LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie mit 441 Grundschülern verbindet Abakus-gestütztes Kopfrechnen mit spürbar besseren Ergebnissen in Mathematiktests. Die Vorteile zeigen sich schon nach drei Monaten und betreffen nicht nur Addition und Subtraktion, sondern auch Aufgaben zur Zahlenverarbeitung. Laut der Auswertung hängt der Effekt in mehreren Klassenstufen teilweise mit stärkerer numerischer Verarbeitung zusammen; Aufmerksamkeit und Kurzzeitgedächtnis wirken vor allem bei den älteren Kindern. Offen bleibt jedoch, ob sich die beobachteten kognitiven Änderungen allein durch die Trainingsdauer kausal über die Zeit herausbilden.

Lernen mit dem Abakus: Studie verknüpft mentale Rechenübungen mit besseren Mathe- und Gedächtnisleistungen
Lernen mit dem Abakus: Studie verknüpft mentale Rechenübungen mit besseren Mathe- und Gedächtnisleistungen (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer Abakus-Training aus dem Schulalltag kennt, verbindet damit oft Bilder aus ostasiatischen Klassenzimmern. Die aktuelle Untersuchung rückt das Thema jedoch stärker in den Bereich der kognitiven Lernforschung: Grundschüler, die mit einem mentalen Abakus rechnen (also zunächst mit einem physischen Modell und später rein im Kopf), schneiden in Mathe-Tests im Schnitt besser ab als Mitschüler ohne diese Übungsform. Veröffentlicht wurde die Studie in Learning and Individual Differences; im Fokus steht dabei nicht nur das Endergebnis, sondern auch die Frage, welche geistigen Teilfähigkeiten das bessere Abschneiden erklären könnten.

Technisch lässt sich das Vorgehen des Trainings relativ klar beschreiben: Ein Abakus mit Perlenstruktur wird zunächst zur Lösung konkreter Aufgaben eingesetzt. Dabei steht eine obere Perle für fünf, die unteren Perlen für jeweils eins; Addition wird über das Verschieben von Perlen in Richtung einer Mittelstange signalisiert, Subtraktion umgekehrt. Entscheidend ist anschließend die Transformation vom Handeln zum Vorstellen: Mit zunehmender Fertigkeit lernen die Kinder, den Abakus innerlich zu visualisieren. In der Praxis bedeutet das, dass sie zunächst die Handbewegungen simulieren und später ohne jegliche Hilfsmittel allein auf die mentale Abbildung der verschiebbaren Perlen setzen, um auch komplexere Aufgaben rechnerisch zu bearbeiten.

Die Studie verankert das methodische Design in einem kognitiven Rahmen, der Mathematik in domänenspezifische und domänenübergreifende Fähigkeiten aufteilt. Domänenspezifisch geht es um Dinge wie das Erkennen von Zahlenmengen, das Sequenzieren oder das Verstehen von Zahlengrößen. Domänenübergreifend spielen dagegen Mechanismen wie Kurzzeitgedächtnis, Aufmerksamkeitssteuerung und räumliche Verarbeitung eine Rolle, also genau jene Ressourcen, die ein Kind braucht, um während des Rechnens nicht „aus dem Takt“ zu geraten. Während frühere Arbeiten den Zusammenhang zwischen Abakus-Unterricht und besseren Matheleistungen bereits nahegelegt hatten, blieb laut Studienansatz offen, ob der Vorteil eher über numerische Verarbeitung oder eher über allgemeine kognitive Kapazitäten vermittelt wird.

Um dieser Trennung nachzugehen, testete ein Forschungsteam um Fan Liu und Xuelian Ge von der Zhejiang University gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen der University of Texas at Austin 441 Kinder in den Klassenstufen eins bis fünf. Die Auswahl erfolgte klassenweise über intakte Klassen in drei Schulen in Qiqihar, wobei innerhalb der Jahrgangsstufen zufällig ganze Klassen zugewiesen wurden. Die eine Hälfte erhielt zwei Stunden Abakus-Training pro Woche; die Kontrollgruppe erhielt reguläre Mathematik- und Leseübungen. Die Leistungsprüfung startete mit Papier-Bleistift-Tests: zeitlich begrenzte Aufgaben zu Addition, Subtraktion und zum Ergänzen fehlender Terme in Gleichungen. Ab der dritten Klasse kamen Multiplikation und Division hinzu, außerdem Aufgaben zur numerischen Verarbeitung, etwa das Zählen von Zielfiguren unter Zeitdruck, das Verbinden zufällig verteilter Zahlen in aufsteigender Reihenfolge sowie das Vergleichen numerischer Werte.

