LONDON (IT BOLTWISE) – Die Chefin des Industrieverbandes Nordostchemie, Nora Schmidt-Kesseler, warnt vor einem wirtschaftlichen Abschwung in Ostdeutschland. Aus ihrer Sicht reichen schon Debatten um eine mögliche Remigrationsoffensive, um bei Unternehmen und Beschäftigten Sorgen auszulösen. Gleichzeitig macht sie die Energiekosten als Hauptgrund für Standortschließungen und Arbeitsplatzabbau verantwortlich. In einer Region wie dem Chemie-Dreieck um Leuna und Bitterfeld sieht sie die Zukunft besonders von Strom- und Gaspreisen abhängig.

Nordostchemie warnt vor Abschwung bei AfD-Macht – Druck auf Energiepreise
Nordostchemie warnt vor Abschwung bei AfD-Macht – Druck auf Energiepreise (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um mögliche politische Mehrheiten in Ostdeutschland wirkt sich aus Sicht der Industrie längst auf die wirtschaftliche Planung aus, selbst bevor überhaupt ein Regierungsauftrag erteilt ist. Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin des Industrieverbandes Nordostchemie, verbindet die Warnung vor einem Abschwung mit zwei Hebeln: dem Klima für Fachkräfte und Investitionen sowie dem Kostendruck durch Energie. Entscheidend ist dabei weniger die Frage, ob ein Wahlprogramm später umgesetzt wird, sondern wie stark allein die Aussicht auf Maßnahmen rund um Migration die Erwartungshaltung verändert.

Im Wahlkontext verweist Schmidt-Kesseler auf eine im Programm der AfD für Sachsen-Anhalt beschriebene Remigrationsoffensive. Ihrer Darstellung nach habe schon die Ankündigung spürbare negative Effekte, unabhängig davon, ob es tatsächlich dazu kommt. Sie führt das auf die psychosoziale Wirkung solcher Signale zurück: Die Debatte selbst sowie das Herausstellen des Migrationsthemas würden Sorgen verstärken und Ängste auslösen. Für eine Branche wie die Chemie, die auf internationale Zusammenarbeit und auf zuziehende Arbeitskräfte angewiesen sei, sei das ein zusätzlicher Risikofaktor.

Dieser Punkt ist auch ökonomisch messbar, weil die Personalkomponente für Investitionszyklen und Produktionssicherheit zentral ist. Der Industrieverband nennt für Ostdeutschland 60.000 Arbeitsplätze, die nach seinen Angaben an der Chemiebranche hängen, mit besonderem Schwerpunkt im Chemie-Dreieck um Leuna und Bitterfeld in Sachsen-Anhalt. Wenn ein Unternehmen in so einer Region Fachkräfte und Lebensentwürfe nicht verlässlich planen kann, steigen nicht nur Fluktuation und Recruitingaufwand, sondern auch die Hürde für größere CAPEX-Vorhaben. Genau diese Mischung aus Arbeitskräfte-Thema und politisch verstärkter Verunsicherung könnte den Aufholprozess ausbremsen, den man im Osten ohnehin noch gegen strukturelle Nachholbedarfe verteidigen muss.

Zusätzlich benennt Schmidt-Kesseler die Strom- und Gaspreise als direkten Auslöser für bereits sichtbare Standortverluste. Sie spricht davon, dass es „zum ersten Mal seit Jahrzehnten“ zu Standortschließungen, Verlagerungen ins Ausland und Arbeitsplatzabbau gekommen sei. Der Kern der Erklärung lautet: Die Energiekosten sind der dominierende Treiber. Für energieintensive Industrien wie die Chemie ist das plausibel, denn viele Produktionsschritte benötigen kontinuierliche Wärme- und Prozessenergie; schon relative Verschiebungen bei den Energiepreisen schlagen daher unmittelbar in Margen, Investitionsrechnungen und Konkurrenzfähigkeit durch. Wenn Unternehmen in diesem Umfeld keine belastbare Kostenbasis sehen, priorisieren sie kurzfristige Überlebenslogik statt Modernisierung.

