LONDON (IT BOLTWISE) – Eine kleine Studie ordnet „Sublimes“ und „Schönes“ in der Musik gezielt bestimmten Klangmerkmalen zu. In Dur bewerten Teilnehmende die Hörbeispiele deutlich als „schön“, in Moll dagegen stärker als „sublim“. Kommen Fotos und Musik zusammen, dominieren die visuellen Eindrücke die Gesamteinschätzung. Gleichzeitig entsteht eine Trennung: Die „Sublimität“ im Mix folgt dem Sublimitätsgehalt des Bildes, die „Schönheit“ der Schönheit der Einzelkomponenten.

Die Debatte zwischen Philosophie und Psychologie wirkt oft so, als ließen sich „schön“ und „erhaben“ (beauty und sublime) nur schwer trennen. Historisch wurden diese Begriffe zwar gegeneinander abgegrenzt, doch experimentell fehlte lange eine belastbare Brücke, die dieselben Kategorien auch auf das Hören von Musik überträgt. In einer neuen Untersuchung rücken daher nicht nur ästhetische Eindrücke aus der Bildwelt in den Fokus, sondern auch die Frage, welche musikalischen Parameter beim Erleben „Schönheit“ oder das „Erhabene“ triggern. Der Befund ist bemerkenswert konkret: Nicht jede Klangfarbe „kippt“ die Wahrnehmung in dieselbe Richtung, sondern es gibt klare Muster, die sich bis in die Tonart zurückverfolgen lassen.
Ausgangspunkt der Arbeit ist der klassische Gegensatz: Schönheit wird typischerweise mit Harmonie, Ordnung und reinem Wohlgefühl verbunden, während das Erhabene eher mit Staunen, Größe und manchmal auch mit einer Spur von Furcht oder Mehrdeutigkeit zusammenhängt. Genau diese unterschiedlichen emotionalen Nuancen sollten hier erstmals systematisch über die Sinnesmodalität „Audio“ operationalisiert werden. Die Forschenden um Young-Jin Hur, Radvile Medeisyte und I. Chris McManus (University College London; auch verbunden mit der University of the Arts London) testen, ob Musikfeatures die gleiche Zweiteilung aktivieren, die man bislang vor allem aus visuellen Settings kennt. Zusätzlich geht es um eine zweite, praktisch relevante Frage: Wie fügen sich Schönheit und Erhabenheit zusammen, wenn Musik und Bildmaterial gleichzeitig wirken.
Methodisch startete das Experiment mit einer visuellen Baseline. 39 Studierende bewerteten in einem verdunkelten Raum 18 projizierte Fotografien. Die Bildauswahl deckte bewusst ein Spektrum möglicher emotionaler Auslöser ab: Von ruhigen Motiven wie Wiesen, die eher hohe „Schönheit“ erzeugen sollten, bis hin zu ausbrechenden Vulkanen, die auf das Erhabene zielen. Diese erste Stufe diente als verlässliche Messgrundlage dafür, wie einzelne Teilnehmende überhaupt Schönheit und Sublimität in der Bildwelt unterscheiden. Solche Vorab-Bewertungen sind wichtig, weil sie spätere Kombinations-Effekte nicht nur „irgendwie“ erklären, sondern messtechnisch auf eine definierte Ausgangslage beziehen.
Im nächsten Schritt hörten die Teilnehmenden 36 kurze klassische Klavierpassagen. Die Auswahl umfasste Komponisten wie Johann Sebastian Bach, Frédéric Chopin und Arnold Schoenberg und sollte drei Stilperioden abdecken: Barock, Romantik und Moderne. Damit die Stimmenvielfalt und Textinhalte keine Rolle spielen, nutzten die Forschenden bewusst Klaviermusik als Soloinstrument. Variiert wurde unter anderem die Tonart (Dur, Moll und atonale Strukturen) sowie das Tempo grob in langsam und schnell. Gerade die Tonart erwies sich dabei als dominierender Treiber der Bewertungen: Dur-Beispiele wurden deutlich als „hoch schön“ eingestuft, während Moll stark mit „Sublimität“ assoziiert war. Tempo spielte dagegen eine deutlich kleinere Rolle; schnelleres Material brachte zwar etwas mehr Sublimität, änderte jedoch die Schönheitswahrnehmung kaum. Atonale Passagen schnitten in beiden Skalen niedrig ab.
