BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hebt seine Konjunkturprognose für die kommenden Jahre spürbar an. Für 2026 erwartet das Institut ein Plus von 1,2 Prozent nach zuvor nur 0,5 Prozent. Als Treiber nennt es vor allem unerwartet starke Exporte und einen milderen Energiepreisschock. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel ordnet die Entwicklung als vorsichtig positive Trendwende ein, mahnt aber zugleich vor Risiken und warnt vor eurofeindlichen Plänen.

Die deutsche Konjunktur könnte in den kommenden zwei Jahren eine echte Wende sehen – zumindest nach dem aktuellen Stimmungsbild der Wirtschaftsforschung. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet nach einer starken ersten Jahreshälfte damit, dass die Wirtschaftsleistung 2026 um 1,2 Prozent zulegt. Für 2027 nennt das DIW 1,0 Prozent Wachstum, für 2028 immerhin noch 0,7 Prozent. Damit korrigiert das Institut die Prognose deutlich nach oben: Im Juni hatte es für dieses Jahr lediglich ein Mini-Wachstum von 0,5 Prozent erwartet.
Im Kern stützt sich der Optimismus auf zwei Faktoren, die in den vergangenen Monaten oft nur in Schlagworten auftauchten, jetzt aber zahlen- und begründungsfähig werden. Erstens seien die Exporte unerwartet stark ausgefallen – ein Signal, dass Industrieaufträge und internationale Nachfrage nicht nur temporär „durchhalten“, sondern sich wieder stabilisieren. Zweitens werde der Energiepreisschock wegen des Konflikts im Nahen Osten geringer ausfallen als befürchtet, was besonders energieintensive Branchen entlastet. Das DIW positioniert die Prognose außerdem in einem konkreten Wachstumspfad: Das Bruttoinlandsprodukt ist in den ersten beiden Quartalen zum Vorquartal um 0,4 Prozent beziehungsweise 0,3 Prozent gewachsen, auch im Schlussquartal 2025 gab es bereits einen Zuwachs.
Damit allein ist die Lage jedoch noch nicht „gefestigt“. DIW-Präsident Marcel Fratzscher betont, dass eine mögliche Trendwende in Richtung stärkerer Dynamik zwar vorstellbar sei, die Konjunkturdynamik aber maßgeblich von der öffentlichen Hand getragen werde. Konkret beziffert Fratzscher, dass rund 70 Prozent des Wirtschaftswachstums in diesem Jahr auf öffentlichen Konsum und Investitionen zurückgehen. Dazu zählen laut Darstellung höhere Ausgaben für Gesundheit, Pflege und Rente, ergänzt durch Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung. Genau an dieser Stelle wird die wirtschaftspolitische Übersetzung für Unternehmen interessant: Wenn Impulse überwiegend aus Staatsbudgets kommen, kann das zwar kurzfristig Nachfrage stützen, ersetzt aber für nachhaltige Produktivitätsgewinne nicht zwingend die privaten Investitionen.
Die Bundesbank liefert in diesem Spannungsfeld eine ähnlich differenzierte Einordnung. Auf Basis der ersten beiden Quartale sei Deutschland „auf dem besten Weg“, in diesem Jahr etwa ein Prozent zu erreichen, was deutlich besser sei als die Prognose vom Juni, sagte Bundesbank-Präsident Joachim Nagel in einem Interview. Im Juni hatte die Bundesbank für das laufende Jahr preis- und kalenderbereinigt 0,5 Prozent Plus erwartet. Nagel macht dabei klar: Das Wachstum bleibt zwar niedrig, doch die Richtung stimmt. Aus Sicht der Realwirtschaft wirkt das wie eine Bestätigung, dass die Lage nicht nur „auf dem Papier“ verbessert ist, sondern sich in den Auftragseingängen spiegeln könnte. Auch im verarbeitenden Gewerbe seien die Auftragseingänge zufriedenstellend gewesen – während gleichzeitig das Risiko bleibt, dass die Dynamik nach vorne kippt, wenn Energiepreise erneut anziehen oder die internationalen Rahmenbedingungen weniger stabil werden.
Für den weiteren Verlauf erwartet das DIW im dritten Quartal dagegen nur eine Stagnation. Teure Energiepreise und Niedrigwasser würden laut Institut unter anderem die Chemie- und Metallindustrie belasten. Vor allem die hohen Gaspreise bleiben demnach ein konkretes Winter-Risiko – und damit ein Faktor, der sich in Kostenstrukturen, Margen und damit auch in Investitionsentscheidungen direkt niederschlagen kann. Noch deutlicher wird die Abhängigkeit von außen, wenn Fratzscher die globalen Unsicherheiten hervorhebt: Eine Eskalation im Nahen Osten oder neue Handelskonflikte könnten die Erholung erneut bremsen. Für Entscheider heißt das: Die Prognose verbessert sich zwar, aber sie liefert keine Garantie gegen Volatilität.
Parallel zur Konjunkturdebatte zieht die Diskussion um den politischen Kurs in Deutschland zusätzliche Aufmerksamkeit auf sich. Nagel warnte vor dem Erstarken populistischer Parteien und verwies dabei auf Vorschläge, die den Euro grundsätzlich infrage stellen. Auch Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing ordnet die Problemlösungsversprechen populistischer Akteure skeptisch ein und stellt dem Konzept von Offenheit, Vielfalt und internationaler Zusammenarbeit gegensätzliche Ideen entgegen. Inhaltlich läuft das – unabhängig von der parteipolitischen Debatte – auf einen einfachen betriebswirtschaftlichen Punkt hinaus: Stabilität im Währungs- und Integrationsrahmen wirkt wie ein Planungsanker. Wo dieser Anker wackelt, steigt in der Regel die Unsicherheit über Kosten, Absatzmärkte und Investitionshorizonte. Ohne Wachstum, so die Argumentation aus dem Finanzsektor, würden zudem Verteilungskonflikte härter, staatliche Spielräume enger und das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Demokratie schwächer.
Interessant ist, wie eng Prognosen, Energiepfade und Strukturpolitik hier zusammenlaufen. Das DIW beschreibt eine Erholung, die aktuell stark von öffentlichen Impulsen lebt, während private Investitionen laut Fratzscher noch nicht reichen, um Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit nachhaltig zu stärken. Daraus ergibt sich ein praktischer Blick auf die kommenden Quartale: Unternehmen, die Kapazitäten planen, werden besonders darauf schauen müssen, ob sich die Exportlage und die Energieversorgung stabil halten – und ob die Investitionszyklen im privaten Sektor an Fahrt gewinnen. Die nächste Phase dürfte damit weniger von kurzfristigen Schlagzeilen bestimmt sein als von der Frage, ob aus einer fragilen Erholung eine belastbare Wachstumsbasis wird, die technologischen Fortschritt und Produktivität wirklich beschleunigt.
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