LONDON (IT BOLTWISE) – Forschende untersuchen, ob sich sexuelle Nebenwirkungen unter SSRI-Antidepressiva vor der ersten Einnahme per EEG vorhersagen lassen. Ein bestimmtes Muster bei der Verarbeitung von Geräuschen mit steigender Lautstärke soll besonders gut Orgasmusprobleme prognostizieren. In der Studie lag die Trefferquote für eine belastende orgasmische Dysfunktion bei 87 Prozent. Damit rückt ein potenziell standardisierbarer Screening-Ansatz in den Fokus der klinischen Diskussion.

EEG-Muster sagt SSRI-Sexualnebenwirkungen voraus: 87% bei Orgasmusproblemen
EEG-Muster sagt SSRI-Sexualnebenwirkungen voraus: 87% bei Orgasmusproblemen (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer Depressionen behandelt, stößt häufig auf einen Nebenwirkungsblock, der den Alltag direkt betrifft: sexuelle Funktionsstörungen. Laut Angaben in der Studie erleben zwischen 40 und 60 Prozent der Menschen mit einer Major-Depression im Verlauf sexuelle Beeinträchtigungen; gleichzeitig berichten viele unter medikamentöser Therapie über neue Probleme. Besonders häufig fallen dabei sexuelle Funktionsparameter aus dem Takt, darunter verlangsamtes Erregungsvermögen oder Schwierigkeiten, einen Orgasmus zu erreichen. Vor diesem Hintergrund klingt die neue Arbeit vielversprechend, weil sie nicht erst nach dem Auftreten von Nebenwirkungen reagiert, sondern ein biologisches Signal vor der Verordnung als Risikowert nutzt.

Im Zentrum steht eine Klasse von Antidepressiva, die in der Praxis oft als Standard gilt: die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, kurz SSRI. Der Wirkmechanismus ist gut verstanden: SSRIs erhöhen die Verfügbarkeit von Serotonin als Neurotransmitter. Serotonin kann depressive Symptome lindern, greift jedoch bei vielen Betroffenen zugleich in sexuelle Funktionen ein, weil es entsprechende Signalwege in relevanten Hirnarealen dämpft. Genau diese Serotonin-nahe Logik nutzen die Forschenden als Ausgangspunkt, indem sie nach einem messbaren Korrelat suchen, das schon im Ausgangszustand eine erhöhte Vulnerabilität gegenüber SSRIs erkennen lässt.

Als Marker wählten die Forschenden die loudness dependence of auditory evoked potentials. Praktisch wird das über ein EEG umgesetzt: Probanden sitzen mit Sensoren auf der Kopfhaut, und sie hören Töne in fünf Lautstärke-Stufen von 60 bis 100 Dezibel. Das Team berechnet dabei, wie stark sich die Hirnantwort ändert, sobald die Lautstärke zunimmt. Frühere Forschungsergebnisse interpretiert der Ansatz als inverses Indiz für die Serotonin-Aktivität im zentralen Nervensystem: Eine schwächere Hirnreaktion auf steigende Lautstärke soll auf ein höheres basales Serotonin-Level hindeuten. Die Hypothese lautet entsprechend, dass Menschen mit bereits hoher Serotonin-Aktivität durch SSRIs eher eine Schwelle überschreiten und dann eher orgasmische Funktionsstörungen entwickeln.

Für die Auswertung lagen Daten von 90 nicht vorbehandelten Patientinnen und Patienten mit Major Depression vor, im Alter von 18 bis 57 Jahren, wobei etwa drei Viertel der Gruppe Frauen waren. Vor Therapiebeginn dokumentierten die Forschenden die sexuelle Ausgangsfunktion über klinische Fragebögen und nahmen zusätzlich Blutproben für Testosteronmessungen. Danach starteten 86 Teilnehmende mit Escitalopram, einem gängigen SSRI, für acht Wochen. Wenn sich bis zur vierten Woche entweder die Depression nicht ausreichend bessern ließ oder Nebenwirkungen als nicht tolerierbar eingestuft wurden, erhielten sieben Personen einen Wechsel auf Duloxetin, also einen anderen Wirkmechanismus. Am Ende bewerteten Klinikerinnen und Kliniker die Schwere der medikamentenbedingten sexuellen Nebenwirkungen, und statistische Modelle prüften dann, ob die EEG-Messwerte vor Therapiebeginn die späteren Beschwerden vorhersagen.

