LONDON (IT BOLTWISE) – Wenn traditionelle Industriearbeitsplätze wegbrechen und Frauen stärker im Niedriglohn-Servicesektor landen, kippt in manchen Communities die politische Stimmung nach rechts. Eine Analyse auf Basis von Umfragedaten verknüpft geschlechterbezogene Jobverluste mit dem Wahlverhalten in Kongresswahlen. Die Studie sieht dahinter sowohl Statusängste als auch spürbaren materiellen Druck im Haushalt. Entscheidend ist zudem, wie stark das Sicherheitsnetz und die Care-Struktur im jeweiligen Land den Rollenwechsel abfedern.

Der politische Rechtsruck in industriell geprägten Regionen lässt sich nicht allein mit „Wut auf die Wirtschaft“ erklären. Eine jetzt im American Journal of Political Science veröffentlichte Untersuchung stellt einen spezifischen Mechanismus in den Mittelpunkt: In vielen US-Communities verschwanden über Jahrzehnte gut bezahlte, manuell geprägte Jobs, die vor allem Männern ohne Hochschulabschluss offenstanden. Gleichzeitig wuchsen Tätigkeiten im Care-Umfeld und im Dienstleistungsbereich, in denen zunehmend Frauen arbeiten. Dieser gleichzeitige Rollenwechsel verändert nicht nur Einkommen und Zeitbudgets, sondern offenbar auch kulturelle Erwartungen an Geschlechterhierarchien.
Technisch-methodisch setzt die Studie bei einem geschlechtsspezifischen Zuschnitt des Arbeitsmarkts an. Die Forschenden um Richard Clark (University of Notre Dame), Roza Khoban (University of Zurich) und Noah Zucker (Princeton University) kombinieren Umfragedaten von mehr als 250.000 Menschen mit kreisbezogenen Arbeitsmarktdaten auf County-Ebene. Besonders relevant ist dabei, dass sie Fälle betrachten, in denen Entlassungen von Männern ohne College-Ausbildung mit einem gleichzeitigen Anstieg des Anteils arbeitstätiger Frauen ohne College-Ausbildung zusammenfallen. So lässt sich der Effekt einer „doppelten“ Verschiebung – männliche Jobverluste bei gleichzeitigen weiblichen Jobgewinnen – im Wahlverhalten sichtbar machen.
In der ersten Analyse gehen die Autorinnen und Autoren gezielt der Frage nach, wie sich diese Arbeitsmarktkonstellationen mit der Absicht verknüpfen, für republikanische Kandidaten zu stimmen. Die Einordnung in den politischen Kontext ist dabei ausdrücklich: Während des betrachteten Zeitraums hob die Republikanische Partei wiederholt traditionelle Familienwerte hervor und versprach, industrie- und männerdominierte Wirtschaftsbereiche wie Kohle- und Stahlproduktion zu reaktivieren. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass genau diese Kombination aus wirtschaftlichem Verlust und kultureller Deutung – nicht nur allgemeine Rezession – einen messbaren Rechtsruck begünstigt: In betroffenen Communities steigt die Wahrscheinlichkeit, republikanisch zu wählen, und zwar bei Männern unabhängig vom Bildungsniveau.
Die Studie arbeitet zwei Spannungsquellen heraus, die sich gegenseitig verstärken können. Für Männer droht laut der Hypothese ein Statusverlust, weil ihre gesellschaftlich aufgeladene Rolle als Hauptverdiener wegfällt. Für Frauen hingegen entsteht häufig ein zusätzlicher ökonomischer Druck, weil die neuen Jobs im Dienstleistungssektor zwar Erwerbsarbeit ermöglichen, aber im Durchschnitt weniger zahlen. Interessant ist, dass auch Männer mit College-Ausbildung in ihren Wahlabsichten tendenziell nach rechts rutschen, obwohl sie weniger unmittelbar von Jobverlusten betroffen waren. Die Forschenden führen das auf eine wahrgenommene kulturelle Bedrohung zurück: Selbst dort, wo das „materielle“ Risiko begrenzt ist, kann der Verlust männlich dominierter Arbeit als Angriff auf eine vertraute Ordnung gelesen werden.
Um die Wirkung im Alltag zu belegen, nutzt das Team zusätzlich Daten aus einer groß angelegten Längsschnittstudie mit Teilnehmenden, die zwischen 1957 und 1964 geboren wurden. Über mehrere Jahrzehnte beobachteten die Autorinnen und Autoren Haushaltsindikatoren wie Einkommen und den Anteil, den jede Person zum Haushaltseinkommen beisteuert. Parallel wurden Einstellungen zur traditionellen Familienstruktur wiederholt abgefragt, etwa die Zustimmung zu der Aussage, es sei besser, wenn der Mann außerhalb des Hauses arbeitet, während die Frau sich um die Familie kümmert. Besonders deutlich wird der Zusammenhang, wenn Männer als Hauptverdiener an Boden verlieren: Dann steigt die Unterstützung für das männliche Ernährermodell – am stärksten, wenn das Einkommen gegenüber früher stark einbricht.
Bei Frauen zeigt die Studie ein differenziertes Bild. Wer über Jahre hinweg dauerhaft einer Erwerbstätigkeit nachgeht, kann tendenziell progressivere Einstellungen entwickeln – allerdings nur, solange das Gesamthaushaltseinkommen stabil bleibt. Sobald die Gesamtsumme deutlich unter frühere Spitzenwerte fällt, verschwindet dieser progressive „Entlastungseffekt“. Stattdessen nehmen die Belastungen zu: mehr Arbeitsstunden, aber ein geringeres Tempo beim Vermögensaufbau, weil Dienstleistungsjobs weniger Spielraum für Rücklagen lassen. Für Frauen, deren Haushaltseinkommen auf die Hälfte oder weniger des früheren Maximums sinkt, reduziert Arbeit über das Jahr hinweg die Zustimmung zu traditionellen Familienstrukturen nicht mehr; der Zusammenhang dreht sich sogar minimal ins Gegenbild, bleibt statistisch jedoch nicht eindeutig. In jener Welle, in der auch die Parteineigung erfasst wurde, korreliert die Unterstützung für das Ernährermodell deutlich mit einer republikanischen Identifikation.
Der Beitrag endet nicht bei der US-Perspektive, sondern ordnet die Befunde in zwei größere Rahmen ein: Generationseffekte und Sozialstaatsdesign. Kurzfristig sehe man politische Reaktionen auf wirtschaftliche Störungen innerhalb bestimmter Kohorten; langfristig könnte sich durch dauerhafte Veränderungen in Erwerbs- und Haushaltsstrukturen eine Normalisierung neuer Rollen einstellen. Gleichzeitig hängt der politische „Abstand“ zum kulturellen Konflikt offenbar auch davon ab, wie stark unbezahlte Care-Arbeit über öffentliche Leistungen abgefedert wird. In den USA stützt sich die Betreuung stark auf familienbasierte Strukturen – mit entsprechend hoher Last für arbeitende Frauen. In Ländern mit umfassender staatlicher Kinderbetreuung und robusteren sozialen Sicherungssystemen, wie sie etwa in Skandinavien verbreiteter sind, könnte der Rollenwechsel politisch anders ausfallen, weil Zeit- und Gelddruck geringer sind. Die Studie, Breadwinner backlash: The gendered effects of industrial decline, liefert dafür eine empirische Grundlage, ohne daraus automatisch eine „Schicksalsformel“ abzuleiten.
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