Über den reinen Effekt hinaus liefert die Arbeit eine psychologische Erklärungstiefe, die auch für die Interpretation moderner Musik relevant ist. Die Forschenden weisen darauf hin, dass atonale Musik möglicherweise ein gewisses Maß an Vertrautheit oder „Formkenntnis“ benötigt, um ästhetische Qualitäten überhaupt konsistent zu erkennen. Gleichzeitig wird klar: Niedrige Werte in den beiden Skalen bedeuten nicht, dass Atonalität „unbrauchbar“ wäre – sie ist etwa in Konzertsälen oder Filmmusik prominent. Gerade in filmischen Kontexten werden dissonante Klänge häufig genutzt, um Spannung aufzubauen oder Angst zu evozieren. Damit zeigt die Studie indirekt, dass ästhetische Zielrichtungen stark davon abhängen können, ob ein Publikum mit den Konventionen des Materials sozialisiert ist.
Der Kern der Story entsteht im letzten Experimentsteil: Bild und Musik wurden randomisiert kombiniert, sodass die Teilnehmenden Fotos und Hörbeispiele in zufälligen Paaren erlebten. In dieser Phase wurde deutlich, dass visuelle Information die auditive Komponente in der Gesamtbewertung stärker übersteuert. Konkret beeinflusste die Sublimität des Fotos die resultierende Sublimitätsnote mehr als doppelt so stark wie die Begleitmusik. Für die „Schönheit“ gilt ein noch klarerer Gewichtungsunterschied: Die Schönheit des Bildes prägte die Gesamtbewertung fast dreimal so stark wie die Musik. Besonders interessant ist zudem die beobachtete Trennschärfe im Entstehungsprozess: Die Sublimität im Audiovisuellen Mix ließ sich ausschließlich aus der Sublimität der jeweiligen Einzelbestandteile vorhersagen – nicht aus deren Schönheit. Umgekehrt ließ sich die Schönheit im Mix nur aus der Schönheit der Einzelbestandteile vorhersagen, ohne dass die Sublimität der Komponenten eine vergleichbar starke Rolle spielte. So entsteht das Bild, dass das Gehirn beim gleichzeitigen Einsatz mehrerer Sinne Schönheit und Erhabenheit getrennt berechnet.
Die Studie bleibt dennoch durch ihr Design limitiert. Die Stichprobe war vergleichsweise klein und bestand überwiegend aus weiblichen Studierenden in Großbritannien; damit sinkt die Übertragbarkeit auf breitere Bevölkerungsgruppen. Außerdem basieren sowohl die Musik- als auch die Bildauswahl auf westlich geprägten Erwartungen, etwa hinsichtlich Dur-, Moll- und Atonalitätsschemata. Wer mit anderen kulturellen Konventionen aufgewachsen ist, könnte Tonarten anders einordnen oder andere emotionale Bedeutungsräume mit Klang verbinden. Auch der Versuchsablauf könnte die Ergebnisse beeinflusst haben, weil die audiovisuellen Kombinationen immer am Ende lagen und daher Müdigkeit oder Abnutzungseffekte möglich sind. Insgesamt markiert die Arbeit aber einen wichtigen methodischen Schritt: Sie verbindet eine philosophische Kategorienordnung mit messbaren akustischen Triggern und zeigt, wie sich Schönheit und Erhabenheit im Zusammenspiel der Sinne auseinanderhalten lassen – ein Ansatz, der besonders für Szenarien relevant wird, in denen Medien bewusst mit Musik und Bild dramaturgisch gekoppelt werden. Veröffentlicht wurde die Untersuchung in Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts (sowie als Artikel mit dem Titel „Cathedrals of Sound: Predictors of the Sublime and the Beautiful in Music, Images, and Music With Images“).
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