Das Ergebnis fällt im Kern klar aus: Es gibt eine robuste Verbindung zwischen Ausgangs-Hirnaktivität und späteren sexuellen Schwierigkeiten. Teilnehmende mit einer schwächeren Hirnantwort beim Anstieg der Geräuschlautstärke vor der Behandlung zeigten im Verlauf deutlich höhere Raten von SSRI-induzierten Problemen, insbesondere bei der orgasmischen Funktionsstörung. Die Studie berichtet, dass dieses spezifische Muster belastende orgasmische Dysfunktion in 87 Prozent der Fälle korrekt vorhersagte. Interessant ist außerdem die Differenzierung innerhalb der Sexualfunktion: Für den Verlust der Libido fanden die Forschenden nur eine schwache, „marginale“ Assoziation, während erectile Dysfunktion bei den männlichen Teilnehmenden nicht mit dem EEG-Marker zusammenhing. Testosteronwerte veränderten die Genauigkeit in den Modellen nicht signifikant; für die Prognose reichte letztlich die Kombination aus dem EEG-Marker, demografischen Basisdaten und der sexuellen Ausgangsfunktion.

Die Autorinnen und Autoren ordnen das plausibel ein, ohne den Mechanismus zu überdehnen: Der Orgasmus hängt in starkem Maße von spezifischen Serotoninrezeptoren und damit von Serotonin-vermittelten Signalwegen ab. Wenn der EEG-Marker genau diese Serotonin-bezogene Neurobiologie abbildet, könnte das erklären, warum er besonders gut für orgasmische Nebenwirkungen funktioniert, aber weniger für breitere Phänomene wie Libido. Gleichwohl bleibt die Aussagekraft durch Studiendesign und Population begrenzt. Die Arbeit ist als Open-Label-Studie angelegt, also ohne Placebogruppe und mit Wissen von Patientinnen und Patienten sowie Behandlern über das eingesetzte Medikament; natürliche Schwankungen der Erkrankung könnten so zumindest teilweise mitwirken. Zudem sind die Teilnehmenden relativ jung (Durchschnitt 27,5 Jahre), was die Übertragbarkeit auf ältere Gruppen erschweren kann. Schließlich führten während des Studiendesigns einige Teilnehmende wegen Verträglichkeit oder Wirksamkeit einen Wechsel durch, sodass das Set an Daten Effekte von zwei Wirkstoffen enthält.

Für die Praxis ist dennoch die Richtung relevant: Wenn ein einfaches EEG-basierbares Screening in standardisierten klinischen Abläufen reproduzierbar bleibt, könnte es künftig die Wahl des Antidepressivums unterstützen – nicht als Ersatz für Verlaufskontrollen, sondern als Risikofilter. Die Studie setzt dafür auf eine direkte Translational-Logik: Wer in Richtung „Orgasmusrisiko“ klassifiziert wird, könnte frühzeitig Alternativen erhalten, etwa Präparate, die andere neurochemische Achsen adressieren. Der nächste Schritt, den das Team selbst nennt, ist die Prüfung des Markers in vielfältigeren Gruppen und unter stärker standardisierten Bedingungen. Verändert sich das Trefferprofil dann über mehrere Kohorten hinweg, könnte aus einem Forschungsbefund eine routinefähige Entscheidungshilfe werden, die Nebenwirkungen nicht nur behandelt, sondern möglichst früh vermeidet. Die Arbeit „Serotonergic activity estimated by EEG loudness-dependent auditory evoked potentials as a predictor of sexual SSRI side effects“ ist über den DOI erreichbar: Journal of Psychiatric Research.


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