LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Angriffswelle im US- und EU-Umfeld nutzt kompromittierte Microsoft-365-Sitzungen, um trotz Multi-Faktor-Authentifizierung in Konten einzudringen. Forschende ordnen das Vorgehen einer Kombination aus Session-Diebstahl, RMM-Installationen und weiterem Credential-Harvesting zu. Dabei kommen Phishing-Varianten zum Einsatz, die sich als Rechnungen, Versanddokumente oder Tax-Hinweise tarnt. Besonders kritisch: Gestohlene Tokens können nach Passwort-Reset weiter gültig bleiben.

Microsoft-365-Session-Hijacking: Phishing, RMM-Missbrauch und Persistenz in Kampagnen
Microsoft-365-Session-Hijacking: Phishing, RMM-Missbrauch und Persistenz in Kampagnen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die aktuelle Kampagnenlage rund um Microsoft 365 zeigt, wie stark Angreifer inzwischen auf den „alltäglichen“ Charakter von Unternehmenssoftware setzen. Laut einer Analyse von ANY.RUN wurden im August in den USA und in mehreren Teilen Europas Angriffe beobachtet, die nicht auf eine einzelne Sicherheitslücke angewiesen sind, sondern das Vertrauen adressieren, das Unternehmen in Logins, Remotemanagement-Tools und Routine-Dokumente investieren. Im Zentrum standen dabei Kontoübernahme, persistenter Fernzugriff und der systematische Diebstahl von Anmeldeinformationen. Entscheidend ist: Die Täter nutzen häufig genau jene Werkzeuge, die im IT-Betrieb als legitime Hilfsmittel gelten, wodurch sich ihr Verhalten im Netzwerk zunächst wie normales Administrationsrauschen anfühlt.

Technisch betrachtet ist Session Hijacking in diesem Kontext weniger ein „Trick“, der sofort auffällt, sondern eine Ausnutzung der Trennung zwischen Authentifizierung am Rand und Autorisierung in der laufenden Sitzung. Bei Mirage2FA handelt es sich laut den Forschenden um ein Phishing-as-a-Service-Setup, das mehr als 4.000 US-Viktimen kompromittierte. Der Kernmechanismus beruht auf Adversary-in-the-Middle-Techniken: Angreifer sollen dabei nicht nur Passwörter, sondern auch MFA-Codes und Session-Cookies abgegriffen haben. Damit können sie aktive Microsoft-365-Sitzungen übernehmen, selbst nachdem Nutzerinnen und Nutzer mehrstufige Authentifizierung erfolgreich abgeschlossen haben. Das verschiebt das Risiko von „Login ist gescheitert“ hin zu „Login war plausibel – und die Sitzung lebt weiter“, wodurch sich viele klassische Alarme zu spät melden.

Für die anfängliche Zielsteuerung kombinierten die Angreifer die technische Umsetzung mit sozialem Engineering, das sich in einem Unternehmensalltag gut tarnt. Die Auswertung beschreibt eine Phishing-Operation über 46 Länder hinweg; nahezu die Hälfte der beobachteten Aktivitäten wurde auf die USA bezogen. Als Köder dienten gefälschte Steuerhinweise, Rechnungen und Versanddokumente, die Empfänger dazu bringen sollten, signierte Remotemanagement-Komponenten zu installieren. Genannt werden dabei typische IT-Support-Werkzeuge wie ScreenConnect, ConnectWise und LogMeIn Rescue. Weil diese Anwendungen in vielen Firmen tatsächlich eingesetzt werden, kann die anschließende Kommunikation zunächst als „bekannte“ Admin-Aktivität erscheinen. Ohne eine Verhaltensanalyse, die Muster wie ungewöhnliche Installationswege oder abweichende Nutzungszeiten erkennt, wird es damit deutlich schwerer, den Missbrauch rechtzeitig von legitimen Wartungsfenstern zu unterscheiden.

