LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Team an Universitäten untersucht, wie maladaptives Tagträumen mit problematischer Social-Media-Nutzung und Hypersexualität zusammenhängt. Die Studie mit 559 Erwachsenen deutet darauf hin, dass pathologischer Narzissmus als vermittelnder Faktor eine Rolle spielt. Dabei erklären die gemessenen Variablen rund 20 bis 24 % der Unterschiede in den Tagträumen. Die Ergebnisse beruhen auf einer Online-Umfrage und zeigen vor allem eine gemeinsame Auftretensweise statt einer kausalen Reihenfolge.

Studie: Maladaptives Tagträumen hängt mit Social-Media-Sucht und Hypersexualität zusammen
Studie: Maladaptives Tagträumen hängt mit Social-Media-Sucht und Hypersexualität zusammen (Foto: IT BOLTWISE)
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Tagträume sind für viele Menschen ein emotionaler Zwischenraum: Die Gedanken wandern, um Erlebnisse zu verarbeiten, Zeit zu überbrücken oder Stimmungen zu regulieren. Problematisch wird es aber, wenn Fantasie nicht nur gelegentlich als Tool funktioniert, sondern zur starren Gewohnheit wird. In der Fachsprache sprechen Psychologinnen und Psychologen dann von maladaptivem Tagträumen, also einem Muster, bei dem Betroffene über Stunden täglich in sehr lebendige, sensorisch dichte Vorstellungen eintauchen und gleichzeitig spüren, dass diese Beschäftigung Arbeit, Schule oder Beziehungen beeinträchtigt.

Wichtig ist dabei die Abgrenzung: Maladaptives Tagträumen ist noch keine offizielle psychiatrische Diagnose. Dennoch zeigt die Beschreibung Eigenschaften, die bei sogenannten Verhaltenssüchten, Zwangsphänomenen oder Dissoziationsmustern ebenfalls vorkommen können. Genau diese Überlappung war der Ausgangspunkt der Forschung von Alessia Renzi und Rachele Mariani (Sapienza University of Rome) sowie Filippo Maria Nimbi (eCampus Telematics University). Die Wissenschaftler wollten nicht bei einer reinen Symptombeschreibung bleiben, sondern herausfinden, ob sich bestimmte andere „kompulsive“ Verhaltensweisen mit dem intensiven Fantasieren verbinden.

Im Zentrum standen zwei weitere Belastungsbilder: problematische Social-Media-Nutzung und Hypersexualität. Problematische Social-Media-Nutzung bedeutet dabei nicht schlicht „viel Scrollen“, sondern einen Kontrollverlust über das digitale Verhalten, der Konflikte nach sich ziehen und eine emotionale Abhängigkeit stabilisieren kann. Hypersexualität wird in der Studie als anhaltendes, erfolgloses Bemühen charakterisiert, starke sexuelle Impulse und Handlungen zu steuern, wobei sexuelle Fantasien häufig als Strategie dienen, um mit unangenehmen Gefühlen umzugehen. Auffällig ist die funktionale Nähe: Die Forschenden argumentieren, dass die Fragestellungen, ob sexuelle Fantasien genutzt werden, um schwierige Probleme zu vermeiden, sehr ähnlich zu den psychologischen Funktionen des maladaptiven Tagträumens sind.

Als möglichen „Brückengedanken“ führten die Autorinnen und Autoren den Begriff des pathologischen Narzissmus ein. Narzissmus wird in der klinischen Psychologie nicht nur als Eitelkeit oder Selbstbezogenheit verstanden, sondern als ein aufgeblähtes Selbstbild, das wie ein Schutzschild wirkt. Hinter diesem Schild können sich aber Gefühle der eigenen Minderwertigkeit, Scham oder Verletzlichkeit verbergen. Die Studie unterscheidet dabei zwei Richtungen: grandioser Narzissmus, der stärker mit Anspruchshaltungen und einer stabilisierenden Rolle von Fantasie im Sinne eines erhöhten Selbstbildes verbunden ist, sowie verletzlicher Narzissmus, bei dem Kritik besonders stark trifft und Betroffene eher in Imagination zurückweichen, um die durchdringende Scham zu regulieren.

