DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Beschäftigten von Galeria erhalten Insolvenzgeld über die Bundesagentur für Arbeit. Die Zahlung soll vorfinanziert werden, damit das Geld schnell ausgezahlt werden kann, während der Geschäftsbetrieb vorerst weiterläuft. Maßgeblich ist dabei, dass für den neuen Rechtsträger ein Insolvenzverfahren beantragt wurde. Offen bleibt vor allem, ob ein neuer Investor gefunden wird und welche Filialen schließen müssen.

Die Nachricht, dass die Galeria-Beschäftigten Insolvenzgeld erhalten, löst unmittelbar einen akuten Engpass: Nach der erneuten Insolvenz war tagelang unklar, ob Löhne und Gehälter überhaupt zeitnah fließen können. Insolvenzgeld ist dafür in Deutschland das zentrale Auffangnetz, weil es Arbeitsentgelte für den Zeitraum vor und im Verlauf eines Insolvenzereignisses absichert. Im konkreten Fall geht es um eine Vorfinanzierung über eine Bank, damit die Bundesagentur für Arbeit den Anspruch schnell und geordnet auszahlen kann. Gleichzeitig schafft das Zeitfenster eine betriebliche Schonfrist: Der Geschäftsbetrieb kann zunächst weiterlaufen, statt bereits kurzfristig vollständig herunterzufahren.
Technisch und rechtlich entscheidet nicht allein „Insolvenz ja oder nein“, sondern welche Verfahren an welchen Stellen genau beantragt wurden. Laut der dargestellten Konstellation ist für Galeria zwar der vierte Insolvenzantrag seit 2020, aber formaljuristisch der erste des neuen Rechtsträgers. Der Geschäftsbetrieb war vor zwei Jahren auf eine neue Gesellschaft übertragen worden, sodass nun die Galeria S.à r.l. & Co. KG ein Insolvenzverfahren beantragt hat – nicht die Galeria Karstadt Kaufhof GmbH, die 2024 insolvent geworden war und sich noch in der Planüberwachung befindet. Genau diese Abgrenzung macht den Weg frei, Insolvenzgeld zu bewilligen: Die Bundesagentur muss den Anspruch feststellen und wird die Vorfinanzierung nach dem beschriebenen Standard typischerweise nur dann genehmigen, wenn ein erheblicher Teil der Arbeitsplätze erhalten bleibt. Dass dieses Ziel erreichbar sein könnte, soll unter anderem über ein Fortführungskonzept oder ernsthafte Kaufinteressenten gestützt werden.
Die Größenordnung zeigt, warum die Entscheidung nicht nur für einzelne Teams, sondern für ganze Quartiere und Lieferketten relevant ist. Galeria beschäftigt nach den jüngsten Angaben 11.250 Menschen, davon rund 1.600 in Lebensmittelabteilungen und in den Restaurants der Warenhäuser. Auch die Tochtergesellschaften des Unternehmens sollen demnach Insolvenzverfahren beantragt haben. Ohne Insolvenzgeld wäre das Risiko laut Experten höher gewesen, dass die Vorfinanzierung und die Liquiditätssteuerung nicht ausreichen, um den laufenden Betrieb übergangsweise zu sichern. Für die Beschäftigten ist zudem entscheidend, wann die letzte Auszahlung erfolgt ist: Das Geld war zuletzt Ende September geflossen, insgesamt zahlt Galeria dem Vernehmen nach monatlich knapp 25 Millionen Euro. Die Finanzierung erfolgt über eine Umlage der Arbeitgeber – ein Mechanismus, der in der Praxis genau für Situationen gedacht ist, in denen ein Unternehmen kurzfristig zahlungsunfähig wird.
