LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Forschung ordnet Ghosting als wechselseitiges Missverständnis ein, nicht nur als soziale Strategie. Die Studienergebnisse zeigen: Wer antwortet nicht, empfindet die eigene Funkstille häufiger als stärker belastend, als die wartende Person es erwartet. Selbst eine kurze Rückmeldung kann die emotionale Fehlinterpretation deutlich verkleinern. Gleichzeitig variiert der Effekt je nach Situation und Wahrnehmung beider Seiten.

Ghosting schmerzt Ghostende oft mehr: KI-Psychologie der Missverständnisse
Ghosting schmerzt Ghostende oft mehr: KI-Psychologie der Missverständnisse (Foto: IT BOLTWISE)
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Wenn jemand auf Nachrichten nicht mehr reagiert, entsteht schnell eine bequeme Erklärung: Die andere Person kümmert sich nicht – oder will bewusst Abstand. Genau diese Annahme stellt die aktuelle Psychologiestudie infrage, die in Personality and Social Psychology Bulletin veröffentlicht wurde. Darin geht es weniger um die Frage, ob Ghosting „absichtlich“ passiert, sondern darum, wie stark sich die gefühlsbezogenen Einschätzungen zwischen beiden Kommunikationspartnern unterscheiden. Zentral ist: Menschen, die Nachrichten unbeantwortet lassen, berichten oft davon, sich emotional schlechter zu fühlen, als die Person in der Warteschleife erwartet.

Zur Einordnung klären die Forschenden zunächst den Begriff. Ghosting meint, dass eine Person abrupt auf Nachrichten der anderen Seite nicht mehr reagiert, ohne Erklärung. Im digitalen Kontext reicht es bereits, wenn mindestens eine Person in der Interaktion davon ausgeht, dass die Stille dauerhaft sein könnte. Dabei kann Ghosting von der bewussten Beendigung einer Beziehung bis zu einem temporären Versehen reichen – etwa wenn eine Nachricht nur gelesen, dann aber aus dem Blick verloren wurde. In der Studie wird die reagierende Abwesende als „ghoster“ und die wartende Person als „ghostee“ bezeichnet. Der Ansatz zielt darauf, dass nicht nur die tatsächliche Situation zählt, sondern wie die Beteiligten die Situation psychologisch „übersetzen“.

Die Arbeit knüpft an frühere Forschung an, die bereits eine ähnliche Grundrichtung vermuten ließ: Emotionale Distanzierung kann auch die Person belasten, die sie durchsetzt. So zeigte eine Untersuchung aus dem Jahr 2013, dass das soziale Ausgrenzen einer anderen Person emotionalen Stress bei der Person auslösen kann, die die Ausgrenzung durchführt (vgl. eine 2013er Studie). Eine weitere Studie aus 2022, in der Teilnehmende sowohl Ghosting erlebt hatten als auch andere ghosteten, deutet ebenfalls auf ein differenziertes Muster hin: Ghostende beschrieben häufiger Schuldgefühle – aber gleichzeitig auch Erleichterung –, während Ghostees eher Traurigkeit und Verletztheit nannten (vgl. eine 2022er Studie). Aufbauend darauf wollten Sophia Li (Haas School of Business an der University of California, Berkeley) und Coral Zheng (Judge Business School der University of Cambridge) die Mechanik der Fehlwahrnehmung genauer fassen.

In den ersten zwei Studiendesigns wird besonders sichtbar, wie groß die Lücke zwischen „Selbsteinschätzung“ und „Erwartung der anderen Seite“ sein kann. Im ersten Experiment wurden 195 Erwachsene gebeten, sich an einen konkreten digitalen Austausch zu erinnern, in dem sie entweder selbst jemanden geghostet hatten oder selbst geghostet worden waren. Anschließend gaben sie an, wie schlecht sie sich fühlten, und schätzten zugleich, wie schlecht die andere Person sich wohl fühlen würde – auf einer Skala von 1 bis 5. Das Ergebnis: Ghostende berichteten im Mittel einen höheren Leidensdruck (2,27) als es die wartenden Personen erwarten konnten (1,56). Besonders groß wurde die Diskrepanz, wenn das Nichtantworten unbeabsichtigt war – etwa weil jemand schlicht vergessen hatte zu schreiben. Interessanterweise blieben Ghostende dabei relativ korrekt darin, wie stark die Ghostees tatsächlich das Gefühl hatten, verletzt zu sein; die scheinbar zuverlässigere Richtung lief also in eine andere Behauptung hinein als von außen vermutet.

