LONDON (IT BOLTWISE) – Die Zahl der Ausnahmegenehmigungen für Sonntagsarbeit in Deutschland ist von 25.000 (2015) auf 51.700 (2025) gestiegen. Gleichzeitig fordern Handwerk und Arbeitgeber mehr Flexibilität beim Arbeitszeitrecht, während Gewerkschaften Gesundheitsrisiken betonen. Ein Referentenentwurf zur Reform diskutiert eine Umstellung von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit – mit der Einschränkung, dass der Spielraum nur tarifgebundenen Betrieben offensteht. Für Betriebe kommt zudem ein engerer Takt bei der elektronischen Arbeitszeiterfassung hinzu, der laut Kritik zusätzlichen Aufwand erzeugt.

Die Debatte um Arbeitszeiten in Deutschland bekommt eine neue Schlagseite: Während Arbeitgeber und Handwerk eine Modernisierung des Arbeitszeitgesetzes verlangen, zeigen die Zahlen zur Sonntags- und Feiertagsarbeit, dass die Praxis bereits heute weit stärker ausweicht als viele Unternehmen im Alltag kommunizieren. So stiegen die registrierten Ausnahmegenehmigungen für die Sonntagsarbeit von 25.000 im Jahr 2015 auf 51.700 im Jahr 2025. In sechs Bundesländern legten dokumentierte Fälle zwischen 2015 und 2025 besonders stark zu: von einer kleineren Basis auf 98 Fälle, was einem Anstieg von 1.600 Prozent entspricht.
Inhaltlich läuft die Reformdiskussion an einer Stelle zusammen, die viele Betriebe aus der täglichen Einsatzplanung kennen: die Frage, wie flexibel sich Arbeitszeit in der Praxis steuern lässt, ohne dass daraus ein Gesundheits- oder Schutzproblem entsteht. Ein im Juni 2026 vorgelegter Referentenentwurf zur Reform setzt deshalb auf einen Perspektivwechsel: Statt die tägliche Höchstarbeitszeit als feste Leitplanke zu behandeln, soll eine wöchentliche Betrachtungsweise greifen. Der Haken liegt laut Kritik gerade nicht in der Idee an sich, sondern in den Bedingungen für den Zugriff auf den „Spielraum“: Er soll nur tarifgebundenen Betrieben offenstehen.
Damit prallen zwei Realitäten aufeinander. Arbeitgeberseite und Verbände argumentieren mit Bürokratieabbau und planbarer Personaleinsatzsteuerung, doch Gewerkschaften warnen ausdrücklich vor Gesundheitsrisiken. Besonders deutlich wird die Schieflage, wenn man die Tarifbindung als Engpass betrachtet: Laut den Angaben des Arbeitgeberpräsidenten Dulger und einer IW-Expertin Hammermann sind nur etwa 20 Prozent der Betriebe in Deutschland tarifgebunden. Für die übrigen Betriebe würde das bedeuten, dass die geplante Flexibilisierung nur begrenzt dort ankommt, wo der Bedarf an mehr Stundensteuerung im Tagesgeschäft tatsächlich am größten ist.
Zusätzlich verschärft sich der operative Aufwand an einer Stelle, die in vielen Unternehmen als „Nebenprozess“ gilt: die Arbeitszeiterfassung. Der Entwurf zielt darauf, dass die elektronische Erfassung künftig noch am selben Tag erfolgen soll. In der Praxis kann das je nach Schichtmodell, Baustellenlogistik oder Einsatztakt bedeuten, dass Vorarbeiter früher als bisher nachfassen müssen, Datenleitungen eng getaktet werden und mobile Systeme stärker im Hintergrund überwachen. Parallel dazu sinkt nach den vorliegenden Angaben die Kontrolldichte: 2024 führten Behörden 12.972 Arbeitszeitkontrollen durch, das sind 11 Prozent weniger als im Vorjahr; seit 2015 summiert sich der Rückgang auf 23 Prozent.