Parallel dazu ordnet eine weitere Quelle die Lage makroökonomisch ein: Laut dem „Wettbewerbsreport Ostdeutschland“ des Ifo-Instituts wird der wirtschaftliche Aufschwung im Osten aktuell ausgebremst. Genannt werden drei Faktoren, die sich gegenseitig verstärken: zu geringe Investitionen, zu wenig Fachkräfte sowie eine überalterte Bevölkerung. Besonders relevant ist das für Branchen, die nicht einfach nur nachfragen, sondern in Reifegrad, Automatisierung und Qualifizierung investieren müssen, um im Wettbewerb zu bestehen. In Ostdeutschland bangen dem Bericht zufolge insbesondere Chemie- und Automobilindustrie um ihre Zukunft, also genau jene Kombination aus energieintensiven Prozessen und großserientauglicher Produktion, bei der Standortentscheidungen schnell über Wohl und Wehe ganzer Lieferketten entscheiden.

Aus Marktsicht entsteht damit ein doppeltes Risiko: Auf der einen Seite verschiebt sich das Investitionskalkül, weil Energiepreise die operative Basis unter Druck setzen. Auf der anderen Seite sinkt die Planungssicherheit, sobald politische Signale die Erwartung von Beschäftigten und potenziellen Zuzüglern beeinflussen. Für die Industrie bedeutet das auch organisatorischen Zusatzaufwand, etwa beim Aufbau internationaler Recruiting-Kanäle, bei Integrations- und Sprachprogrammen oder bei der Absicherung von Mobilität in der Lieferkette. Der Effekt ist selten spektakulär im Sinne eines einzelnen Ereignisses, eher schleichend: Projekte werden gestreckt, Erweiterungen verzögert, und selbst wenn es nicht zur Umsetzung bestimmter Inhalte kommt, bleibt eine Phase der Unsicherheit.

Gleichzeitig zeigt die Verbindung aus Energiepolitik und Arbeitskräfte-Realität, warum solche Aussagen nicht nur als Meinung, sondern als Standortargument gelesen werden. Wenn der Verband explizit niedrigere Strom- und Gaspreise fordert, zielt er auf die Stellschrauben, die Unternehmen direkt in ihre Wirtschaftlichkeitsrechnung übernehmen können. Hier geht es weniger um Symbolpolitik als um Grundlagen: stabile Rahmenbedingungen senken die Wahrscheinlichkeit, dass sich „Verlagerungen ins Ausland“ im Sinne einer dauerhaften Umstellung wiederholen. Für Entscheider in Industrie und Zulieferkette heißt das auch: KI-gestützte Produktionsoptimierung oder bessere Materialplanung können Energie zwar effizienter nutzen, ersetzen aber keine strukturelle Kostenentlastung bei den großen Posten. Die Herausforderung bleibt deshalb zweigeteilt – politisch bei der Energiepreis-Stabilisierung und operativ bei der Sicherung von Talenten.

Für Unternehmen in der Region Leuna/Bitterfeld liegt der nächste sinnvolle Schritt weniger in kurzfristigen Deutungsfragen als in der belastbaren Risikoabsicherung ihrer Planungen. Dazu gehört, Szenarien für politische Entwicklungen inklusive ihrer Signalwirkung auf Arbeitskräfte und Investoren aufzusetzen und diese in Kosten- und Personalmodelle zu übersetzen. Ebenso relevant ist ein konsequentes Energiemanagement, etwa durch mehr Transparenz über Lastprofile und durch Beschleunigung von Effizienzprogrammen in Produktion und Infrastruktur. Die Warnung aus dem Industrieverband macht damit deutlich: Ein potenzieller Abschwung entsteht nicht allein durch eine spätere Gesetzeslage, sondern beginnt im Vorfeld – in der Unsicherheit über Energie, Fachkräfte und die politische Rahmenwirkung auf ein internationales Industriemilieu.


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