LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Messungen mit funktioneller Nahinfrarotspektroskopie zeigen, wie sich Gehirnaktivität beim gemeinsamen Zeichnen über sechs Wochen verändert. Jüngere und ältere Teilnehmende berichten zwar gleichermaßen weniger Einsamkeit und mehr Nähe, doch die neuronale Synchronisation läuft zwischen den Generationen anders als bei gleichaltrigen Paaren. Besonders die Temporoparietalregion und der Gyrus frontalis inferior reagieren auf die Art des gemeinsamen „Common Ground“. Damit bekommt die Forschung zur Bildung sozialer Bindungen eine messbare, zeitabhängige Komponente.

Soziale Nähe entsteht nicht nur im Gespräch, sondern auch in Situationen, die auf den ersten Blick eher ruhig wirken: gemeinsam eine Zeichnung entstehen lassen, ohne zu reden, über mehrere Wochen hinweg. Genau diesen Effekt greift eine Studie auf, die in PLOS Biology veröffentlicht wurde. Die Forschenden nutzen dabei funktionelle Nahinfrarotspektroskopie (fNIRS), um die zeitliche Ausrichtung der Gehirnaktivität zwischen zwei Menschen zu verfolgen – also wie gut die Muster im Gehirn während der Interaktion aufeinander abgestimmt sind.
Das Studiendesign ist bewusst gewählt, um die Phase „vom ersten Kontakt bis zur Gewöhnung“ physisch zu fassen. 61 Paare aus der Community nahmen teil: 31 intergenerationelle Dyaden mit einer jüngeren Person und einem Erwachsenen im Alter von 69 Jahren oder älter, plus 30 Paare derselben Generation mit zwei jüngeren Erwachsenen. Alle Paare trafen sich einmal pro Woche für sechs Wochen und arbeiteten in einem kreativen Zeichenprogramm. Zu Beginn jedes Termins füllten die Teilnehmenden Fragebögen aus – unter anderem zu Einsamkeit, empfundenen Gefühlen der Nähe zum Zeichnenden sowie zu Einstellungen gegenüber Menschen unterschiedlicher Altersgruppen. Erst danach bekamen sie Sensor-Kappen aufgesetzt, deren Sensoren mit ungefähr sicheren Lichtniveaus durch die Kopfhaut Blutflussänderungen in ausgewählten Hirnarealen messen.
Für die Auswertung standen zwei Regionen im Fokus: die Temporoparietal Junction (nahe dem Bereich hinter den Ohren), die bei der Verarbeitung sozialer Informationen und dem Perspektivwechsel hilft, sowie der Inferior Frontal Gyrus (im Schläfenbereich), der u. a. mit Aufmerksamkeit und der geteilten Ausrichtung auf dasselbe Ziel in Verbindung gebracht wird. Die Paare absolvierten anschließend drei Zeichenaufgaben mit Ölpastellen, jeweils fünf Minuten lang. Beim ersten Durchgang arbeiteten die Teilnehmenden getrennt voneinander, getrennt durch eine visuelle Trennwand; in den beiden folgenden Aufgaben fiel die Trennwand weg und sie zeichneten zusammen auf demselben Blatt. Die Sessions endeten jeweils mit einem kurzen Rätsel oder Spiel – und gerade weil in der Zeichenphase ausdrücklich kein verbales Austauschen erlaubt war, lassen sich die Ergebnisse stärker auf nonverbale Koordination und geteiltes Handeln zurückführen.
Die Verhaltensdaten spiegeln zunächst ein klares Bild: Über die sechs Wochen sank die Einsamkeit in beiden Gruppen um etwa 1 % pro Sitzung, während das Gefühl sozialer Nähe um rund 4 % pro Sitzung anstieg. Diese Veränderungen waren sowohl in gleichaltrigen als auch in intergenerationellen Paaren sichtbar. Zudem berichteten intergenerationelle Dyaden im Schnitt weniger Einsamkeit als gleichaltrige Paare und zeigten positivere Einstellungen gegenüber anderen Altersgruppen. Dass die Selbstberichte so konsistent ausfallen, macht die zentrale Überraschung erst so spannend: Als die Forschenden die Gehirndaten über alle Sessions hinweg aggregierten, war die zwischenmenschliche neuronale Synchronisation höher, wenn beide gemeinsam zeichneten – unabhängig von der Alterskombination. Diese Ausrichtung fiel besonders in der Temporoparietal Junction und im Inferior Frontal Gyrus auf.
