LONDON (IT BOLTWISE) – Eine VR-Studie zeigt, dass körperliche Erregung aus einem schnellen Spiel Männer bei der Bewertung von Dating-Profilen deutlich positiver macht. Die Wahrscheinlichkeit, ein Profil zu akzeptieren, steigt bei Männern von 11,3 Prozent auf 31,4 Prozent. Bei Frauen lässt sich dagegen kaum ein Effekt erkennen. Die Arbeit basiert auf einem Preprint und muss erst durch Peer Review bestätigt werden.

VR-Erregung verzerrt Männerurteile bei Dating-Apps – neue Studie
VR-Erregung verzerrt Männerurteile bei Dating-Apps – neue Studie (Foto: IT BOLTWISE)
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Das scheinbar beiläufige Gefühl „ich bin gerade hochgefahren“ könnte sich künftig stärker auf digitale Dating-Entscheidungen auswirken, als viele annehmen. Eine experimentelle Studie verbindet dafür zwei Welten, die im Alltag selten zusammen gedacht werden: kurzzeitige physiologische Erregung aus einer interaktiven VR-Situation und die danach schnelle Bewertung virtueller Dating-Profile. Besonders auffällig ist die Geschlechterdifferenz: Während Männer die Erregung aus dem Spiel offenbar auf romantische Attraktivität übertragen, bleibt dieser Mechanismus bei Frauen weitgehend aus.

Im Zentrum steht die arousal misattribution hypothesis. Die psychologische Idee lautet, dass Menschen körperliche Erregungszeichen wie Herzklopfen oder „Gänsehaut“ aus einer nicht-romantischen Quelle erleben und diese Aktivierung dann fälschlich als sexuelle oder romantische Zuwendung zu einer anderen Person deuten. Ein klassisches Indiz lieferte schon ein bekanntes Experiment aus dem Jahr 1974: Männer, die eine wackelige Hängebrücke überquerten, waren im Anschluss eher bereit, eine weibliche Versuchsleitung anzusprechen als Männer in der Kontrollbedingung mit einer sicheren Brücke. Dieser Befund lässt sich als Beispiel dafür lesen, wie schwer es dem Gehirn fällt, getrennte Ursachen körperlicher Aktivierung auseinanderzuhalten.

Die Studie stellt diese Logik nun in den Kontext von Dating-Apps, in denen Entscheidungen oft in Sekundenbruchteilen fallen. Beim Scrollen und „Swipen“ dominieren visuelle Hinweise und knappe Textsignale, während weitere Eigenschaften wie Beruf oder Intelligenz weniger Raum bekommen. Frühere Arbeiten deuten bereits darauf hin, dass körperliche Attraktivität stark mit der wahrgenommenen Attraktivität von Profilen zusammenhängt; außerdem fanden Forscher in einer Untersuchung zu Online-Dating-Profilen, dass das Aussehen zu den stärksten Prädiktoren zählt, wie attraktiv ein Profil wirkt. Neu an der aktuellen Arbeit ist dabei nicht die Idee, dass Attraktivität zählt, sondern die Frage, ob die gerade erlebte Erregung diese Bewertung systematisch „verschiebt“.

Für den experimentellen Test setzten die Autoren auf VR, weil sie damit Erregung reproduzierbar auslösen können, ohne dass die Teilnehmenden sich im Labor an unterschiedlichen äußeren Umständen festhalten. Das Team um Bahar Güçer und Yannik A. Escher von der Leuphana University Lüneburg rekrutierte 130 Personen im Campus-Kontext (durchschnittlich etwa 23 Jahre). Per Zufall ordneten die Forschenden die Teilnehmenden zwei Bedingungen zu: Eine Gruppe blieb drei Minuten in einer beruhigenden VR-Umgebung mit einem ruhigen Waldszenario, die andere spielte drei Minuten den schnell getakteten Rhythmustitel „Beat Saber“ in einer VR-Umgebung mit hoher Erregung.

