LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Langzeitstudie mit Teilnehmenden aus Schweden verbindet Schulangst im Alter von 13 Jahren mit schlechteren Angaben zum subjektiven Gedächtnis im Alter von etwa 67. Die Forschenden betrachten dabei, wie Menschen ihre Alltags-Erinnerungsleistung selbst einschätzen, nicht wie gut sie sich objektiv testen lassen. Der Zusammenhang bleibt auch dann bestehen, wenn aktuelle Angst- und Depressionssymptome statistisch berücksichtigt werden. Andere Faktoren wie Intelligenztests oder Schulnoten im Kindesalter zeigen in den Daten dagegen keinen ähnlichen Effekt.

Studie über 60 Jahre: Schulangst im Teenageralter beeinflusst spätere Gedächtniswahrnehmung
Studie über 60 Jahre: Schulangst im Teenageralter beeinflusst spätere Gedächtniswahrnehmung (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer als Teenager in der Schule mit Angst oder dem Gefühl zu kämpfen hatte, nicht Schritt halten zu können, scheint später anders auf das eigene Gedächtnis zu blicken. Genau diese Brücke zwischen frühen psychologischen Belastungen und einer sehr späten Selbsteinschätzung legt eine schwedische Studie nahe, die über mehr als fünf Jahrzehnte Daten aus dem sogenannten IDA-Projekt auswertet. Das Ergebnis ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil es nicht um objektive Gedächtnisleistungen geht, sondern um das, was Teilnehmende über ihr Alltags-Gedächtnis berichten – also um subjektive Gedächtnisbeschwerden. Diese unterscheiden sich häufig von klassischen Leistungstests, weshalb die Selbstwahrnehmung im Alter in der Altersforschung seit Jahren ein eigenes Thema ist.

Im Kern beschreibt „subjektives Gedächtnis“ die persönliche Wahrnehmung, wie gut man im Alltag erinnern kann. Dazu zählt etwa, wie oft man vergisst, wo man etwas abgelegt hat, wie häufig man einem Gespräch nicht mehr ganz folgen kann oder wie oft man sich an etwas nicht erinnern kann, das man gerade erst erfahren hat. Wissenschaftlich ist diese Kategorie interessant, weil solche Beschwerden im weiteren Verlauf als potenzieller Hinweis auf beginnende neurokognitive Veränderungen dienen können – allerdings nicht in dem Sinn, dass sie automatisch eine Erkrankung bedeuten. Gleichzeitig zeigen ältere Forschungsbefunde, dass die Übereinstimmung zwischen Selbstrating und objektiven Gedächtniswerten oft nur schwach ausfällt. Genau deshalb untersuchen Forschende zunehmend, wie emotionale und psychologische Faktoren beeinflussen, wie Menschen ihre kognitiven Fähigkeiten einordnen.

Für diese neue Analyse nutzten die Autorinnen und Autoren Daten, die 1965 in Schweden starteten. Ein Teilnahmekollektiv wurde zunächst im Alter von ungefähr zehn Jahren untersucht und dann erneut im Jahr 1968, als die Personen etwa 13 Jahre alt waren. In dieser frühen Phase erhielten die Teilnehmenden standardisierte Tests zu verbalem, räumlichem und logischem Denken. Zusätzlich wurden Schulnoten erfasst, Informationen zum sozioökonomischen Status der Familie erhoben und es gab Fragebögen zu sozialem Wohlbefinden sowie zu Angst innerhalb des schulischen Kontextes. Das Design adressiert damit ein historisch verbreitetes Muster in der kognitiven Alternsforschung: Viele Arbeiten konzentrierten sich lange darauf, welche Risiken im mittleren oder späten Lebensabschnitt relevant sind. Die Studie dreht den Blick dagegen gezielt in die ersten Lebensjahre.

