CHELMSFORD / LONDON (IT BOLTWISE) – Telepräsenz- und Assistenzroboter kommen in britischen Schulen zum Einsatz, um Schülern mit emotional bedingter Schulvermeidung die digitale Teilnahme am Unterricht zu sichern. In Chelmsford betreibt eine Schule mit mehr als 20 AV1-Einheiten bereits einen intensiven Pilotbetrieb. Laut Angaben des Herstellers No Isolation sind im Jahr 2026 rund 76 Prozent der bisherigen AV1-Nutzer wieder im regulären Unterricht angekommen. Parallel zeigen Projekte in Pflege und Betreuung, wie KI-gestützte Robotik nicht nur Begleitung, sondern auch Erinnerungs- und Betreuungsfunktionen übernehmen kann.

Wenn Robotik in Schulen auftaucht, wirkt das auf den ersten Blick wie ein Randthema. Der konkrete Anwendungsfall aus Großbritannien zielt jedoch nicht auf Unterhaltung, sondern auf Teilhabe: Telepräsenz-Roboter sollen Schülern eine Art „digitale zweite Anwesenheit“ ermöglichen, sobald emotionale Hürden den Weg zurück in den Klassenraum blockieren. Besonders relevant ist dabei der Kontext emotional bedingter Schulvermeidung (EBSA), also Situationen, in denen Angst, Überforderung oder andere psychische Belastungen dazu führen, dass Unterricht immer wieder gemieden wird. In diesem Setting werden die Roboter als Stellvertreter genutzt, sodass Lernende trotz Distanz sozial und akademisch „im Raum“ bleiben.
In Großbritannien wurden nach den vorliegenden Angaben bereits mehr als 2.000 dieser AV1-Einheiten in Kommunen und Schulen eingesetzt, wobei der Preis pro Gerät mit 3.500 britischen Pfund beziffert wird. Das Programm baut auf einer späteren Skalierung nach einem Auftrag an die Bildungsbehörde DfE aus dem Jahr 2019 auf, und verschiedene Regionen berichten von aktiven Kontingenten. So werden aus Devon 16 Roboter genannt, außerdem tauchen mehrere weitere Einsatzgebiete auf. Für Moulsham High School in Chelmsford wird der Umfang besonders deutlich: Dort sind über 20 AV1-Roboter im Einsatz. Entscheidend ist nicht nur die Anzahl, sondern die Wirkung im Verlauf: Laut Angaben des Herstellers No Isolation sollen im bisherigen Jahresverlauf 2026 rund 76 Prozent der AV1-Nutzer in den regulären Unterricht zurückgekehrt sein.
Technisch betrachtet treffen bei Telepräsenzrobotern gleich mehrere Disziplinen aufeinander: robuste Verbindungsmöglichkeiten für Video- und Audiosignale, eine Benutzeroberfläche, die für Schüler möglichst niedrigschwellig bleibt, sowie ein Hardware-Setup, das sicher im Schulalltag platziert werden kann. Gerade bei EBSA ist zudem die soziale Komponente zentral: Der Roboter ist nicht nur ein Transportmittel für Inhalte, sondern ein sichtbares Zeichen dafür, dass der Kontakt zum Klassenzimmer fortbesteht. Damit verschiebt sich die Rolle von Assistenzrobotern von „Unterstützung“ hin zu „Übergangsbrücke“ – vom Rückzug zurück in Gruppenprozesse, Lehr-Lern-Routinen und auch in die Struktur des Tagesplans.
Während Großbritannien stark auf den Schulkontext fokussiert, zeigen Projekte in der Pflege und Betreuung, wie ähnlich gelagerte Prinzipien in andere Lebensbereiche übersetzt werden. In Südkorea startete im August 2026 in Jeonnam ein Projekt, das ein KI-gestütztes Gesundheitssystem aufbauen soll: KI-Hunderoboter werden dabei in 100 isolierten Haushalten eingesetzt. Zu den Funktionen zählen laut Beschreibung unter anderem Gesprächsangebote, Erinnerungen an Medikamente und Mahlzeiten sowie im Notfall die Möglichkeit, eine Verbindung zum Rettungsdienst über die Nummer 119 herzustellen. Zusätzlich können Angehörige offenbar den Status der Senioren über eine App überwachen, während Partnerorganisationen, ein Herstellernetzwerk und lokale Strukturen die Umsetzung tragen.
