DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Warenhauskette Galeria hat beim Amtsgericht Düsseldorf die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Das Unternehmen will den Betrieb in zunächst 83 Filialen fortführen, während das Gericht den rechtlichen Rahmen für die weitere Abwicklung schafft. Rund 12.000 Beschäftigte wurden informiert; unklar bleibt, ob und in welchem Umfang Insolvenzgeld möglich ist. Parallel läuft eine Sanierung mit externer Kreditfinanzierung bis zu 160 Millionen Euro, die an einen Plan und weitere mögliche Schließungen geknüpft ist.

Die Nachricht wirkt wie ein erneuter Einschnitt im deutschen Innenstadthandel: Galeria hat beim Amtsgericht Düsseldorf die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Nach Unternehmensangaben soll der Geschäftsbetrieb vorerst weiterlaufen, konkret in 83 Filialen. Damit steht zunächst weniger die sofortige Schließung im Vordergrund als vielmehr die Frage, wie schnell ein geordneter Ablauf zwischen Gericht, Gläubigern und Standortleitungen gelingt. In der Mitteilung heißt es, der Schritt schaffe „den rechtlichen Rahmen“, um die Lage zu ordnen, das Unternehmen zu stabilisieren und Voraussetzungen für eine nachhaltige Zukunft zu schaffen.
Für die Belegschaft und die lokalen Lieferketten ist diese zeitliche Vorläufigkeit zentral. Rund 12.000 Beschäftigte wurden am Freitagvormittag informiert und müssen dennoch um Arbeitsplätze bangen: Ob einzelne Standorte schließen, ist ausdrücklich offen. Auch beim Thema Insolvenzgeld bleibt die Lage zunächst unklar. Entscheidend ist hier der Blick auf die Verfahrenshistorie, denn das Amtsgericht Essen hat die Planüberwachung für Galeria nach der bislang letzten Insolvenz bislang nicht aufgehoben. Wenn ein Unternehmen weiterhin unter Planüberwachung steht, kann – so die Formulierung eines Sprechers der Bundesagentur für Arbeit im Juni – in der Regel nicht erneut davon ausgegangen werden, dass Insolvenzgeld gezahlt werden kann; zugleich soll bei jeder Prüfung die konkrete Situation berücksichtigt werden.
Finanziell versucht Galeria derweil, den Betrieb über eine Kombination aus externer Liquidität und einem Sanierungsfahrplan abzusichern. Das Unternehmen verweist auf Liquiditätsschwankungen und hatte zuvor bereits bei Vermietern um Stundungen gebeten. Erst im Juni erhielt Galeria eine neue Kreditfinanzierung von bis zu 160 Millionen Euro, um unter anderem einen laufenden Kredit abzulösen und offene Mietzahlungen zu begleichen. Die Kreditlinie stellt die US-Investmentgesellschaft Gordon Brothers bereit; sie ist laut Bericht durch die Ware von Galeria abgesichert und an einen Sanierungsplan gekoppelt, der über drei Jahre angelegt ist und weitere Schließungen vorsieht.
Der Sanierungsdruck zeigt sich auch in den Verhandlungen mit Vermietern und in der internen Standortplanung. Im Juli kündigte Galeria an, 33 Warenhäuser auf den Prüfstand zu stellen und mit Vermietern über Mietkonditionen zu verhandeln. Die Logik dahinter ist kaufmännisch nüchtern: Ohne tragfähige Lösungen sei die Fortführung der jeweiligen Filiale gefährdet; alle Warenhäuser müssten nachhaltig profitabel wirtschaften. Diese Formulierung ist für den Markt wichtig, weil sie den Konflikt zwischen Immobilienlogik und Handelsrealität sichtbar macht: Der Standortwert hängt zunehmend an der Frequenz und Zahlungsfähigkeit, während Warenhausflächen in vielen Städten zugleich unter den Effekten von Onlinehandel und veränderter Konsumnachfrage leiden.
Ein Blick auf die Kennzahlen verdeutlicht, warum sich das Thema in den letzten Jahren immer wieder zuspitzt. Laut EHI sind die Erlöse des Unternehmens in den vergangenen Jahren deutlich gesunken: 2019 setzte Galeria Karstadt Kaufhof mit 174 Filialen netto 4,5 Milliarden Euro um. Sechs Jahre später lag der Umsatz mit weniger als der Hälfte der Standorte bei nur noch 2 Milliarden Euro. Parallel sank die Bedeutung von Kauf- und Warenhäusern am Markt: Der Marktanteil fiel laut EHI von 4,2 Prozent seit 2020 auf zuletzt 1,2 Prozent. In dieser Betrachtung sind auch andere Ketten wie Müller und Woolworth enthalten – der Druck trifft also nicht nur Galeria, sondern ein ganzes Geschäftsmodell.
Der breitere Kontext erklärt auch, warum Insolvenzrisiken im Einzelhandel aktuell so oft Schlagzeilen dominieren. Nach Angaben des Kreditversicherers Allianz Trade hat die Zahl der Insolvenzen im Einzelhandel ein Zehnjahreshoch erreicht: Zwischen Juni 2025 und Mai 2026 meldeten demnach gut 2.600 Einzelhändler Insolvenz an. Zu den Fällen gehören unter anderem die Non-Food-Discounter Kodi und Mäc Geiz, die zahlreiche Filialen schlossen, sowie die Deko-Kette Depot, die den Geschäftsbetrieb einstellt. Auch im Baumarktbereich kommt Bewegung hinzu, etwa wenn Ketten abgewickelt werden und Filialen von anderen Händlern weitergeführt werden. Für die Branche summiert sich das zu einem strukturellen Problem: Laut Prognose des Handelsverbands Deutschland dürfte die Zahl der Geschäfte in diesem Jahr auf unter 300.000 sinken, nach etwa 372.000 Ende 2015. Ein „Aus“ für Galeria würde damit zwar nicht die einzige Ursache des Trends sein, aber es könnte das Ende der Ära klassischer Warenhäuser spürbar beschleunigen.
Für Entscheiderinnen und Entscheider in Immobilien, Zahlungsverkehr und Handel ergeben sich daraus mehrere praktische Leitplanken. Erstens wird der operative Übergang durch Insolvenzprozesse häufig länger dauern als die öffentliche Wahrnehmung vermuten lässt; Galeria zeigt aktuell, wie stark Gerichte, Planüberwachung und konkrete Einzelfallprüfungen die Geschwindigkeit von Maßnahmen bestimmen. Zweitens macht der Sanierungsplan mit externer Kreditlinie deutlich, dass unternehmensweite Transformationen im stationären Handel zunehmend „projektartig“ finanziert werden – mit klaren Bedingungen und eingebauten Schließungsoptionen. Drittens sollten Vermieter und Lieferanten ihre Risikobetrachtung enger an Liquiditäts- und Zahlungszyklen koppeln, nicht nur an die formale Statusmeldung. Wie schnell sich daraus neue stabile Modelle ableiten, wird vor allem davon abhängen, welche Filialen im laufenden Verfahren tatsächlich eine tragfähige Zukunft bekommen.
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