Direkt danach sahen alle Teilnehmenden acht fiktive Dating-Profile in einer Oberfläche, die einem Dating-Feed ähneln sollte. Die Profile wurden so gestaltet, dass sie zu der jeweils gemeldeten sexuellen Orientierung der Teilnehmenden passten. Pro Profil bewerteten die Teilnehmenden unter anderem Attraktivität, wahrgenommene „sexual warmth“ und Kompatibilität. Zusätzlich gaben sie an, wie ähnlich die Person sich anfühlen würde, ob sie glaubten, dass die andere Person ihr Interesse erwidern würde, und wie wahrscheinlich ein reales Date wäre. Am Ende entschieden sie binär, ob sie ein Profil „approve“ oder „reject“ würden, also in einer Logik, die das Wischen in bestehenden Apps nachbilden soll.

Die Ergebnisse zeigen einen klaren Aktivierungs-Moment bei Männern: Im Vergleich zur beruhigenden VR-Bedingung bewerteten Männer aus der High-Arousal-Gruppe die Profile höher in Attraktivität und wahrgenommener sexueller Wärme. Sie empfanden die Profilpersonen außerdem stärker als ähnlich zu sich selbst und erwarteten höhere gegenseitige Übereinstimmung. Die Veränderung im Entscheidungsverhalten ist besonders greifbar: Während Männer in der Low-Arousal-Gruppe nur 11,3 Prozent der Profile akzeptierten, stieg die Quote in der High-Arousal-Gruppe auf 31,4 Prozent. Damit lagen diese Männer bei fast dem Dreifachen der Akzeptanzwahrscheinlichkeit. Bei Frauen zeigte sich dagegen praktisch kein Effekt: In der High-Arousal-Gruppe lag die Akzeptanzquote bei 20,5 Prozent, gegenüber 23,3 Prozent in der niedrigen Erregungssituation. Auch Attraktivitäts- und Kompatibilitätswerte verschoben sich bei Frauen nicht systematisch, was die Autoren über eine bestehende Theorie erklären: Männer könnten körperliche Signale stärker gewichten, während Frauen eher kontextuelle Hinweise stärker einbeziehen.

Wie bei solchen Experimenten lohnt sich ein Blick auf die Grenzen, gerade weil der Beitrag als Preprint veröffentlicht wurde und bislang nicht durch Peer Review geprüft ist. Die Forschenden nutzten zudem Selbstauskünfte zur körperlichen Erregung, statt objektive Messungen wie Herzraten- oder Hautleitfähigkeitsmessungen einzubeziehen. Solche Daten können zwar erklärend wirken, aber sie sind in der Interpretation anfällig für die Frage, ob Teilnehmende ihren eigenen Zustand korrekt einordnen. Zudem waren die Profile insgesamt nicht „maximal attraktiv“, und die Versuchslogik bot geringe soziale Konsequenzen: Im Labor gibt es keine echte Folgekommunikation, kein echtes Zusammentreffen und auch kein echtes Risiko der Zurückweisung. Genau deshalb könnte der Effekt in der Realität anders groß ausfallen.

Auch eine mögliche Deutungslinie jenseits der reinen Misattribution-Hypothese wird sichtbar. Rui Miguel Costa, Assistenzprofessor an der Faculty of Health Sciences der Universidade Europeia in Lissabon und laut Selbstangaben nicht an der Studie beteiligt, brachte in Kommentaren zum Ausdruck, dass Menschen in realen Situationen Erregung und Kontext nicht sauber trennen können. Er argumentierte, dass Attraktivität und situative Faktoren untrennbar miteinander verwoben seien und eine rein „abgeleitete“ Attraktivität aus einer Fehlzuordnung körperlicher Aktivierung zu kurz greifen könnte. Damit stellt sich die Anschlussfrage: Selbst wenn der Effekt im Experiment messbar ist, wie genau verhalten sich Selbstwahrnehmung, Erwartung, Kontext und tatsächliche Biologie im Alltag von Dating-Apps? Für die weitere Forschung schlagen Costa und die Autoren vor, stärker danach zu fragen, inwieweit Teilnehmende sich bewusst sind, dass ihre Stimmung oder Erregung möglicherweise aus der vorherigen Situation stammt. Für Unternehmen und Entwickler digitaler Plattformen bedeutet das zumindest: Wer Dating- oder Matching-Interaktionen gestaltet, sollte bedenken, dass „gerade noch passiert“ die Nutzerbewertung durchaus spürbar färben kann.


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