LONDON (IT BOLTWISE) – Das FBI warnt vor Kali365, einem Phishing-as-a-Service (PhaaS), das Microsoft-365- und Entra-Konten über OAuth-Device-Code missbraucht. Angreifer nutzen dabei legitime Authentifizierungsmechanismen, um Session-Token zu erbeuten und Multi-Faktor-Authentifizierung zu umgehen. Dadurch erhalten sie vollständigen Zugriff auf Cloud-Apps – ohne Passwörter stehlen oder MFA-Codes abfangen zu müssen. Für Unternehmen bedeutet das: Strategien gegen Phishing müssen stärker auf Token- und Authentifizierungsfluss-Kontrollen statt nur auf Benutzerpasswörter ausgerichtet werden.

Das FBI hat Kali365 als eine besonders gefährliche „Phishing-as-a-Service“-Plattform eingeordnet, weil sie ein Sicherheitsproblem ausnutzt, das viele Unternehmen zwar technisch verstanden haben, aber im Betrieb oft zu wenig restriktiv absichern: OAuth-Authentifizierung rund um den Device Code. Konkret zielt Kali365 darauf ab, Microsoft-365- und Microsoft-Entra-Identitäten zu kapern, indem Angreifer den OAuth-Device-Authorization-Flow missbrauchen und dabei nicht auf klassische Passwortdiebstähle setzen. Stattdessen werden Session-Tokens so erlangt, dass die Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA) für die Angreifer praktisch „übersprungen“ wird. Das erhöht die Skalierbarkeit der Kampagnen, weil selbst weniger erfahrene Akteure fortgeschrittene Phishing-Funktionen einkaufen können.
Technisch ist der Kernmechanismus entscheidend: Der Device Code (Device Authorization Grant Flow) wurde ursprünglich dafür geschaffen, Authentifizierung auf Geräten mit begrenzter Eingabe zu ermöglichen. Beispiele sind Smart-TVs, Konferenzraum- und Streaming-Systeme, Drucker oder IoT-Komponenten, die keinen komfortablen Browser-Login bieten. Stattdessen startet das Gerät den Authentifizierungsprozess über einen kurzen Code und ein anderes Gerät übernimmt die Eingabe auf dem Microsoft Device Login Portal (etwa unter http://microsoft.com/devicelogin). Kali365 spielt genau hier an: Angreifer initiieren den Prozess selbst, bringen Opfer per Social Engineering dazu, den Code im legitimen Portal einzugeben, und erhalten nach Abschluss inklusive MFA einen OAuth Access Token. Dieser Token ist der Schlüssel für den direkten Zugriff auf Cloud-Ressourcen.
Historisch betrachtet ist Device-Code-Phishing nicht „neu“, gewinnt aber 2026 spürbar an Zugkraft, weil Authentifizierungsflüsse in modernen Identitätsarchitekturen stärker standardisiert sind. Bereits in früheren Wellen nutzten Angreifer OAuth in ähnlicher Logik, etwa indem sie Nutzer zur Interaktion mit legitim aussehenden Berechtigungsseiten verleiteten. Neu ist weniger das Prinzip als die Industrialisierung: Kali365 wird als Plattform betrieben, mit Rollen wie Admins für Produktentwicklung, Resellern zur Verbreitung an weitere Angreifer und Affiliates, die gezielt Phishing-Aktionen durchführen. Branchenexperten berichten zudem, dass Kali365 neben einem klassischen Device-Code-Modus auch einen zweiten Modus („Cookie Link“) anbietet, der als adversary-in-the-middle (AitM) arbeitet und Session-Cookies sowie Tokens über attacker-kontrollierte Infrastruktur nach Login und MFA abgreift.
Im Markt zeigt sich das Muster, das Security-Teams seit Jahren beobachten: Wenn ein praktikabler Einstiegspunkt existiert, wird er schnell als „Commodity“ verkauft. Laut Berichten richten sich entsprechende Kampagnen vor allem gegen Microsoft-365-Umgebungen, wobei Phishing-E-Mails Opfer auf das Device-Code-Portal lenken. Danach verschiebt sich das Risiko in den Posteingang: In betroffenen Fällen legen Angreifer bösartige Inbox-Rules an, um Kommunikation umzulenken oder ihre Spuren zu verwischen. Außerdem werden in manchen Attacken neue Geräte im Tenant registriert, was den Zugriff langfristig verlängert. Als direkter Wettbewerbskontext werden auch PhaaS-Varianten wie EvilTokens und Tycoon2FA genannt, die ebenfalls Device-Code-Mechanismen zur Kompromittierung von Microsoft-365- und Entra-Konten einsetzen.