Die Mischung aus steigender Ausnahmevergabe und abnehmender Kontrolldichte erhöht für viele Unternehmen den Druck, sich rechtliche Klarheit selbst zu erarbeiten. Gleichzeitig bleibt die Politik umstritten: Während DIHK-Präsident Adrian offenbar eine Grundgesetzänderung für rechtssichere Sonntagsöffnungen in den Raum stellt, lehnt SPD-Fraktionschef Miersch weitere Lockerungen ab. Die Bundesregierung plant derweil nur punktuelle Ausweitungen, etwa für Bereiche wie Bäckereien, Konditoreien und Bibliotheken. Für Betriebe heißt das: Wer im Alltag knapp kalkuliert, braucht nicht nur Spielräume, sondern vor allem präzise Regeln, damit Zuschläge und Dokumentation im Ernstfall belastbar bleiben.
Dass dabei nicht nur das Arbeitszeitgesetz, sondern auch angrenzende Pflichten aus dem Mess- und Dokumentationsumfeld hineinwirken, zeigt ein Blick ins Handwerk. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) fordert eine mittelstandsverträgliche Umsetzung. Besonders betroffen nennt der Verband Betriebe der Metallverarbeitung, etwa beim Warmwalzen, Drahtziehen oder bei der Stuckverzinkung, wo neue EU-Vorgaben mit Mess- und Dokumentationspflichten vor allem kleine Unternehmen zusätzlich belasten. Das verstärkt den Grundkonflikt: Flexibilisierung im Arbeitsrecht ist nur dann hilfreich, wenn sie nicht an anderer Stelle über zusätzliche Melde-, Mess- und Nachweispflichten wieder aufgefressen wird.
Parallel ändert sich der übergeordnete Rahmen durch Technologie und Produktivitätserwartungen. In einem internationalen Vergleich lag die durchschnittliche Wochenarbeitszeit 2025 in Deutschland bei 34,2 Stunden, im EU-Schnitt bei 36,7. In der Politik wird deshalb über die Abfederung von Bedarfsspitzen durch sehr lange Tagesgrenzen diskutiert, sogar mit Blick auf 13-Stunden-Tage als punktuelle Höchstgrenze. Eine Untersuchung der Emory University deutet zudem darauf hin, dass KI-Einsatz tendenziell zu längeren Arbeitszeiten führen kann; für 2027 werden weitere Verschiebungen durch Automatisierung erwartet. Genau hier knüpft die Bundesregierung an: Effizienzgewinne durch technologische Verfahren müssten mit dem Gesundheitsschutz der Beschäftigten zusammenpassen. Ob das gelingt, dürfte weniger an der reinen Produktivitätszahl hängen, sondern daran, ob Unternehmen die Arbeitszeiterfassung, die Einsatzplanung und die Nachweise in einer Welt mit mehr Automatisierung genauso diszipliniert in ihren Prozessen verankern.
Für die betriebliche Umsetzung bedeutet das vor allem eins: Teams aus HR, Einsatzplanung und Compliance müssen die Anforderungen so früh wie möglich zusammenziehen, statt sie als „spätere Dokumentationsaufgabe“ zu behandeln. Wenn die elektronische Erfassung enger getaktet wird und gleichzeitig Sonntagsarbeit weiter auf hohem Niveau bleibt, entscheidet die Prozessqualität über Rechtssicherheit. In diesem Umfeld wird KI zwar als Produktivitätshebel diskutiert, darf aber nicht zum Taktgeber für unkontrollierte Mehrarbeit werden; gefordert ist vielmehr ein sauberer Abgleich zwischen Kalender, Schichtlogik, tariflicher Lage und dem, was am Ende dokumentiert werden kann. Gerade im Mittelstand ist das kein theoretisches Thema, sondern eine Frage der täglichen Planbarkeit.
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