LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Auswertung der Relationship Dynamics and Social Life (RDSL)-Studie zeigt einen klaren zeitlichen Zusammenhang zwischen Seitensuche und erhöhtem Risiko für Gewalt durch den intimen Partner. Besonders in Wochen, in denen der Partner eine weitere sexuelle Beziehung hatte, berichteten die jungen Frauen häufiger von Gewalt. Das gilt sowohl bei einer nicht eindeutig geklärten Monogamie (ambiguous-consent non-monogamy) als auch bei tatsächlichem Betrug in einer monogamen Erwartung. Zugleich stieg nach solchen Ereignissen die Wahrscheinlichkeit, dass die Beziehung sich auflöst.

Die Erkenntnis wirkt im ersten Moment wie eine Bestätigung dessen, was viele aus Erfahrung vermuten: Wenn der Partner Grenzen überschreitet, kippt nicht nur das Vertrauen, sondern der ganze Beziehungskontext. In der Studie zur Relationship Dynamics and Social Life (RDSL) zeigt sich dieser Mechanismus jedoch mit einem zeitlichen Muster. Denn die Auswertung verknüpft Berichte zu intimer Partnergewalt mit Phasen, in denen der Partner offenbar einen weiteren Sexualkontakt hatte – und damit gerade jene Wochen, in denen Konflikte besonders eskalationsanfällig sind.
Im Zentrum stehen dabei zwei Formen nicht-einvernehmlicher bzw. nicht eindeutig geklärter Nicht-Monogamie. Bei ambiguous-consent non-monogamy gibt es keine explizite Vereinbarung über Monogamie oder Nicht-Monogamie, zugleich existieren parallele Sexualbeziehungen. Bei non-consensual non-monogamy dagegen findet das Zusammentreffen zusätzlich statt, während die Beziehung nach außen oder im Selbstverständnis als monogam gilt; das entspricht im Alltagsgebrauch dem Betrug. Die Autorinnen Jennifer S. Barber und Yasamin Kusunoki gehen davon aus, dass Gewalt und beide Nicht-Monogamie-Typen häufiger gemeinsam auftreten und die Wahrscheinlichkeit einer anschließenden Trennung erhöhen.
Datengrundlage der Analyse sind wiederholte Erhebungen über mehrere Jahre. Die RDSL-Studie startete mit 1003 jungen Frauen, die zu Beginn 18-19 Jahre alt waren, aus einer vielfältigen County in Michigan. 992 nahmen zunächst an der längsschnittlichen Erhebung teil; über 2,5 Jahre wurden sie bis in den Zeitraum von 20 bis 22,5 Jahren begleitet. Der Kern waren wöchentliche Kurzbefragungen per Online- oder Telefoninterview, die laufende Erfahrungen und Ereignisse in der Beziehung abbilden sollten. Für die finale Stichprobe flossen 895 Frauen ein, unter anderem weil Fälle ausgeschlossen wurden, in denen kein männlicher Partner einbezogen war oder die Beziehung bereits vor Start der Nachbeobachtung endete.
Die Ergebnisse zeigen, wie häufig Beziehungen in dieser Lebensphase tatsächlich wieder beendet werden: Insgesamt endeten 80% der Beziehungen innerhalb der Beobachtungszeit. In 41% kam es zu Kämpfen bzw. Streitigkeiten, allerdings ohne intimen Gewaltausbruch; in 28% wurde intimen Partnergewalt berichtet. Dabei ist die Gesamtquote beachtlich, denn 52% der Teilnehmenden erlebten in irgendeiner Phase intimen Partnergewalt. Für die Nicht-Monogamie melden die Frauen selbst in 5% der Beziehungen Betrug durch den eigenen Partnerzustand, während sie in 7% der Beziehungen entsprechende Handlungen des Partners berichteten; bei nicht eindeutig geklärter Monogamie liegen die Eigenberichte bei 9%, die Berichte über den Partner bei 16%. Auch der zeitliche Kontext ist relevant: Sex fand in 42% der Wochen statt, in denen überhaupt ein Partner vorhanden war; im Durchschnitt hielten die Beziehungen rund 9 Monate, und 85% beinhalteten keine Schwangerschaft bzw. keine Geburt.
Ausschlaggebend ist schließlich der Zusammenhang zwischen den Wochen des Fremdgehens bzw. der nicht eindeutig geklärten Monogamie und der Wahrscheinlichkeit von Gewalt. Die Teilnehmenden berichteten häufiger Gewalt gerade in jenen Wochen, in denen ihr Partner eine weitere sexuelle Beziehung hatte. Dieser Effekt trat sowohl dann auf, wenn das Verhalten unter ambiguous-consent non-monogamy fiel, als auch dann, wenn es als non-consensual non-monogamy zu verstehen war – also wenn der Partner in einer monogam erwarteten Beziehung „cheatete“. Entsprechend war die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Beziehung auflöste, nach beiden Nicht-Monogamie-Typen und zusätzlich nach intimer Partnergewalt erhöht. Die Interpretation stützt sich auf die Expectancy-Violations-Theorie: Menschen bewerten Beziehungen anhand bestimmter Standards; wenn diese Erwartungen gebrochen werden, folgt häufig eine drastische Neubewertung, die schneller in Richtung Trennung führen kann.
Für die Einordnung in die Forschung ist zudem wichtig, dass die Studie nicht alle möglichen Teilfragen gleichermaßen beantwortet. Die Autorinnen sammeln zwar Daten zu nicht-einvernehmlichen bzw. nicht geklärten nicht-monogamen Erfahrungen der Teilnehmenden, berichten aber nicht die direkten Zusammenhänge zwischen dem eigenen nicht-monogamen Verhalten und intimer Partnergewalt. Außerdem bleibt unklar, wie oft die Nicht-Monogamie der Teilnehmerinnen und die ihres Partners zeitlich zugleich auftreten. Ein weiterer methodischer Punkt betrifft die Messung von Gewalt: Die Studie unterscheidet stärker, wie sie Partnergewalt erfasst, als wie sie Gewalt durch die Teilnehmenden selbst erfasst. Gerade diese Asymmetrie macht eine differenziertere Ursachenanalyse erschwert. Die Studie ist publiziert in Journal of Marriage and Family und trägt den Titel „Intimate Partner Violence, Ambiguous and Non-Consensual Non-Monogamy, and Breaking Up During Young Adulthood“.
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