STUTTGART / LONDON (IT BOLTWISE) – Die IG Metall Baden-Württemberg warnt vor einem Kurs, der Produktivität über mehr Arbeitszeit zum gleichen Lohn erreichen soll. Gewerkschafterin Barbara Resch spricht von einer strukturellen Krise in der Autoindustrie und verweist auf steigende Nervosität besonders im Management. Gleichzeitig fordert sie, die Standortkosten nicht nur zu beklagen, sondern politisch und betrieblich konstruktiv anzugehen. Für die Tarifrunde im Herbst sieht sie die Sozialpartner in der Pflicht, tragfähige Kompromisse zu liefern.

In der Industrie im Südwesten, besonders in der Automobilindustrie, verdichten sich nach Einschätzung der IG Metall Baden-Württemberg die Belastungen. Barbara Resch, Bezirksleiterin der Gewerkschaft, beschreibt die Lage als zunehmend prekär und verortet sie nicht primär in einer kurzfristigen Konjunkturabkühlung. Entscheidend sei vielmehr, dass mehrere Faktoren zugleich zusammenspielten: strukturelle Umbrüche, wie Resch sie skizziert, sowie zusätzliche Verwerfungen aus dem geopolitischen Umfeld. In der Folge verschiebt sich auch die Tonlage in den Betrieben, weil die Unsicherheit nicht mehr nur einzelne Werke oder Abteilungen betrifft, sondern die Perspektive insgesamt.
Ausgelöst wurde die Debatte nach Angaben aus dem Umfeld der Beschäftigten unter anderem durch den verschärften Sparkurs eines großen Stuttgarter Autoproduzenten, der zuvor mit einer „Produktivitätsoffensive für Deutschland“ an die Öffentlichkeit gegangen war. Der Vorstand hatte in einem Schreiben an die Mitarbeitenden in Deutschland angedeutet, für das gleiche Geld mehr Leistung zu erwarten – ein Vorschlag, der in der Praxis als Hebel für Kostensenkung und Produktivitätssteigerung verstanden wurde. In der Folge kam es an mehreren Standorten deutschlandweit zu Protesten der Beschäftigten. Resch ordnet das als mehr als nur eine Reaktion auf Tagespolitik ein: „Es ist kein Land in Sicht“ und auch keine klare Aussicht darauf, dass sich rasch etwas ändert, so die Stoßrichtung ihrer Argumentation.
Technisch und organisatorisch berührt die Diskussion dabei zwei Ebenen, die in der öffentlichen Debatte oft vermischt werden: einerseits die Frage, wie viel Arbeit pro Zeitspanne tatsächlich erbracht werden kann, andererseits, ob diese Steigerung durch bessere Prozesse, Investitionen und digitale Fähigkeiten erreicht wird oder durch reine Mehrarbeitsmodelle. Resch stellt Letzteres ausdrücklich in Frage und widerspricht dem Narrativ, Arbeitnehmer müssten „mal auf etwas verzichten“, damit es anschließend wieder bergauf geht. Ihre Kritik zielt besonders darauf, dass längere Arbeitszeit bei unverändertem Lohnniveau kein strukturelles Problem löst, sondern höchstens kurzfristig Zeit verschafft. Wenn in der Analyse übereinstimmend von Bedarf an Veränderungen gesprochen werde, müssten genau diese Veränderungen auch an den richtigen Stellen ansetzen – etwa dort, wo Wertschöpfung entsteht und wo Produktivität wirklich messbar höher wird.
Für die IG Metall ist zudem klar, dass die Standortkosten real sind und nicht einfach wegdiskutiert werden können. Resch nennt ausdrücklich, dass Energiepreise und Bürokratie die Unternehmen belasten, und sie fordert zugleich, dass daran aus ihrer Sicht noch zu wenig gearbeitet werde. Gleichzeitig macht sie eine zweite Forderung auf: Politik müsse die Rahmenbedingungen verbessern, während Arbeitgeber aufhören sollten, den Standort fortwährend schlechtzureden. Dahinter steht die Überlegung, dass die Balance aus Kostenrealität und Innovationsfähigkeit nicht durch Schlagworte ersetzt werden kann. Am stärksten wird diese Linie in ihrem Themenkatalog, der den Fokus von klassischer Produktionslogik hin zu zukünftigen Produkt- und Softwarefähigkeiten verschiebt: Autonomes Fahren, Software im Auto und weitere Innovationen, die sich lokal entwickeln lassen.
Resch beschreibt außerdem den Druck auf die Gewerkschaft als spürbar wachsend und stellt die Frage nach den „Hebeln“, die jetzt bewegt werden müssten. Ein zentraler Punkt ist dabei die Mitbestimmung, die aus ihrer Perspektive in den vergangenen Jahren in Baden-Württemberg als Erfolgsfaktor galt. In der Vergangenheit habe man auf Augenhöhe gearbeitet, und Mitbestimmung wurde demnach als etwas Positives wahrgenommen. Derzeit drehe sich jedoch etwas bei den Arbeitgebern: Mitbestimmung gerate immer mehr unter Beschuss. Diese Entwicklung bildet den Kontext für die kommende Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie im Herbst, in der Sozialpartner nach Ansicht der Gewerkschafterin zeigen müssten, dass auch in schwierigen Zeiten tragfähige Ergebnisse und Kompromisse möglich sind.
Auch die Zahlen zur Beschäftigungslage liefern die wirtschaftliche Einordnung für die bevorstehende Debatte. Laut Angaben des Arbeitgeberverbands Südwestmetall arbeiteten Ende des vergangenen Jahres noch 938.700 Menschen in den Betrieben der Branche; zugleich seien im vergangenen Jahr 32.450 Arbeitsplätze in der Schlüsselbranche verloren gegangen. Solche Größenordnungen machen verständlich, warum Forderungen nach mehr Arbeit zum gleichen Lohn politisch und gewerkschaftlich auf Widerstand stoßen. Gleichzeitig verweisen sie auf den eigentlichen Kernkonflikt: Wenn Arbeitsplätze sinken, steht die Frage im Raum, ob Produktivitätssteigerung durch kurzfristige Lohn- und Arbeitszeitverschiebungen oder durch Investitionen in neue Fähigkeiten, Standortsicherheit und zukunftsfähige Wertschöpfung gelöst wird.
Für Unternehmen folgt daraus eine doppelte Managementaufgabe. Einerseits müssen sie den ökonomischen Druck adressieren, der etwa aus Energiekosten und administrativen Hürden entsteht; andererseits sollten sie vermeiden, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit nur über Arbeitszeitpolitik zu „optimieren“. Der Hinweis der IG Metall, dass neue chinesische Wettbewerber und Überkapazitäten den Veränderungsdruck verstärken, unterstreicht den Wettbewerbsrahmen, in dem deutsche Standorte Entscheidungen treffen müssen. Wenn die Tarifrunde im Herbst entscheidet, ob sich die Sozialpartner auf der Basis von Kompromissen neu ausrichten können, wird dabei nicht nur über Löhne und Arbeitszeit verhandelt, sondern auch darüber, welche Investitions- und Modernisierungspfade als gemeinsamer Weg akzeptiert werden.
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