Methodisch basiert die Untersuchung auf einer Online-Befragung mit 559 Erwachsenen. Das Durchschnittsalter lag bei 27 Jahren; 68 % der Teilnehmenden waren Frauen, und viele Personen lebten in europäischen Ländern wie Italien, Griechenland, Türkei und Spanien. Die Teilnehmenden füllten mehrere standardisierte Fragebögen aus: Ein Instrument erfasste Häufigkeit und Intensität des maladaptiven Tagträumens und fragte nach dem Drang zu fantasieren sowie nach der Beeinträchtigung im Alltag. Laut den erhobenen Daten lagen knapp 29 % über einer in der Literatur vorgeschlagenen Schwelle. Ein weiterer Test erfasste Symptomcluster einer Social-Media-Addiction wie Entzugseffekte, Stimmungsänderungen und Konflikte durch Internetnutzung; ein dritter Fragebogen screente Hypersexualität über wiederkehrende sexuelle Fantasien, die Handlungsdrang-Komponente als Emotionsregulation sowie das damit verbundene Leiden.

Auf statistischer Ebene zeigt sich ein konsistentes Bild: Höhere Ausprägungen des maladaptiven Tagträumens waren moderat mit sowohl problematischer Social-Media-Nutzung als auch Hypersexualität assoziiert. Wer intensiver tagträumte, berichtete außerdem häufiger höhere Werte pathologischer narzisstischer Merkmale. Die Analyse prüfte zudem, ob Narzissmus als Mediator wirkt – also ob diese Variable hilft zu erklären, wie oder warum ein Zusammenhang zwischen zwei Bereichen entsteht. Das Ergebnis: Narzissmus „erklärt“ den Zusammenhang teilweise, sowohl bei der Verbindung zwischen Social-Media-Addiction und maladaptivem Tagträumen als auch bei dem Link zur Hypersexualität. Zusammengenommen erklären die gemessenen Faktoren etwa 20 bis 24 % der Varianz in den Tagträumen, was deutlich macht, dass Selbstwert-Regulation eine zentrale Stellschraube ist, aber nicht die einzige.

Die Autoren führen das auf einen gemeinsamen Mechanismus zurück, der in mehreren kompensatorischen Verhaltensmustern sichtbar wird. Wenn Betroffene Schwierigkeiten haben, ein stabiles Gefühl des eigenen Werts zu halten, greifen sie eher zu Strategien, die kurzfristige Erleichterung versprechen: Social Media liefert indirektes Feedback, eine kuratierte Selbstpräsentation und Aufmerksamkeit als „Taktgeber“. Sexuelle Fantasien wiederum bieten Kontrolle und sensorische Stimulation; maladaptives Tagträumen ermöglicht darüber hinaus einen maßgeschneiderten Ausweg in eine Realität, in der Macht, Bestätigung oder Komfort leichter verfügbar scheinen. Interessant ist auch die Differenzierung nach Narzissmustyp: Grandios narzisstische Traits waren in der Studie stärker mit Hypersexualität verknüpft, während verletzlicher Narzissmus enger mit problematischer Social-Media-Nutzung zusammenhing.

Für die Einordnung ist entscheidend, dass die Studie nur eine Momentaufnahme liefert: Die Daten stammen aus einem Survey zu einem Zeitpunkt, daher lässt sich keine Kausalität ableiten. Es zeigt sich „Auftreten zusammen“, nicht „Ursache-Wirkung in dieser Reihenfolge“. Zusätzlich nennen die Forschenden Grenzen durch die Methodik: Selbstberichte können verzerrt sein, die Stichprobe bestand überwiegend aus Frauen, und die Befragung lief auf Englisch, während dies für viele Teilnehmende nicht die Muttersprache war. Praktisch bedeutet das: Wenn therapeutische Konzepte Verhaltenssüchte nur an der Oberfläche stoppen wollen, könnten sie zu kurz greifen. Die Ergebnisse sprechen eher dafür, Frustration und Scham gezielt zu bearbeiten und belastbare reale Beziehungen zu stärken; außerdem könnte es sinnvoll sein, narzisstische Verwundbarkeiten als tieferliegende Faktoren mitzuadressieren.

Veröffentlicht wurde die Arbeit unter dem Titel „Maladaptive Daydreaming, Hypersexuality, and Social Media Use: Testing Narcissism as a Mediator in a Young Adult Online Sample“ bei Psychology of Consciousness: Theory, Research, and Practice. Als nächster Schritt bieten sich vor allem Längsschnittstudien an, die über Monate oder Jahre verfolgen, wie sich Tagträumen, digitale Kontrollverluste und Sexualverhalten gegenseitig beeinflussen könnten.


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