MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Fünf führende Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Konjunkturerwartungen für 2026 spürbar angehoben. Für das kommende Jahr wird ein Wachstum von rund 1,2 bis 1,4 Prozent in Aussicht gestellt, wobei das deutsche BIP damit deutlich über der seit 2022 verpassten Ein-Prozent-Marke liegen könnte. Gleichzeitig steigt das Risiko durch Energiepreise, weil die Gasspeicher trotz Erholung nur etwa halb gefüllt sind. Parallel verschärft sich die Debatte um fehlende Reformen, während die Staatsverschuldung laut Prognosen schneller wächst.

Die jahrelange Konjunkturflaute in Deutschland scheint zumindest in Teilen aus dem Tritt zu geraten: Mehrere deutsche Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Erwartungen für 2026 kräftig nach oben korrigiert. Konkret rechnen das Münchner Ifo-Institut sowie das IWH in Halle in diesem Jahr mit 1,4 Prozent Wachstum, das RWI Essen und das Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) sehen 1,3 Prozent vor, und das DIW in Berlin bleibt mit 1,2 Prozent am unteren Rand. Gemeinsam ist den Prognosen, dass sie nicht nur das kräftigste Wachstum seit 2022 bedeuten würden, sondern auch höher ausfallen als der Durchschnitt der Jahre 2000 bis 2020. Dahinter steht die Annahme, dass die deutsche Wirtschaft sich aus der durch die russische Vollinvasion in 2022 ausgelösten Erschütterung langsam stabilisiert und die zuvor durch die Corona-Pandemie gestartete Abwärtsbewegung endgültig ausklingt.
Der Blick über das nächste Jahr hinaus bleibt allerdings ambivalent. Auch für 2027 erwarten die Institute ein spürbar stärkeres Wachstum als bislang vorhergesagt, allerdings mit einer etwas niedrigeren Dynamik als 2026. Historisch betrachtet ist das ein Muster, das in der deutschen Konjunktur nach Schocks häufig zu beobachten ist: Erst stabilisiert sich die Wirtschaft, dann folgt ein Normalisierungsprozess, der aber bei strukturellen Bremsern nicht dauerhaft „durchzieht“. Genau diese Bremser nennt die Quelle ebenfalls, etwa die Frage, ob die Bundesregierung die angekündigten Reformen zur Stärkung des Standorts konsequent umsetzt. Ohne solche politischen Weichenstellungen, so die übergreifende Einschätzung, bleiben die Aussichten bis Ende des Jahrzehnts verhalten.
In der aktuellen Erholungsphase bleibt die Energieversorgung einer der schärfsten Hebel für kurzfristige Ausschläge. Ifo-Chefkonjunkturforscher Timo Wollmershӓuser ordnet das Risiko in den Kontext der Gasspeicher ein: „Das Risiko einer Gasmangellage bei derzeit nur etwa halb gefüllten Gasspeichern nimmt zu“. Daraus leitet sich ab, dass Gas und Strom im kommenden Winter deutlich teurer werden könnten. Wollmershäuser konkretisiert das Timing: „Wir werden vor allem im Januar, denke ich, krӓftige Anhebungen bei Strom- und Gaspreisen sehen.“ Technisch und wirtschaftlich bedeutet das für Unternehmen vor allem eines: höhere Kosten und zugleich mehr Unsicherheit in der Beschaffung, weil Preisrisiken die Planbarkeit von Produktion, Investitionen und Kontrakten im Energiemarkt reduzieren. Diese Form der Volatilität trifft in der Praxis auch die Verbraucher, etwa über den Tankstellenkanal, wo die gestiegenen Energiekosten bereits sichtbar werden.
Während die Energiesituation Risiken liefert, zeigt sich zugleich, dass einzelne Industriegruppen aus dem Umfeld heraus auch profitieren können. Besonders auffällig ist die Chemie- und Pharmaindustrie: Der Branchenverband VCI meldet für das zweite Quartal einen Umsatzanstieg um 7,3 Prozent. Als Treiber nennt der Bericht eine etwas höhere Produktion sowie um 5,7 Prozent gestiegene Preise. Die Ursachen verortet der VCI in kriegsbedingten Lieferkettenproblemen der Konkurrenz aus Asien und dem Nahen Osten, die durch Transporte über die Straße von Hormus stärker belastet seien als europäische Anbieter. Daneben verweist die Quelle auf ein eher kurzfristiges, aber realwirtschaftlich wichtiges Phänomen: Kunden hätten ihre Lager aufgefüllt. Das ist vor allem für die Frage relevant, wie nachhaltig Nachfrageimpulse sind, weil Lageraufbau in der Regel zeitlich begrenzt wirkt und danach in eine Normalisierung übergehen kann.
