LONDON (IT BOLTWISE) – Die Europäische Kommission hat ein Vergabeverfahren für bis zu sieben KI-Gigafabriken eröffnet. Das Gesamtvolumen liegt bei mehr als 30 Milliarden Euro, wobei die öffentliche Hand zehn Milliarden Euro beisteuert. Ziel ist es, Europas digitale Unabhängigkeit zu stärken und den Abstand zu den USA und China zu verringern. Die ersten Anlagen sollen ab Mitte 2028 möglich sein, während Bieter bis zum 12. November 2026 Zeit für ihre Anträge haben.

Mit der heute gestarteten Ausschreibung für KI-Gigafabriken setzt die Europäische Kommission ein klares Infrastruktur-Signal: Nicht nur Modelle, sondern vor allem Rechenzentren sollen in Europa neu skaliert werden. Das Vorhaben zielt explizit darauf, Europas digitale Unabhängigkeit gegenüber großen Cloud- und Rechenzentrumsanbietern außerhalb der EU zu stärken und damit den Abstand zu den USA und China bei zentraler KI-Infrastruktur zu reduzieren. Dass die Planung bis zu sieben Standorte umfasst, ist dabei weniger ein Detail am Rand als eine strategische Entscheidung: Die Ware, um die es geht, lässt sich nur in Größenordnungen absichern, die sich sinnvoll über mehrere Regionen verteilen.
Finanziell ist das Projekt als Mischmodell aus öffentlicher und privater Finanzierung angelegt. Das Gesamtvolumen übersteigt erwartungsgemäß 30 Milliarden Euro; davon steuert die öffentliche Hand zehn Milliarden Euro bei, jeweils zur Hälfte aus EU-Töpfen und nationalen Haushalten. Die restlichen 20 Milliarden Euro sollen aus der Privatwirtschaft kommen. Die Kommission unterteilt die Ausschreibung in zwei Kategorien: In der ersten Kategorie sind bis zu vier Projekte vorgesehen, die zunächst 100 Millionen Euro erhalten und in einer zweiten Phase weitere 400 Millionen Euro. Diese Anlagen sollen eine Rechenleistung erreichen, die etwa 75.000 NVIDIA-H100-Chips entspricht. In der zweiten Kategorie sind bis zu drei größere Vorhaben geplant, mit 200 Millionen Euro in Phase eins und 800 Millionen Euro in Phase zwei.
Technisch macht die Ausschreibung damit deutlich, worauf es beim Training und beim Betrieb großer KI-Workloads in der Praxis ankommt: Skalierbare Rechenleistung, aber eben auch Strom. Pro Standort wird ein Gigawatt an Energiekapazität eingeplant – genug, um rechnerisch mehr als 700.000 Haushalte mit Strom zu versorgen. Für Unternehmen bedeutet das: Die Verfügbarkeit von Leistung darf nicht als Randbedingung behandelt werden, sondern wird zum festen Bestandteil der Projektplanung. Gerade bei der Kombination aus hoch verdichteter Hardware, Netzanschlüssen und Kühlkonzepten entscheiden kurze Timings darüber, ob spätere Ausbaustufen tatsächlich eingehalten werden können.
Das Bewerberfeld wirkt entsprechend breit, was auch an der vorgesehenen Größenordnung liegt. Laut Angaben der Kommission haben 76 Konsortien Interesse an 60 möglichen Standorten in 16 Mitgliedstaaten bekundet, zudem seien 18 EU-Länder in die Initiative eingebunden. Deutschland mischt vorne mit: Die Deutsche Telekom, Schwarz Digits, IONOS gemeinsam mit Hochtief sowie Impossible Cloud und Blue Swan zeigen Interesse. Auch die Bundesländer Bayern und Sachsen-Anhalt signalisieren Beteiligung, während weitere starke Bewerber aus Frankreich, Italien, Polen, Spanien und Dänemark genannt werden. Damit wird eine zentrale Unternehmensfrage konkret: Wer nicht nur Systeme beziehen, sondern später auch Betrieb und Integration in die eigene Wertschöpfung übernehmen will, muss frühzeitig an Standort- und Infrastrukturentscheidungen andocken.
Im Kern geht es um digitale Souveränität. Die Kommission verlangt, dass die Standorte innerhalb der EU liegen und unter europäischer Kontrolle bleiben, während die Hardware zwar von großen Herstellern wie AMD, NVIDIA und Qualcomm kommen kann, die Anlagen aber EU-Standards bei Datenschutz, Sicherheit und Ethik erfüllen müssen. Praktisch verschiebt sich damit der Schwerpunkt von der reinen Beschaffung hin zur nachgelagerten Nachweis- und Betriebsfähigkeit: Wer eigene KI-Systeme entwickeln oder nutzen möchte, muss die Kennzeichnungs- und Dokumentationspflichten besser verstehen, insbesondere wenn Systeme im Sinne der EU-KI-Verordnung als Hochrisiko eingestuft werden. Auch wenn die Ausschreibung primär Hardware- und Kapazitätsprojekte finanziert, hängt der spätere Nutzen stark davon ab, wie Betreiber Governance, Datenflüsse und Risikoklassen operationalisieren.
Der Zeitplan setzt weitere Rahmenbedingungen, die Bieter und spätere Betreiber einkalkulieren müssen. Der Start der Ausschreibung soll rund eineinhalb Jahre nach der ersten Ankündigung durch Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Februar 2025 erfolgen; ursprünglich war der Beginn bereits für Ende 2025 vorgesehen, später wurden Termine mehrfach verschoben. Bewerbungen sind bis zum 12. November 2026 möglich, die endgültigen Entscheidungen über Standorte und Vertragsvergaben werden für Anfang 2027 erwartet. Der Bau soll im Frühjahr 2027 beginnen, und die Anlagen müssen dann innerhalb von 18 Monaten nach Vertragsunterzeichnung betriebsbereit sein. Damit rückt Mitte 2028 als realistischer Horizont für den Betrieb der ersten europäischen KI-Gigafabriken in Reichweite.
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