Wie schmal der Grat zwischen sozialer Stabilisierung und langfristiger Tragfähigkeit ist, unterstreichen die skeptischen Stimmen aus der Handelssphäre. Handelsexperte Boris Hedde vom IFH Köln bewertet die Bewilligung als gute Nachricht für die Mitarbeitenden, stellt aber zugleich die Frage nach der Zukunftsfähigkeit innerstädtischer Warenhäuser. Im Kern geht es darum, ob wiederholte und kostenintensive Stützungsaktionen tatsächlich eine nachhaltige Therapie darstellen oder eher eine weitere kurzfristige Überbrückung. Jörg Funder von der Hochschule Worms äußert ebenfalls Vorbehalte: Ein zukunftsfähiges Modell brauche neue Lösungen, nicht nur eine schrumpfende Version des bisherigen Geschäfts. Konkret deutet er an, dass besondere Rollen wie eine Nahversorgerfunktion dort wichtiger werden könnten, wo sie mit dem Warenhausprofil tatsächlich vereinbar sind. Damit rückt die Standortfrage stärker in den Mittelpunkt als die Frage, ob Insolvenzgeld das „Heute“ rettet.
Für die nächsten Schritte läuft parallel das gerichtliche Verfahren an. Das Gericht hat ein vorläufiges Insolvenzverfahren angeordnet; der vorläufige Insolvenzverwalter Frank Kebekus prüft nun, ob die Voraussetzungen für die Eröffnung vorliegen und ob die Verfahrenskosten durch das Vermögen der Schuldnerin gedeckt sind. Bis zur gerichtlichen Entscheidung dauert es in der Regel bis zu drei Monate – eine Zeitspanne, in der zugleich operativ und strategisch entschieden werden muss, welche Optionen überhaupt realistisch sind. Offen bleibt, ob und welche Standorte schließen, wobei als entscheidender Faktor gilt, ob Kebekus einen neuen Investor findet. Bereits im Juli hatte Galeria angekündigt, 33 Warenhäuser auf den Prüfstand zu stellen und bei Bedarf zu schließen; die endgültige Entscheidung dazu stand zuletzt noch aus, und mit Blick auf die Situation wurden zudem weitere Schließungen als möglich beschrieben.
Auch für Kundinnen und Kunden ist die Lage praktisch spürbar: Einkaufen ist vorerst möglich, allerdings mit Einschränkungen. Der Betrieb in den 83 Filialen läuft demnach weiter, doch Gutscheine werden derzeit nicht mehr angenommen. Zudem können nicht alle Artikel verkauft werden, obwohl sie sichtbar in den Regalen stehen: Einige Bereiche, etwa bei Bekleidung, sind abgesperrt, und Schilder weisen darauf hin, dass bestimmte Marken vorübergehend nicht zum Verkauf stehen. Hintergrund ist die Zahlungslogik im Kontext der Insolvenz: Die betroffene Ware bleibt zunächst bei den Lieferanten, Galeria soll sie erst nach dem Verkauf bezahlen. Lieferanten versuchen damit zu verhindern, dass ihre Produkte abgesetzt werden, ohne dass sie die entsprechenden Zahlungen erhalten. Damit verschiebt sich der Handel kurzfristig vom „vollständigen Sortiment“ hin zu einem selektiven Weiterbetrieb.
Warum es überhaupt so weit kam, wird in der Chronologie über Liquidität und Verhandlungen greifbar. Schon im Frühjahr sei das Geld knapp geworden; Vermieter klagten über ausbleibende Mietzahlungen. Die Geschäftsführung verwies auf Liquiditätsschwankungen. Erst im Juni erhielt Galeria laut Darstellung eine neue Kreditfinanzierung von bis zu 160 Millionen Euro, bereitgestellt über eine Kreditlinie der US-Investmentgesellschaft Gordon Brothers. Diese Kreditlinie war allerdings an einen Sanierungsplan geknüpft, der weitere Schließungen vorsah – womit sich die wirtschaftliche Spannung zwischen Aufrechterhaltung des Betriebs und den dafür notwendigen Einsparungen frühzeitig verschärfte. Für den weiteren Verlauf dürfte genau diese Frage entscheidend bleiben: Ob eine Neuordnung mit tragfähigem Investoreninteresse gelingt oder ob der notwendige Umbau über mehr Filialen hinaus eskaliert.
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