Ein zweites Bild liefert der Maschinenbau, der für die deutsche Industrie als „Stimmungsbarometer“ gilt. Laut Branchenverband VDMA hat der deutsche Maschinen- und Anlagenbau auch im Juli mehr Aufträge erhalten als im Vorjahr; der preisbereinigte Wert der Order lag 2 Prozent über dem Vorjahresergebnis. Aus dem Ausland kamen dabei 4 Prozent zusätzliche Aufträge, während im Inland 3 Prozent weniger bestellt wurde. Der Verbands-Volkswirt Johannes Gernandt ordnet die Absatzkrise im Heimatmarkt mit klaren Worten ein: „In Deutschland wird unverändert viel zu wenig investiert. Auch deshalb, weil die Bundesregierung die angekündigten Reformen zur Stӓrkung des Standorts Deutschland bislang nicht konsequent umgesetzt hat.“ Für die Branche wertet er den Auslandsimpuls als Signal: Die positive Entwicklung der Auslandsbestellungen sei insgesamt ein „erfreuliches Signal fӓr die Branche“. Aus Unternehmenssicht heißt das: Exportmärkte stützen die Auslastung, während der Binnenmarkt derzeit offenbar nicht dieselbe Investitionsbereitschaft ausstrahlt.
Parallel zu den Konjunktursignalen verschiebt sich aber auch das finanzpolitische Umfeld spürbar, was den „zweiten Blick“ auf die Erholung erzwingt. Die Quelle beschreibt einen raschen Anstieg der Staatsverschuldung: Das gesamtstaatliche Finanzierungsdefizit könnte von drei Prozent des BIP im vergangenen Jahr bis 2028 auf 4,6 Prozent anschwellen. Für die reale Belastung spielt zudem die Zinslast eine zentrale Rolle: Derzeit lägen die jährlichen Zinsausgaben für Kredite bei 50 Milliarden Euro, so Wollmershäuser, und bis zum Ende des Jahrzehnts werde sich das verdoppeln. Er bringt die Dimension auf den Punkt: „Bis zum Ende des Jahrzehnts wird sich das nach unserer Prognose verdoppeln, das heißt auf 100 Milliarden Euro pro Jahr steigen.“ Solche Größenordnungen sind nicht nur Makroökonomie; sie beeinflussen auch den politischen Handlungsspielraum, beispielsweise wenn Budgets zwischen Infrastruktur, sozialem Ausgleich und weiteren Investitionsprogrammen konkurrieren.
Schließlich bleibt die Inflationsfrage ein Dauerfaktor, auch wenn die Wirtschaft wieder schneller laufen kann. Das Kiel Institut erwartet 2026 und 2027 eine Teuerungsrate von jeweils 2,7 Prozent, das Ifo-Institut geht für das kommende Jahr von 3 Prozent aus. Unterm Strich heißt das: Selbst bei einer konjunkturellen Verbesserung könnten Unternehmen weiterhin mit einer hohen Kostenbasis arbeiten, etwa bei Löhnen oder Vorleistungen. In der politischen Debatte wird deshalb immer wieder betont, dass Ausgaben allein keine nachhaltige Standortstärkung erzeugen. RWI-Konjunkturchef Torsten Schmidt bringt das in der zitierten Passage auf den Punkt: „Staatliche Ausgaben allein erzeugen jedoch kein nachhaltiges Wachstum.“ Und Moritz Schularick ergänzt aus dem Kiel Institut heraus, dass die finanzpolitischen Impulse wie ein Infrastruktur-Sondervermögen und Rüstungsausgaben zwar zunächst Auftrieb geben, aber später auslaufen: „Daher sind standortstӓrkende Reformen so wichtig.“ Für viele Firmen wird damit weniger die Frage „Wächst es jetzt?“ entscheidend, sondern „Kann es mit verlässlichen Rahmenbedingungen dauerhaft schneller werden?“
Für die nächsten Quartale ergibt sich daraus eine klare Prioritätensetzung. Unternehmen müssen ihre Investitions- und Personalplanung unter der Gleichzeitigkeit von Energiepreisrisiken, weiterhin erhöhter Inflation und einer höheren Staatszinslast ausrichten. Gleichzeitig zeigen die Daten aus Chemie und Maschinenbau, dass die Auslandsnachfrage bereits spürbar wirkt, was Chancen eröffnet, aber auch den Druck erhöht, Produktions- und Lieferketten robuster zu gestalten. Ob der Aufschwung in eine dauerhafte Verbesserung übergeht, hängt damit eng an den politischen Reformen, die die Quelle explizit als noch nicht konsequent umgesetzt beschreibt – und an der Frage, ob die Energie- und Finanzierungsthemen die konjunkturelle Erholung nicht wieder abwürgen.
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