Doch beim zeitlichen Verlauf zeigte sich eine Divergenz. Bei gleichaltrigen Paaren nahm die Synchronisation in der rechten Temporoparietal Junction über die Wochen zu. Bei intergenerationellen Paaren dagegen sank sie in derselben Region über sechs Sitzungen hinweg. Diese Gegenbewegung steht im Kontrast zu Erwartungen, die sich aus Studien ableiten lassen, die typischerweise nur einzelne Zeitpunkte vergleichen – etwa „Freunde vs. Fremde“ oder „Partnerschaft vs. einmaliger Kontakt“. Die Autorin Ryssa Moffat ordnet das Ergebnis entsprechend ein: „It is very exciting to have mapped how synchrony emerges among younger and older adults for the first time, “ heißt es in der Quelle. Zudem betont sie den Unterschied zwischen Momentaufnahmen und Dynamik: „My assumption that we would see increases in synchrony was based on the existing studies comparing strangers, friends, and romantic partners who attend a single session. In these studies, the closer people are to one another, the more synchrony they tend to show.“ Genau hier setzt die Interpretation an: Synchronität wird offenbar nicht einfach „mehr“, sondern hängt davon ab, wie vorhersehbar das Verhalten der Partnerin oder des Partners im Verlauf wird.
Die Studie liefert dafür eine plausible Mechanik. In den Daten wird außerdem sichtbar, wie die Fragebogenergebnisse mit dem Gehirnsignal zusammenhängen: Höhere wahrgenommene soziale Nähe sagte für alle Paare voraus, dass die Synchronisation zwischen Inferior Frontal Gyrus und Temporoparietal Junction zunimmt. Paare mit ähnlichen Einsamkeitsniveaus zeigten zudem stärker synchronisierte Muster im Inferior Frontal Gyrus, wenn sie gemeinsam zeichneten. Die Autorin leitet daraus ab, dass geteilte „Common-Ground“-Bedingungen – also nicht nur der Kalender, sondern der soziale Kontext, in dem Interaktion stattfindet – die Art der Aufmerksamkeitsabstimmung prägen. Gleichzeitig warnt Moffat vor einer naheliegenden Fehlannahme: Nicht jede Synchronisation ist automatisch gut. „If we start from the standpoint that synchrony increases when predicting another person’s actions is more challenging, it’s probable that excessively high levels of synchrony indicate excessive challenge and that very low levels may indicate a lack of engagement, “ wird in der Quelle zitiert. „A happy medium might be optimal, “ lautet der Kerngedanke. Technisch liest sich das als Hinweis darauf, dass ein „passt schon“ im Gehirn nicht dem Idealbild „maximaler Gleichklang“ entspricht, sondern einem Bereich, in dem Vorhersageleistung und Engagement zueinander passen.
Wichtig bleibt auch, was die Messung nicht abbildet. Die fNIRS-Methode betrachtet gezielt bestimmte Areale und erfasst nicht die gesamte Netzwerkaktivität über das ganze Gehirn. Außerdem untersuchte das Experiment die Effekte unter der Einschränkung, dass in der Zeichenphase nicht gesprochen werden durfte; bei freiem Gespräch könnte die Synchronisation anders aussehen. Zudem war das Vergleichssetting auf intergenerationelle Paare versus jüngere Paare begrenzt – ein weiteres Alterspaar „zwei ältere Erwachsene“ wurde nicht mit einbezogen. Technische Probleme führten außerdem dazu, dass einzelne Sensoren auf der rechten Kopfseite zeitweise ausfielen und damit ein Teil der Datenlage reduziert war. Für Unternehmen und Forschungsorganisationen, die sich für die praktische Bedeutung solcher Erkenntnisse interessieren, liegt trotzdem ein klarer Nutzen im Aufbau: Programme, die Begegnungen zwischen Altersgruppen fördern, lassen sich künftig nicht nur über Stimmungswerte, sondern auch über messbare, zeitabhängige Muster der sozialen Kopplung bewerten.
Die Studie will diese Kopplung als Ganzes weiter untersuchen. Moffat und ihr Team planen, zusätzlich zu den Hirnsignalen die weiteren aufgezeichneten Daten zusammenzuführen, darunter Bewegungsdaten (Motion Capture), Leistung in kooperativen Spielen und Rätseln sowie die tatsächlich gemeinsam entstandenen Zeichnungen und die subjektiven Erfahrungen der Teilnehmenden. „Alongside the recordings of brain activity, we also recorded a multitude of other signals including motion capture of body movements, performance on collaborative games and puzzles, the actual drawings that the participants co-created, as well as participants’ subjective experiences, “ wird in der Quelle zitiert. „Our next steps are to analyze the other signals and to bring them together to understand how social connections form from a holistic perspective, “ lautet die angekündigte nächste Auswertung. Für die Zukunft heißt das: Wenn sich gemeinsame Kreativformate als wiederholbare Interventionen etablieren lassen, können KI-gestützte Analysemethoden später helfen, aus solchen Multi-Modal-Datensätzen belastbare Muster zu erkennen, etwa welche Arten von „Common Ground“ bei welchen Zielgruppen die gewünschte soziale Passung fördern.
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