Die Ergebnisse waren über die fünf Jahrgangsstufen hinweg konsistent: Schülerinnen und Schüler aus der Abakus-Gruppe lagen in den arithmetischen Gesamtfertigkeiten über der Kontrollgruppe. Bemerkenswert ist dabei die frühe Sichtbarkeit des Effekts; auch Erstklässler, die zum Zeitpunkt der Tests erst rund drei Monate Training absolviert hatten, zeigten messbare Vorteile in den Mathematikwerten. Zusätzlich schnitten die Abakus-Kinder bei Aufgaben zur numerischen Verarbeitung besser ab und demonstrierten damit offenbar eine stärkere Fähigkeit, Zahlenbeziehungen wie Ordnung und Vergleich schneller zu verarbeiten. Auch bei den schulisch verwalteten End-of-Semester-Prüfungen zeigte sich ein paralleles Bild: In den Klassen zwei bis fünf erzielten die Abakus-Schüler in Aufgaben mit stärkerem Anwendungsbezug sowie bei Geometrie und komplexeren Problemstellungen bessere Resultate als die Kontrollgruppe.

Um die kognitive Brücke zwischen Training und Mathe-Leistung greifbar zu machen, folgte anschließend eine „Batterie“ von neun Online-Tests zu domänenübergreifenden Fähigkeiten. Die Aufgaben deckten räumliche Fähigkeiten ab, etwa durch das mentale Rotieren dreidimensionaler Objekte auf einem Bildschirm, um passende Formen zu finden. Ergänzend wurde kognitive Flexibilität über ein Karten-Sortierspiel getestet, bei dem sich die Regeln je nach Farbe, Form oder Zahl anpassen mussten. Besonders relevant waren Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsmessungen: Kurzzeitgedächtnis wurde über das Merken von Bildpaaren oder das Wiedergeben einer Folge flackernder Quadrate in einem Raster erfasst, Aufmerksamkeit über „Cancellation“-Aufgaben, bei denen Kinder in kurzer Zeit sehr viele Zahlen scannen und Zielziffern gezielt markieren mussten.

In diesen domänenübergreifenden Tests zeigte die Abakus-Gruppe vor allem Vorteile im Kurzzeitgedächtnis und in der Aufmerksamkeitssteuerung. Allerdings waren diese Effekte nicht in allen Altersgruppen gleich stark: Besonders ausgeprägt wirkten sie in der vierten und fünften Klasse. Die Interpretation liegt nahe, dass domänenübergreifende Gewinne eher ein Reifungs- und Trainingsproblem sind: Wenn Kinder über mehrere Jahre hinweg kontinuierlich eine interne Visualisierung aufrechterhalten müssen, wird der Bedarf an stabiler Arbeitsgedächtnisleistung und an anhaltender Aufmerksamkeit größer. Genau diese Ressourcen scheinen in den späteren Klassen deutlicher messbar zu sein. Die Forschenden nutzen zudem mediationsanalytische Modelle, um zu prüfen, wie stark Zwischenvariablen wie numerische Verarbeitung oder allgemeine kognitive Fähigkeiten den beobachteten Mathevorteil erklären. In Klassenstufen zwei bis fünf erklärten numerische Verarbeitungsfähigkeiten einen Teil des Vorteils, während Aufmerksamkeit und Kurzzeitgedächtnis insbesondere bei den vierten und fünften Klassenstufen als erklärende „Brücken“ auftraten.

Damit zeichnet sich eine plausible Entwicklungslogik ab: In den frühen Grundschuljahren scheint der Mathevorteil stärker an ein unmittelbares Zahl- und Größenverständnis gekoppelt zu sein. Für Erstklässler deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die beobachteten Vorteile zunächst ohne die getesteten Zwischenvariablen auskommen könnten – möglicherweise hängt der Effekt dort eher mit der frühen Vertrautheit mit der konkreten Abakus-Handhabung zusammen als mit bereits vollständig internalisierten kognitiven Umstrukturierungen. Mit wachsender Trainingsdauer und mit zunehmender Komplexität der mentalen Darstellung rückt dann die interne Abbildung stärker in den Mittelpunkt, und genau hier greifen domänenübergreifende Mechanismen stärker. Gleichzeitig bleibt das Bild methodisch mit Einschränkungen: Die Studie ist querschnittsbasiert, vergleicht also unterschiedliche Jahrgänge zu einem Zeitpunkt statt dieselben Kinder über die Zeit zu verfolgen. Außerdem wurden Klassen statt Einzelpersonen randomisiert, und vor dem Start in die erste Klasse gab es offenbar keine Baseline-Erhebung. Für Bildungspraxis und Lernforschung heißt das: Die Ergebnisse sprechen für einen robusten Zusammenhang, sie beweisen aber noch nicht vollständig eine zeitlich eindeutige Kausalspur, in der das Training zwingend die kognitiven Ressourcen in genau dieser Reihenfolge verändert.


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