LAUSANNE / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue VR-Studie am EPFL zeigt, dass Mäuse visuelle Infotaxis aktiv einsetzen, obwohl ihre Sehschärfe stark eingeschränkt ist. Statt nur zu reagieren, passen sie Laufwege, Annäherungswinkel und Geschwindigkeit an, sobald Objekte teilweise verdeckt sind. Das Verhalten skaliert fein mit dem Grad der Okklusion und tritt bereits beim ersten Auftreffen auf die Blockaden auf. Damit rückt die Forschung ein Modell in den Fokus, das Sehen und Motorik in Echtzeit koordiniert.

Mäuse nutzen visuelle Infotaxis – VR-Studie zeigt adaptive Informationssuche
Mäuse nutzen visuelle Infotaxis – VR-Studie zeigt adaptive Informationssuche (Foto: IT BOLTWISE)
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Mäuse gelten in der Neurowissenschaft lange als pragmatisch: Sie reagieren schnell, lernen Aufgaben und navigieren meist über Geruch, Schnurrhaare und Gehör. Dass ihr Sehvermögen dagegen eher ein schwacher Sinn ist, gilt als solide Annahme. Genau an dieser Stelle setzt die aktuelle Studie an und bricht mit einem Kernbild der Verhaltensforschung: Die Tiere nutzen nicht nur Sichtreize, sondern optimieren aktiv, wo in ihrem Blickfeld sie “Information” einsammeln. Technisch passiert das in einer kontrollierten virtuellen Umgebung, in der sich der verfügbare Bildinhalt pro Bewegung präzise verändern lässt.

Die Grundlage ist die kognitive Idee des active sensing: Tiere bewegen sich strategisch, um bessere Messdaten zu erhalten. Eine spezielle Form davon heißt Infotaxis. Dabei leiten Organismen ihre Trajektorie so ab, dass sie die erwartete Informationsmenge über ein Ziel maximieren. Entscheidender Punkt im Mausmodell: Sie besitzen keine Fovea, jenes Areal der Netzhaut, das Menschen scharfe Details im Zentrum liefert, inklusive hoher Farbauflösung. Wenn Objekte verdeckt sind, reicht „Zukneifen“ oder „fokussieren“ nicht. Die Studie zeigt deshalb, dass Mäuse ihren gesamten Körper einsetzen, um die visuelle Datenlage zu verbessern.

Um diesen Mechanismus sauber zu testen, bauen die Forschenden eine vollständig immersive 3D-VR-Arena. Der Clou liegt nicht im Rendering an sich, sondern in der Kopplung von Echtzeit-Perspektive und Bewegung: Die virtuelle Szene wird fortlaufend aus der jeweils aktuellen Kopf- und Körperposition des Tiers heraus dargestellt. Zusätzlich tracken sie die Tiere markerlos mit einer KI-basierten Pipeline, konkret DeepLabCut-Live, die aus dem Mathis-Umfeld hervorgegangen ist. Eine 100-Hz-Überwachung aus der Vogelperspektive stabilisiert die Messung, sodass sich Annäherungsgeschwindigkeit und Pfadkrümmung zuverlässig mit dem Sichtstatus korrelieren lassen.

Das experimentelle Design nutzt ein „Teardrop“-Paar aus Zielsymbol (weiß) und Ablenkersymbol (schwarz). Nach dem Training, bei dem Mäuse durch Laufen zur linken oder rechten Seite entscheiden, kommt die zentrale Manipulation: Virtuelle Wände verdecken große Teile beider Objekte und lassen nur eine schmale Lücke in Richtung der Startposition. In der schwierigsten Variante sind zu Beginn nur rund 10% sichtbar. Wenn Mäuse dennoch zielgerichtet entscheiden, müssen sie ihre Strategie ändern: Tatsächlich laufen sie näher an den Bildschirm heran, verlangsamen beim Annähern, wählen stärker verschlungene Wege und korrigieren bis hin zum Richtungswechsel, sobald neue Bildbereiche sichtbar werden.

