LONDON (IT BOLTWISE) – Artcraft soll als kostenlose Open-Source-Suite Adobes Creative-Cloud-Apps ersetzen, inklusive KI-gestützter Entwicklung. Der Gründer Brandon Thomas sagt, er habe Funktionen wie Photoshop in nur einer Sitzung nachgebaut und nutzt dafür KI-Tools sowie Rust. Die Software läuft laut Projekt auch auf Windows, macOS und Linux, ist aber noch weit von vollständiger Funktionsparität entfernt. Gleichzeitig bleiben rechtliche Fragen, weil die Tools dem Adobe-Portfolio stark ähneln.

Wer bislang für Grafik, Bildbearbeitung und Video-Workflows auf Adobes Creative Cloud gesetzt hat, wird den Wechselgedanken nicht leichtfertig verfolgen: Gerade im kreativen Alltag zählt Verfügbarkeit, Dateikompatibilität und ein Werkzeugkasten, der seit Jahren gewachsen ist. Genau an diesem Punkt setzt Artcraft an. Das Projekt will eine kostenlose, quelloffene Software-Suite für Illustrator, Fotobearbeitung und Design bereitstellen – und dabei den Funktionsumfang so weit annähern, dass der Verzicht auf ein monatliches Abo zumindest realistisch wird. Mit Blick auf die genannte Preisdimension in der Größenordnung von rund 78 Euro pro Monat für ein Pro-Abo wird klar, warum sich ein Teil der Community überhaupt auf Alternativen einschießt.
Technisch ist Artcraft dabei kein klassischer “Clone”-Versuch im Sinne von statischem Nachbau von Nutzeroberflächen, sondern ein KI-getriebener Entwicklungsansatz. Laut Angaben im Projektumfeld verwendet das Team für die Entwicklung eigene KI-Modelle und setzt zusätzlich auf Rust als Programmiersprache. Rust ist für viele Unternehmen attraktiv, weil es durch Speicher-Sicherheit und kontrollierte Laufzeitkosten Angriffsflächen reduziert und zugleich hohe Performance ermöglicht – gerade wenn Anwendungen komplexe Bilddaten effizient verarbeiten müssen. Interessant ist auch die Plattformstrategie: Die Tools sollen nicht nur auf Windows und macOS laufen, sondern explizit auch auf Linux. Damit zielt Artcraft auf Umgebungen, in denen Kreative oft ohnehin mit offenen Systemen arbeiten oder Build- und Deployment-Prozesse stärker automatisieren.
Im Kern ersetzt Artcraft die bekannten Funktionen in einer Reihe von Teilanwendungen: Photoshop wird durch Photocraft ersetzt, Lightroom durch Lightcraft und so weiter. Genau diese Benennung und das “App-zu-App”-Prinzip machen den Ansatz auf den ersten Blick verständlich, können aber auch Erwartungen schüren, die in einer frühen Entwicklungsphase schwer einzulösen sind. Das Projektteam ordnet Artcraft selbst als frühe Phase ein und nennt als Zeithorizont, dass noch Monate nötig seien, bis etwa 99 Prozent der Features abgedeckt werden könnten. Erste Testerberichte sprechen bereits von sichtbaren Defiziten. Dass trotzdem von einem schnellen Fortschritt ausgegangen wird, liegt laut Darstellung am KI-Einsatz: Wenn Modelle aus Vorgaben funktionsnahe Softwarebausteine erzeugen können, sinkt die Hürde, iterativ an komplexe Programme heranzukommen – im Vergleich zu dem traditionellen “alles von Hand programmieren”-Vorgehen.
Damit rückt eine zweite Ebene in den Fokus: der Vergleich zwischen Prototypenfähigkeit und Produktreife. Selbst wenn KI in kurzer Zeit große Teile einer Anwendung schreiben hilft, bleiben für Nutzer: innen die harten Kriterien bestehen – Stabilität bei großen Dateien, saubere Undo/Redo-Ketten, konsistente Ebenenlogik, eine belastbare Plugin- oder Workflow-Strategie und vor allem reproduzierbare Ergebnisse über verschiedene Systeme hinweg. Für Unternehmen ist außerdem entscheidend, wie gut die neue Suite in bestehende Prozesse passt: Welche Formate werden wie verlustarm unterstützt, wie verhält sich die Software bei Pipelines mit Dateireferenzen, und wie schnell lassen sich typische Aufgaben vom Import bis zum Export automatisieren? Artcraft positioniert sich hier als potenzielle Alternative, aber der Weg bis zu einem verlässlichen Ersatz bleibt nach den aktuellen Aussagen deutlich.
Rechtlich kommt zusätzlich Spannung hinein. Denn Artcraft zielt ausdrücklich darauf, Adobes Software zurückzuentwickeln und ein “gleichwertiges Produkt ohne Nachteile” zu schaffen – inklusive der Abkehr von Cloud-Anbindung und hohen monatlichen Kosten. Ob dabei eine Nutzung von Ideen, APIs oder konkreten Programmanteilen rechtlich unkritisch bleibt, hängt von Details ab, die in einer frühen Projektphase naturgemäß noch nicht vollständig transparent sind. Gleichzeitig gibt es im öffentlichen Austausch auch persönliche Gründe für die Initiative: In einem Beitrag schildert der Gründer Brandon Thomas, dass ihm Adobe offenbar mehrfach eine Stornogebühr berechnet habe. Er äußert dazu eine starke Ablehnung; aus juristischer Sicht bleiben solche Aussagen jedoch Behauptungen, nicht belegt durch ein abgeschlossenes Verfahren. Ob Adobe den Nachbau überhaupt “dulden” wird, ist damit offen; eine rechtliche Prüfung würde sich typischerweise auf Fragen wie Urheberrecht, Marken-/Designschutz und den Umfang der tatsächlich übernommenen Strukturen konzentrieren.
Marktseitig ist der Fall dennoch mehr als ein einzelnes Projekt. Er zeigt, wie schnell KI-gestützte Entwicklung nicht nur Codevorschläge liefert, sondern ganze Funktionsblöcke beschleunigen kann – bis hin zu Prototypen, die für Nutzer: innen spürbar werden. Für die KI-Entwickler-Community ist das ein Signal: Wer Modelle und Toolchains wie Rust in ein reproduzierbares Engineering-Setup integriert, kann Alternativen zu etablierten Softwarepaketen deutlich schneller testen. Für kreative Teams wiederum bleibt die zentrale Frage, ob Artcraft über die “Machbarkeit” hinaus auch die Langlebigkeit eines professionellen Werkzeugs liefert. Solange das Projekt aber in einer frühen Phase stecken bleibt und die Funktionslücken im Alltag sichtbar sind, dürfte der praktische Umstieg eher schrittweise passieren – etwa dort, wo die Kostenfrage aktuell am stärksten drückt und ausreichend Zeit für Evaluierung bleibt.
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