BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) legt offen, wie schwach die Produktivität in Deutschland seit Jahren wächst. In den letzten sechs Jahren lag das Plus im Schnitt nur bei 0,3 Prozent. Um den demografisch bedingten Rückgang an Arbeitskräften auszugleichen, müsste das Produktivitätswachstum laut Rechnung auf 1,6 Prozent pro Jahr steigen. Dafür nennt die Studie fünf konkrete Handlungsfelder – von Digitalisierung über KI bis zu Investitionen.

Die Debatte um Deutschlands Innovationskraft bekommt durch die jüngsten Produktivitätszahlen eine harte Kante: Wenn die Wirtschaft kaum noch effizienter arbeitet, wird Wohlstand nicht nur langsamer aufgebaut, sondern mittelfristig auch spürbar erodiert. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) kommt in einer im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen erstellten Untersuchung zu dem Befund, dass der Produktivitätsfortschritt deutlich eingebrochen ist. In den 1980er- und 90er-Jahren wuchs die Wirtschaft noch etwa um zwei Prozent pro Jahr produktiver, in den 2010ern waren es immerhin noch rund ein Prozent. In den vergangenen sechs Jahren lag das Plus dagegen im Mittel bei nur 0,3 Prozent. Damit reicht die Dynamik nicht mehr aus, um den Wohlstand stabil zu halten – vor allem, weil der demografische Wandel die Zahl der Arbeitskräfte in den nächsten Jahren reduziert.
Die Studie macht die Rechnung vergleichsweise direkt: Um den Rückgang bei den verfügbaren Arbeitskräften durch eine produktivere Arbeitsweise teilweise aufzufangen, müsste das Produktivitätswachstum auf 1,6 Prozent pro Jahr steigen. Das klingt ambitioniert, ist aber nicht nur als Wunsch formuliert, sondern an fünf Bereichen festgemacht, in denen Deutschland laut IW die Bedingungen verbessern müsste. Dazu zählen Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Innovation, Bürokratie sowie Investitionen. Besonders deutlich wird die Erwartung, wenn die Studie einzelne Hebel quantifiziert: Eine langfristige Anhebung der Forschungsausgaben auf das Niveau Israels soll demnach die Produktivität um 13 Prozent steigern können. Michael Grömling, IW-Makroökonomie-Chef, fasst die Lage entsprechend pointiert zusammen: „Produktivität ist der zentrale Wohlstandsmotor – und genau dieser Motor stottert in Deutschland seit Jahren“.
Technisch betrachtet hängt Produktivität eng mit der Frage zusammen, wie schnell Unternehmen neue Technologien in Prozesse und Entscheidungen übersetzen – also nicht nur „Digitalisierung“ auf dem Papier, sondern messbare Effekte im Betrieb. Genau hier setzt die Studie bei einem relativ greifbaren Proxy an: dem Informations- und Kommunikationstechnik-Kapitalstock, der Rechenzentren, Breitband, Software und Datenbanken umfasst. Als Vergleichsland nennt das IW die Schweiz. Dort werde gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) etwa sechs Prozent in diesen Bereich investiert, während Deutschland auf weniger als zwei Prozent kommt. Die Studienautoren leiten daraus ab, dass der Kapitalstock entsprechend niedrig bleibt – etwa wegen veralteter Software, einer schlechteren digitalen Infrastruktur oder weniger Automatisierung. Für das Produktivitätsmessbild greift das IW zudem auf Ergebnisse einer Forschungsarbeit der KfW-Bank zurück: Eine Steigerung des IT-Kapitalstocks um zehn Prozent geht demnach mit 0,16 Prozent mehr Produktivität einher.
Für Entscheider ist relevant, dass die Studie den Zusammenhang auch in umsetzungsnahe Schritte übersetzt: Wenn Deutschland seinen IT-Kapitalstock kurzfristig ähnlich wachsen lassen würde wie die Schweiz, stünde nach einem Jahr ein Produktivitätsplus von 0,07 Prozent im Raum. Langfristig soll die Nachholkurve deutlich stärker wirken: Nach 17 Jahren könnte der Kapitalstock auf das Schweizer Niveau steigen, die Produktivität in Summe um fünf Prozent. Als Umsetzungsansätze nennt die Studie unter anderem eine beschleunigte Breitbanderschließung, steuerliche Anreize für Softwareinvestitionen sowie gezielte Förderung für den Mittelstand. Dort entscheidet sich häufig, ob aus Technologieprojekten ein dauerhafter Produktivitätsschub wird – oder ob Pilotierungen verpuffen. Das Muster zieht sich anschließend auch durch die anderen Bereiche: Künstliche Intelligenz wird nicht als pauschales Buzzword behandelt, sondern über die Durchdringung in Unternehmen operationalisiert.