Damit beantwortet das Setup eine grundlegende Frage aus der Verhaltensanalyse: Wie kann Informationssuche funktionieren, wenn die visuelle Auflösung begrenzt ist? Der Effekt ist nicht nur qualitativ, sondern skaliert. Die Studie testet fünf Okklusionsstufen und zeigt, dass die Infotaxis kontinuierlich mit dem Anteil verdeckter Zielinformation mitgeht. Je stärker die Sicht blockiert ist, desto später und desto näher nähern sich die Tiere der Projektion, bevor sie sich festlegen. Unter hoher Okklusion treffen sie dadurch häufiger die richtige Wahl. Als Vergleich aus dem Tracking-Lager ist wichtig: DeepLabCut ist nicht das einzige Tool; in der Praxis konkurrieren Ansätze wie SLEAP ebenfalls mit markerlosen Workflows, doch hier liegt die Stärke in der nahtlosen Kopplung an die VR-Regelkreise.

Auch methodisch ist der Schritt relevant für den Markt der experimentellen Neurowissenschaften. Viele frühere Messungen fokussierten auf stationäre Darstellungen oder auf stark eingeschränkte Bewegungsfreiheit, weil EEG, Calcium-Imaging oder Multi-Elektroden-Setups im Labor häufig gegen dynamische Aufgaben verlieren. Mit der VR-Arena und der frei verfügbaren Tracking-Umgebung entsteht dagegen ein Standard, der aktive Entscheidungsstrategien und neuronale Messungen zusammenbringen kann. Aus Sicht von KI-Entwicklungsteams bedeutet das: Man bekommt ein wiederholbares Daten- und Auswertungsgerüst, statt nur eine Einmalstudie. Branchenbeobachter berichten zudem, dass die Kombination aus Echtzeit-Visualisierung, robustem Pose-Estimation und klaren Verhaltensmetriken zunehmend als Blaupause für “Closed-Loop”-Experimente gilt.

Die Studie unterstreicht zudem einen historischen Lernprozess in der Technik: VR-Systeme für Labortiere sind nicht neu, doch die reale Durchgängigkeit von Echtzeit-Rendering bis zur markerlosen Verhaltensmessung ist entscheidend geworden, als KI-gestütztes Tracking zuverlässig und skalierbar wurde. DeepLabCut und ähnliche Frameworks machten es möglich, Bewegungen ohne invasive Marker zu erfassen, was wiederum bessere Bedingungen für längere Sessions und natürlichere Verhaltensmuster schafft. Für die nächste Iteration ist interessant, wie gut sich das in andere sensorische Modalitäten übertragen lässt: Wie verändert sich Infotaxis, wenn die visuelle Informationssuche mit Geruch oder Hörreizen überlagert wird? Die aktuelle Arbeit deutet darauf hin, dass das Gehirn selbst bei “schwacher” Sicht einen aktiven Kompensationsmechanismus bereitstellt.

Aus regulatorischer und sicherheitsrelevanter Perspektive bleibt festzuhalten, dass die Experimente unter den Vorgaben der Schweizer Tierschutzgesetzgebung durchgeführt und von zuständigen Veterinärbehörden genehmigt wurden. Für Organisationen, die solche Setups nachbauen wollen, wird damit ein wichtiger Referenzpunkt gesetzt: Ethik- und Governance-Prozesse sind Teil des Projektpfads, nicht nachträglich. Zukünftig dürfte die offene Bereitstellung der Plattform die Hürde senken, um schnelle Hypothesentests zur Koordination von Sehen und Motorik zu realisieren. Wenn sich „Information gain“ als messbares Optimierungsziel weiter operationalisieren lässt, eröffnet das nicht nur neue Einsichten in die Biologie, sondern auch ein Trainingssignal für KI-Systeme, die in unvollständigen Umwelten gezielt nach relevanten Beobachtungen suchen.


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