Parallel fanden die Forschenden zusätzliche Payloads, die den kompromittierten Zustand in Richtung langfristiger Kontrolle erweitern. So wurde SnakeBiteAgent als.NET-basierter Remote-Access-Trojaner in Business-typischen ZIP-Archiven beschrieben. Solche Archive sind im Phishing-Kontext beliebt, weil sie sich in E-Mail-Anhängen „normal“ lesen lassen und in der Inbox weniger Aufmerksamkeit erzeugen. Laut Analyse soll die Malware Funktionen für Credential Theft, Keylogging und sogar Webcam-Zugriff enthalten haben; außerdem seien stille Installationen von Fernzugriffs-Tools wie AnyDesk möglich gewesen. Ergänzend taucht ein Phishing-Kit namens 3DBlast auf, das Microsoft-365- und Google-Loginseiten nachahmen sollte. Besonders relevant ist hier die Beschreibung browser-in-the-browser-Ansätze, OAuth-Device-Code-Phishing sowie Echtzeit-Session-Relays, die darauf ausgelegt sind, Sitzungsinformationen in Bewegung zu halten und statische Erkennungsmuster zu umgehen, während die Infrastruktur rotiert wird.

Auch das Timing der Kompromittierung spielt in der Risikoabwägung eine große Rolle. Laut den Forschenden können gestohlene Microsoft-365-Sitzungen nach einem Passwort-Reset weiterhin gültig bleiben. Genau das untergräbt die Sicherheitsannahme, die in vielen Organisationen noch immer zum Standard gehört: „Wenn wir das Passwort zurücksetzen, ist die Gefahr weg.“ In der Praxis müssen Unternehmen demnach aktive Tokens entziehen, zusätzlich aktive Sitzungen widerrufen und systematisch nach ungewöhnlichen RMM-Installationen suchen. Dazu passt die Empfehlung, bei Remote-Einstellungen strengere Identitätsprüfungen vorzunehmen, phishing-resistente MFA-Mechanismen zu priorisieren und Behavioral Threat Intelligence einzusetzen, um wechselnde Angreifer- Infrastrukturen frühzeitig zurückzuverfolgen.

Ein weiterer Aspekt der Kampagnenbeschreibung betrifft die Zuordnung zu Akteursstrukturen. Laut einer gemeinsamen Untersuchung mit ANY.RUN wird dabei von mutmaßlichen operativen Bezügen zu Lazarus gesprochen; als „Famous Chollima“ wird ein Akteur in diesem Zusammenhang geführt. Die konkrete Beschreibung lautet, dass gefälschte Identitäten genutzt wurden, um Remote-Hiring-Checks bei einem vermeintlichen DeFi-Startup zu bestehen, um danach legitimen Zugang zu Source Code und internen Systemen zu erlangen. Weil es sich hier um eine Zuordnung im Rahmen laufender Analysen handelt und nicht um einen rechtskräftig festgestellten Sachverhalt, bleibt die Kernaussage vor allem operativ: Social- und Zugangsprozesse sind in solchen Fällen Teil der Angriffsfläche. Für Security-Teams heißt das, dass sie nicht nur Logins, sondern auch onboarding-nahe Aktivitäten, Zugriffsfreigaben und Remote-Setup-Schritte überwachen müssen.

Für die Verteidigung ergeben sich daraus konkrete Prioritäten, die über „ein IOC nach dem anderen“ hinausgehen. Wer Detection-Lücken reduzieren will, setzt laut der Analyse verstärkt auf sandbox-getriebene Threat Intelligence beziehungsweise interaktive Analysefunktionen, um verdächtige Dateien und URLs vor dem Durchreichen in produktive Umgebungen zu bewerten. Ergänzend dürfte ein Fokus auf Token- und Session-Management liegen: Aktivität in Microsoft 365 lässt sich nicht nur am Login-Event festmachen, sondern auch daran, wie lange Sitzungen bestehen bleiben und ob sie mit der erwartbaren Nutzerhistorie korrespondieren. Damit wird die technische Grundlage klar: RMM-Missbrauch bleibt im Hintergrund effektiv, solange Angreifer legitime Administrationswege nachbilden können. Eine robuste Strategie muss daher Verhalten, Identität und Session-Lifecycle gemeinsam betrachten, statt sich auf einzelne Indikatoren zu verlassen.


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