Beim Thema KI setzt das IW auf einen datenbasierten Richtwert über die Nutzungsquote: Laut Eurostat liegt Deutschland bei 26 Prozent der Unternehmen, die KI einsetzen, während Dänemark auf 42 Prozent kommt. Wenn Deutschland an dieses Niveau heranreicht, könnten laut IW-Forschern kurzfristig bereits 0,6 Prozent Produktivitätszuwachs entstehen. Für den mittelfristigen Effekt nimmt die Studie dann eine Aufsummierung der Gewinne an: Bei KI-Nutzung in der Hälfte der Unternehmen könnte bis 2034 ein Plus von 9,3 Prozent möglich sein. Als konkrete Referenz für die Marktdiffusion nennt die Studie Süd-Korea mit dem seit 2019 laufenden „AI Voucher“-Programm, bei dem der Staat KI-Lösungen für Unternehmen mit bis zu 80 Prozent kofinanziert. Neben KI rückt die Analyse Innovation als eigenen Hebel in den Fokus, wobei sie Forschungsausgaben im Privatsektor als Messgröße nutzt und damit Grundlagen- sowie angewandte Forschung bis zur Entwicklung marktreifer Produkte umfasst. Dass Start-ups in Deutschland zwar entstehen, für die Marktreife aber häufig in andere Länder abwandern, spielt dabei als Strukturproblem mit hinein.
Auch die Bürokratie wird als Produktivitätsbremse modelliert – nicht nur wegen direkter Kosten, sondern weil Arbeitszeit und Kapital gebunden werden, die dann für Wachstum und Innovation fehlen. Die Studie nutzt dafür einen internationalen Bürokratie-Index des Ifo-Instituts, der sowohl direkte Aufwände als auch indirekte Effekte über entgangene Innovationen berücksichtigt. Christian Kestermann vom IW bringt den Kern auf den Punkt: „Bürokratie ist nicht nur ein Kostenfaktor. Sie bindet Arbeitszeit und Kapital, die für Wachstum und Innovation fehlen“. Als Beispiel für einen pragmatischen Umgang mit Regulierung wird Schweden genannt: Dort gibt es einen „Implementierungsrat“, der EU-Richtlinien so umsetzen soll, dass es nicht zu zusätzlicher nationaler Verschärfung kommt – Stichwort „Gold Plating“. Für Deutschland folgt daraus eine grobe Zielprojektion: Wenn Reformen das Bürokratieniveau Schwedens erreichen würden, läge das BIP pro Kopf nach einem Jahr um 1,6 Prozent höher; die Studie rechnet diese Differenz als Näherungswert für Produktivität um.
Der letzte Hebel betrifft Investitionen, insbesondere in öffentliche Infrastruktur, die Unternehmen indirekt Produktivität ermöglicht – etwa durch bessere Erreichbarkeit, geringere Transport- und Ausfallkosten sowie verlässliche Energie- und Datennetze. Laut Studie lag die öffentliche Investitionsquote 2024 bei 2,9 Prozent. Durch das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität steigt die Quote demnach bis 2030 um 1,4 Prozentpunkte, sodass Deutschland über dem OECD-Durchschnitt von 3,5 Prozent liegen würde. Trotzdem bleibt das Land im internationalen Vergleich hinter Spitzenreitern wie Estland zurück, das mit 6,8 Prozent genannt wird. Für die Wirkungsrichtung stützt sich die Untersuchung auf eine Meta-Analyse von Jenny E. Ligthart und Pedro R. D. Bom: Zehn Prozent mehr Kapitalstock bedeuten darin ein Produktivitätsplus von 1,2 Prozent. Die Studie macht daraus zwei Szenarien – einen kurzfristigen Sprung um 22 Prozent mit 0,4 Prozent Produktivitätszuwachs sowie ein langfristiges Nachziehen des estnischen Investitionsniveaus nach fünf Jahren mit 0,8 Prozent Plus. Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen, zieht daraus eine praktische Konsequenz: „Zu den Ländern der OECD aufschließen, Ideen von dort aufnehmen, ausprobieren, experimentieren – das könnte ein Turbo werden für den Wohlstand aller Deutschen“.
Wichtig ist dabei die Einordnung, die die Studie selbst gleich mitliefert: Effekte stellen sich nicht sofort ein, sie können mit wachsenden Investitionen abnehmen, und es gibt Überschneidungen zwischen den Bereichen. Entsprechend lassen sich die Effekte nicht einfach addieren. Dennoch ergibt sich aus der Logik eine klare unternehmerische Botschaft: Die Produktivität hängt stark davon ab, ob Technologie- und Reformmaßnahmen so in Prozesse übersetzt werden, dass sie auch tatsächlich Kapitalstock, Kompetenzen und Entscheidungsgeschwindigkeit verbessern. Für Unternehmen heißt das konkret, dass KI- und Digitalisierungsprogramme ohne Investitionspfad, ohne Bürokratieentlastung und ohne Innovationszugang an Dynamik verlieren können. Für die Politik und für Verbände wiederum folgt daraus, warum der Fokus nicht nur auf einzelnen Pilotprojekten liegen sollte, sondern auf strukturellen Bedingungen, die Skalierung ermöglichen.
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