Die eigentliche „Langzeit“-Messung der subjektiven Gedächtniswahrnehmung erfolgte 2022, als die Teilnehmenden im Schnitt etwa 67 Jahre alt waren. Von den Überlebenden beantworteten insgesamt 625 Personen den Follow-up-Fragebogen, in dem sie ihr aktuelles subjektives Gedächtnis standardisiert einschätzten. Parallel dazu wurde auch die aktuelle psychische Lage abgefragt, unter anderem mithilfe eines etablierten Instruments zur Erfassung von Angst- und depressiven Symptomen. In der Auswertung zeigte sich: Personen, die im Alter von 13 Jahren höhere Werte für Schulangst berichteten, meldeten im Alter von 67 Jahren tendenziell schlechteres subjektives Gedächtnis. Auffällig ist dabei die zeitliche Selektivität innerhalb der Kindheit und Jugend: Die Schulangst im Alter von 10 Jahren sagte nach den vorliegenden Daten keine vergleichbaren späteren Gedächtnisbeschwerden voraus. Auch der Kernbefund hielt an, selbst nachdem die Forschenden für die gegenwärtige psychische Gesundheit statistisch kontrollierten.

Dass gerade die Schulangst im frühen Jugendalter – und nicht die Leistungs- oder Statusindikatoren aus der Kindheit – durchschlägt, stützt eine plausible Interpretation: Nicht jede frühe Entwicklungsgröße wirkt gleich auf die Art, wie Menschen später ihre kognitiven Fähigkeiten bewerten. Andere Faktoren wie kognitive Fähigkeiten, Schulnoten, soziales Wohlbefinden oder der sozioökonomische Status zeigten in dieser Stichprobe keinen erkennbaren Zusammenhang mit dem subjektiven Gedächtnis im höheren Alter. Für die Einordnung sprach Gideon Neidenmark, der als Doktorand an der Universität Örebro an der Studie beteiligt war: „I became especially interested in subjective memory because previous research has demonstrated that our own experience of our memory abilities usually does not overlap substantially with our actual memory performance and wanted to understand why that is.“ Genau diese Spannung zwischen subjektiver Erfahrung und objektiver Fähigkeit nimmt die Arbeit als Ausgangspunkt, und sie formuliert damit implizit eine Abgrenzung zu Befunden, die zwar kognitive Tests mit späterem Altern verknüpfen, aber nicht unbedingt über den Umweg der psychologischen Selbstbewertung laufen.

Methodisch bleiben jedoch mehrere Punkte offen, die in der Praxis wichtig sind. Zum einen beruhte die Studie für die frühen Variablen auf Fragebögen mit relativ wenigen Items für Angst und soziales Wohlbefinden; das kann die statistische Trennschärfe verringern und damit erklären, warum manche potenziellen Zusammenhänge nicht sichtbar werden. Zum anderen wurde im Follow-up keine objektive Gedächtnisprüfung oder medizinische Diagnostik im Sinne von Demenz-Screenings durchgeführt. Die Forschenden können daher nicht entscheiden, ob die Beschwerden tatsächlich eine messbare kognitive Abnahme widerspiegeln oder eher eine anhaltend pessimistisch gefärbte Selbsteinschätzung. Außerdem gab es über den 57-jährigen Verlauf eine Stichprobenschrumpfung (Attrition): Personen, die bis zum Alter von 67 im Projekt verblieben, hatten tendenziell bessere Schulnoten und eine bessere psychische Gesundheit als diejenigen, die aus der Studie ausfielen. Für die Interpretation heißt das: Der gefundene Zusammenhang ist realistisch plausibel, aber er kann durch Selektionsprozesse mitgeprägt sein.

Für den nächsten Schritt schlagen die Autorinnen und Autoren daher mehrere Richtungen vor: Man will untersuchen, wie sich die frühen psychologischen Faktoren sowohl auf tatsächliche Gedächtnisleistungen als auch auf Hirnstrukturen im Alter auswirken. Damit würde die Arbeit prüfen, ob Schulangst eher über biologische oder über psychologisch-vermittelnde Pfade relevant wird. Gleichzeitig deutet der Befund, wie präventive Ansätze in der Gesundheitskommunikation verstanden werden könnten: Wenn psychische Belastung im Jugendalter mit einer späteren Wahrnehmung von Gedächtnisproblemen gekoppelt ist, können frühe Interventionen zur psychischen Gesundheit möglicherweise helfen, die Risiken für belastende Selbstwahrnehmungsprozesse zu senken. Genau diesen Gedanken bringt Neidenmark auf den Punkt: „Like with any articles, we should be cautious about considering these findings as fact or infer causality.“ Die Studie liefert damit vor allem einen Hinweis auf langfristige Assoziationen – und eröffnet den Dialog darüber, welche Formen von Unterstützung in der Jugend nicht nur kurzfristig, sondern auch über Jahrzehnte hinweg wirken könnten.


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