt sich als typische Angriffskette vom initialen Host bis zur Identity-Ebene beschreiben.
Der „ungewöhnliche“ Teil liegt jedoch in der Exfiltration: UNC6508 brauchte keinen separaten Mail-Diebstahl-Mechanismus und keinen Extra-Traffic, der sofort nach „Data Exfiltration“ aussieht. Stattdessen missbrauchte die Gruppe Content-Compliance-Regeln in Google Workspace, also eine legitime Administratorfunktion, die Mailinhalte auf definierte Bedingungen prüft. Die Angreifer legten eine Regel an – mit bewusstem Tippfehler im Namen – und hinterlegten rund 150 Suchbegriffe, Keywords und E-Mail-Adressen. Sobald eine Nachricht diese Kriterien erfüllte, wurde sie „still“ per BCC an ein von den Angreifern kontrolliertes Gmail-Konto gesendet; dieses Konto hat Google inzwischen deaktiviert. GTIG betont dabei, dass ähnliche Forwarding-Regeln auch in anderen Cloud-Mail-Suiten existieren – neu sei für die Beobachter vor allem die konkrete Vorgehensweise über Domain-Content-Compliance-Regeln durch einen China-gebundenen Akteur.
Aus Markt- und Vergleichssicht ist das ein Signal, dass „regelbasierte Automatisierung“ ein neues Einfallstor in der Governance-Schicht wird. Zwar katalogisiert MITRE bereits Techniken, bei denen Weiterleitungsregeln missbraucht werden, doch die praktische Umsetzung wirkt hier besonders effizient: Der Angreifer bleibt im Rahmen der erwarteten Produktfunktionen, wodurch Telemetrie-Pattern oft weniger eindeutig sind. Wer heute z. B. mit Microsoft 365 arbeitet, kennt ähnliche Mechanismen etwa über Exchange Transport-Regeln, DLP-Workflows oder Compliance-Policies; auch dort müssen Administratoren auditieren, wer Regeln anlegt und wann sie geändert werden. Branchenexperten fassen es aktuell oft so zusammen: „Wenn ein Angreifer erst Administratorrechte hat, wird selbst die Sicherheitsfunktion zur Datenabfluss-Routine.“ In diesem Fall passten die Suchbegriffe eng zu Spionageprioritäten – von militärischen Strategien und Ausrüstungen bis zu fortgeschrittener Technologie einschließlich KI sowie zu spezifischer medizinischer Forschung; besonders hervorgehoben wurde ein Bezug auf den Erreger Chikungunya im Kontext eines Ausbruchs.
Für die Abwehr folgt daraus ein klarer Handlungsfokus, der über Patchen hinausgeht. Bei REDCap empfiehlt GTIG, extern erreichbare Instanzen konsequent zu aktualisieren und alte Versionen vollständig zu entfernen, weil REDCap es ermöglicht, Legacy-Builds parallel laufen zu lassen – genau das eröffnet Downgrade- und Rollback-Angriffe in bekannte Verwundbarkeiten. Auf der Mail-Seite sollte man Content-Compliance und Mail-Forwarding-Regeln nicht nur auf „aktuelle“ Einstellungen prüfen, sondern Change-Events in Audit-Logs betrachten: Wann wurde eine Regel erstellt, wer hat Änderungen durchgeführt und gab es ungewöhnliche Keyword-Muster oder Zieladressen außerhalb der Organisation? Zusätzlich lohnt ein proaktives Hunting nach publizierten Indikatoren rund um INFINITERED. Und mindestens ebenso wichtig: Administratorkonten müssen phishing-resistentes MFA erhalten, denn der eigentliche Exfiltrationsschritt hängt praktisch vollständig an der Kontrolle über die Compliance- und Regelkonfiguration.
Der nächste Schritt für viele Organisationen ist damit ein organisatorischer wie technischer: Cloud-Controls müssen so behandelt werden wie klassische Berechtigungen in Identity- und Admin-Backbones. Google bleibt dabei in einem Kernpunkt vage – wie UNC6508 den ersten Weg in die REDCap-Server gefunden hat –, aber das ändert nichts am Risiko für die Praxis. Entscheidend ist, dass ein einmaliges Eindringen in ein Forschungs- oder Kliniksystem nicht nur Datenbanken gefährdet, sondern über administrative Rechte die Governance-Schicht von Produktivsystemen „umprogrammieren“ kann. In Zukunft werden solche Angriffe voraussichtlich stärker auf legitime Workflows setzen, weil sie weniger auffällige Spuren erzeugen als eigenständige Exfiltrations-Tools. Für Entwickler und Sicherheitsteams bedeutet das: Regelwerke, Automatisierungen und Compliance-Features müssen versioniert, streng begrenzt und mit sauberen, nachvollziehbaren Audit-Trails versehen werden – sonst wird aus „Sicherheitsfunktion“ ein stiller Datenkanal.
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