Im gleichen Umfeld verknüpft sich Robotik auch mit Prävention, etwa bei Demenz: Es werden Programme zur Demenzprävention genannt, darunter ein in Kooperation mit der Seoul National University entwickeltes Quiz-Format mit zwölf Aufgabentypen. Parallel dazu wird in weiteren Projekten in Südkorea ein Dienst („Happy Community AI Care“) für 500 Haushalte in ausgewählten Seouler Bezirken beschrieben. Dabei werden auch Messgrößen adressiert, die über reine Technik hinausgehen: Eine Umfrage unter 709 Nutzern (April bis Juli 2026) soll laut SKT höhere Werte beim Glucksempfinden sowie eine Abnahme von Einsamkeit und Depressionen ergeben haben; für die Betreuung werden zudem 40 Pflegemanager bereitgestellt. Für Entscheider ist das vor allem aus Systemperspektive interessant: Robotik wirkt hier nicht als Ersatz für Pflege, sondern als Ergänzung, die Routinen stabilisiert und Kommunikationskanäle schafft – während Fachkräfte die eigentliche Fallsteuerung übernehmen.
Auch in Europa und den USA wird KI-gestützte Betreuung als Experimentierfeld genutzt, allerdings mit anderen Schwerpunkten. In Frankreich wird im Ehpad de la Septfontoise (Tarn-et-Garonne) „Livana“ seit mehreren Wochen in einer geschützten Einheit getestet, wobei bisher sieben von insgesamt 29 Alzheimer-Patienten das System nutzen. Zudem wird in Frankreich im Broca Living Lab (AP-HP) der Einsatz humanoider und animaloider Roboter wie „Miroki“ und „Paro“ zur Förderung kognitiver Fähigkeiten untersucht. In den USA wiederum wurde ein Unternehmen aus dem Pflegeumfeld im Rahmen der McKnight’s Excellence in Technology Awards 2026 in mehreren Kategorien ausgezeichnet, darunter Sturzprävention, kreativer Einsatz von KI und allgemeine Qualitätsbewertung. Laut Unternehmensangaben erkannte die eingesetzte KI dabei in jedem dritten Pflegeplan einen Bedarf für Anpassungen, was die praktische Relevanz datengestützter Systeme für Pflegestandards unterstreicht.
Die gemeinsame Klammer dieser Beispiele ist weniger „der Roboter“ als die zugrunde liegende Interaktionslogik: Assistenzsysteme sollen den Alltag strukturieren, Risiken früh sichtbar machen und Kommunikationsabbrüche verhindern. Für Bildungseinrichtungen und Pflegeanbieter ergibt sich daraus eine Leitfrage für die nächsten Pilotphasen: Welche Prozesse werden durch Robotik wirklich entlastet, und wo bleibt menschliche Nähe unabdingbar? Sobald sich die Telepräsenz in Schulen bewährt hat, wird das Modell zudem übertragbar – auf weitere Settings mit Teilhabebarrieren. Gleichzeitig zeigt die internationale Breite, dass KI- und Robotikprojekte besonders dann skalieren, wenn sie messbare Verbesserungen anstoßen, etwa bei Rückkehrquoten in den Unterricht oder bei messbaren Effekten auf Einsamkeit und depressive Symptome. Damit steigt auch der Druck auf Infrastruktur und Betrieb: Vernetzung, Wartung, Datenschutzkonzepte und Schul-/Pflegeprozesse müssen so zusammenlaufen, dass Technik im Alltag zuverlässig und verantwortbar funktioniert.
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