Im zweiten Studienschritt mit 601 Teilnehmenden ging das Muster in eine kontrolliertere Richtung weiter. Die Teilnehmenden sollten sich ein Szenario mit einer Person vorstellen, die sie nicht gut kennen: Entweder stellten sie sich in die Rolle der Person, die aufhört zu antworten, oder in die Rolle, die auf eine Antwort wartet. Dabei variierten die Forschenden eine zweite Version des Szenarios: In einer Variante kam gar keine Rückmeldung; in der anderen schickte die wartende Person zumindest eine kurze Nachricht („Sorry, but I can’t talk right now.“). Auch hier erwarteten die Ghostenden stärkeres emotionales Unbehagen bei sich selbst als die Ghostees vorhergesagt hatten. Die kurze Rückmeldung machte einen messbaren Unterschied: Sie verringerte den erwarteten Schaden und reduzierte laut den Angaben zudem die Selbstschuld der Ghostees. Während etwa ein Drittel der Ghostees ohne Antwort dachte, sie hätten die andere Person genervt, sank dieser Anteil nach einer kurzen Entschuldigung bzw. Statusmeldung auf ungefähr ein Fünftel. Die Interpretation verschob sich damit weg von „Ich bin schuld“ hin zu „Die Person ist gerade beschäftigt“.

Der dritte Teil der Untersuchung nimmt die Perspektive aus der Vorstellung heraus und bringt sie in ein Live-Setting. In einem Online-Chatroom führten Erwachsene zunächst acht Minuten ein Gespräch, um sich kennenzulernen; anschließend hatte eine Person pro Paar die Wahl, eine zweite fünfminütige Gesprächsrunde zu starten oder ganz auszulassen. Wenn sie die zweite Runde übersprang, blieb die andere Person ohne Erklärung zurück. Von den 229 abgeschlossenen Paaren wurden 175 Paare ausgewertet, in denen wirklich eine Runde ausgelassen wurde. Überraschend: Im Gesamtbild zeigte sich der anfängliche Effekt nicht so klar wie in den ersten beiden Studien. Die wartende Person unterschätzte zwar in dieser Auswertung nicht durchgängig, wie schlecht es der anderen Person ging – stattdessen überschätzten die Ghostees teils, wie stark sie selbst negativ bewertet würden. Als Erklärung nennen die Forschenden außerdem, dass beide Seiten nicht immer dasselbe Ereignis als „Ghosting“ interpretieren; auch die eigene Abgrenzung („war das eher ein Aussetzen aus Versehen oder ein gezieltes Wegbleiben?“) unterscheidet sich.

Damit verschiebt sich die Schlussfolgerung von einer reinen „Schuldfrage“ hin zu einem Modell subjektiver Wahrnehmung. Zheng fasst die Logik sinngemäß so zusammen: Ghosting ist für mindestens eine Partei dann real, wenn sie ihre Situation als Ghosting empfindet – unabhängig davon, ob die andere Person das kommunikativ ebenfalls so gemeint hat. In einer nachträglich analysierten Untergruppe, in der Teilnehmende das Verhalten als Ghosting einstuften (Werte 4 oder 5 auf der 5-Punkte-Skala), erschien der ursprüngliche Richtungsbefund wieder: Wer ausließ, fühlte sich demnach im Mittel schlechter (3,93) als die Ghostees vorhergesagt hatten (3,51). Zusätzlich zeigte sich über alle Paare hinweg, dass die Ghostees auch unterschätzten, wie sehr die andere Person eigentlich bereit war, die Freundschaft weiterzuentwickeln. Praktisch bedeutet das: Das Kommunikationsproblem ist nicht nur „keine Antwort“, sondern die Erwartung darüber, was diese Antwortlosigkeit psychologisch auslöst.

Für den Alltag lässt sich daraus eine relativ direkte Handlungsidee ableiten: Wer nicht antworten kann, muss nicht zwangsläufig das Risiko eingehen, eine komplette emotionale Abwärtsspirale auszulösen. Die Studie verweist ausdrücklich darauf, dass eine kurze Rückmeldung die Fehlinterpretation reduziert. Gleichzeitig mahnt die Arbeit zur Einordnung der Grenzen: Im Live-Experiment fehlte die Gesamtwirkung, und außerdem waren die Teilnehmenden überwiegend in den USA rekrutiert. Kulturunterschiede in Bezug auf Konfliktvermeidung und direkte Konfrontation könnten beeinflussen, wie stark Schuldgefühle entstehen und wie die Stille gelesen wird. Auch die verwendeten Chat-Interaktionen mit Fremden bilden nur einen Teil der Realität ab; bei langjährigen Beziehungen oder engen Freundschaften kann die emotionale Last intensiver sein. Dennoch liefert die Arbeit eine wertvolle Perspektive für digitale Kommunikationsroutinen: Nichtantworten sind selten nur „kalt“, sondern oft auch innerlich belastend – und genau diese Asymmetrie erklärt, warum Missverständnisse so hartnäckig eskalieren können.


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