Auch die Bedrohungslandschaft rund um bekannte Akteure ist damit verbunden: Berichten zufolge zielten Erpressungs- bzw. Cybercrime-Gruppen wie ShinyHunters bereits im Umfeld von Device-Code- und Voice-Phishing auf Entra-Konten. Der strategische Vorteil liegt darin, dass Angreifer nach dem Token-Erhalt nicht mehr „hands-on“ für jede MFA-Herausforderung sein müssen. Sobald der Access Token existiert, verfügen sie über weitreichende Berechtigungen in dem Umfang, in dem das Opfer per Single Sign-On typischerweise ohnehin Zugriff hat – etwa auf Mail, Kalender, Dokumente sowie weitere Cloud-SaaS wie Salesforce. Für Unternehmen bedeutet das, dass der Schaden nicht nur im Konto selbst entsteht, sondern in der gesamten Berechtigungs- und Datenlandschaft, die über die Identity-Schicht verbunden ist.
Arctic Wolf ordnet die Aktivitäten dabei als breiten, weltweit ausgerollten Kampagnenbetrieb ein und beschreibt, dass Kali365 vor allem über standardisierte Phishing-Emails funktioniert, die das Opfer zur unbewussten Autorisierung der Angreifer bringen. Experten betonen insbesondere den Produktivitätsvorteil für Täter: Selbst geringe Qualifikation reicht, weil KI-generierte Lures, automatisierte Kampagnenvorlagen und Tracking-Dashboards integriert sein sollen. Das ist sicherheitstechnisch relevant, weil viele Abwehrmaßnahmen in Organisationen noch immer primär auf „klassisches Phishing“ ausgerichtet sind, also auf Passwort-Felder, reine Credential-Stealing-Sequenzen oder MFA-Code-Abfangversuche. Bei Kali365 verschiebt sich der Schwerpunkt hin zu Authentifizierungs- und Tokenflüssen, die in den Logs zwar sichtbar sein können, aber nicht immer korrekt priorisiert werden.
Als Reaktion empfiehlt das FBI mehrere konkrete Hebel, die sich direkt auf Conditional Access und Token-Transfer-Mechanismen beziehen. Erstens sollten Device-Code-Authentifizierungen nach Möglichkeit eingeschränkt oder vollständig blockiert werden, indem Conditional-Access-Richtlinien den Flow für Nutzer und Geräte mit passender Begründung verhindern. Zweitens gilt es, bestehende Device-Code-Nutzung systematisch zu auditieren, weil Ausnahmen oft „historisch gewachsen“ sind und Sicherheitsrisiken in produktiven Umgebungen verstecken. Drittens wird die Blockierung von Authentication-Transfer-Policies betont, die es erlauben, Authentifizierungs-Sessions zwischen Geräten weiterzureichen. Diese Kontrollen zielen genau auf die Mechanik ab, mit der Täter aus einer legitimen Benutzerinteraktion Zugriff ableiten.
Für die nächsten Monate ist die wichtigste Zukunftsfrage, wie schnell Identity- und Cloud-Security-Teams ihre Detection so umbauen, dass OAuth-basierte Übergaben als eigenständige Angriffsklasse behandelt werden. Dazu gehört, ungewöhnliche Device-Registrierungen, abrupte Scope-/Token-Wechsel und atypische Nutzung des Device Login Portals engmaschig zu überwachen. Zusätzlich sollten Vorfälle nach Richtlinien gemeldet und Beweise gesichert werden, etwa über das Internet Crime Complaint Center (IC3) sowie die Aufbewahrung von Phishing-Mails, verdächtigen Login-Indikationen und nicht autorisierten Device-Registrierungen. In regulatorischer Hinsicht ist das auch im Sinne von Datenschutz- und Meldepflichten relevant, weil kompromittierte Zugriffe regelmäßig personenbezogene Daten in M365-Workspaces betreffen. Langfristig werden PhaaS-Anbieter wie Kali365 ihren Funktionsumfang weiter ausbauen; für Entwickler und SecOps heißt das: Automatisierte Security-Validation darf nicht nur prüfen, ob Angreifer „durchkommen“, sondern ob Cloud-Konfigurationen, Detektionsregeln und Authentifizierungsflüsse Bedrohungen zuverlässig blockieren.
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