BIELEFELD / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Mittelstand-Digital Zentrum Handwerk hat eine neue Online-Plattform in Betrieb genommen, die KI-Anwendungen gezielt für kleine und mittlere Betriebe aufbereitet. Die Inhalte basieren auf einer Digitalisierungswerkstatt und decken von Vorträgen bis zu konkreten Use Cases den Einstieg in KI im Arbeitsalltag ab. Mehr als 1.000 Handwerksbetriebe sollen so praxisnah nachvollziehen, wie sich Verwaltungs- und Planungsaufgaben effizienter gestalten lassen. Gleichzeitig wird der rechtliche Rahmen mit Blick auf den EU AI Act sowie Offline- und Datenschutzaspekte in den Vordergrund gerückt.

Mittelstands-Digital startet KI-Plattform für Handwerksbetriebe
Mittelstands-Digital startet KI-Plattform für Handwerksbetriebe (Foto: IT BOLTWISE)
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Für Handwerksbetriebe ist der nächste KI-Schritt selten eine Frage des „Ob“, sondern der konkreten Umsetzung. Genau darauf zielt die neue Online-Plattform des Mittelstand-Digital Zentrums Handwerk: Sie bündelt Ergebnisse einer Digitalisierungswerkstatt, die vom April 2025 bis April 2026 gelaufen ist, und stellt die Inhalte speziell für kleine und mittlere Betriebe bereit. Laut Beschreibung richtet sich das Angebot an mehr als 1.000 Betriebe und kombiniert Einordnung mit konkreten Anwendungsszenarien, statt KI als abstraktes Zukunftsthema zu behandeln. Damit verschiebt sich der Fokus vom reinen Technologie-Interesse hin zu der praktischen Frage, wo im Tagesgeschäft Zeit gewonnen werden kann – etwa bei der Erstellung von Dokumenten oder der Verwaltung von Aufträgen.

Die Plattform bettet KI zudem in die Personal- und Ausbildungsdebatte ein, und zwar mit Blick auf das neue Ausbildungsjahr. Handwerkspräsident Jörg Dittrich ordnet den Nutzen dabei klar ein: KI könne vor allem administrative und planerische Tätigkeiten unterstützen, handwerkliche Kernaufgaben wie das Eindecken eines Dachs oder die Installation einer Wärmepumpe jedoch nicht ersetzen. Diese Abgrenzung ist strategisch relevant, weil sie das Berufsbild schützt und zugleich die Attraktivität der Ausbildung erhöht. In den Zahlen, die im Kontext genannt werden, spiegelt sich der Effekt zumindest ansatzweise wider: In Ostbrandenburg melden Kammern bis Ende Juni 2026 insgesamt 454 neue Ausbildungsverhältnisse im Handwerk, das entspricht einem Zuwachs von 25 gegenüber dem Vorjahr. Auch Berlin zeigt eine positive Entwicklung: Carola Zarth, Präsidentin der Handwerkskammer Berlin, verweist für 2025 auf ein Plus von über 500 vergebenen Ausbildungsplätzen gegenüber dem Vorjahr.

Technisch und organisatorisch ist die eigentliche Herausforderung für Betriebe meist die Übersetzung von KI in Workflows, die ohne großen Integrationsaufwand starten. Ein Beispiel dafür kommt aus der Praxis: Das Bielefelder Unternehmen Label Software hat seine Betriebssoftware „Labelwin“ sowie die zugehörige mobile Anwendung um einen KI-Assistenten erweitert, der über Sprache oder Text steuerbar sein soll. Der Assistent übernimmt dabei Verwaltungsaufgaben wie das Anlegen von Kundendienstaufträgen oder das Erfassen von Adressdaten. Der Mehrwert liegt weniger in „intelligenter Sprache“ als in der Reduktion repetitiver Eingaben und der schnelleren Übergabe an nachgelagerte Schritte im Betrieb. Damit wird KI zu einem Bedien- und Automatisierungsbaustein, nicht zu einem zusätzlichen System, das erst erlernt werden muss.

Noch deutlicher wird die Produktivitätsdimension an einem zweiten Use Case: Die Wave Trockensysteme GmbH setzt für ein KI-basiertes Steuerungssystem „Brain“ auf die Technologie von Interkey. Hier sollen Techniker die Anlagen in natürlicher Sprache beschreiben können, statt komplexen Programmiercode verwenden zu müssen. Laut Angaben reduzierte sich dadurch die Entwicklungszeit von 12 Wochen auf 2 Wochen. Solche Effekte sind für die Breite interessant, weil sie ein Kernproblem adressieren: In vielen Betrieben scheitert KI-Integration nicht am Modell selbst, sondern an der Schnittstelle zwischen Fachanwendern, Prozessen und den technischen Parametern, die ursprünglich in eine formale Sprache übersetzt werden müssen. Dass „Brain“ offline arbeiten soll, wird zudem als Vorteil für Datenschutzanforderungen dargestellt, weil weniger Daten extern verarbeitet werden und sich die Implementierung damit leichter in bestehende IT- und Sicherheitskonzepte einfügt.

Während KI-Assistenten in der Anwendung oft erstaunlich konkret wirken, bleibt für Unternehmen die rechtliche Einordnung ein Stolperstein. Die Plattform greift diesen Punkt ausdrücklich auf: Wenn neue KI-Systeme eingeführt werden, stellt sich die Frage, welche Anwendungen als Hochrisiko eingestuft sind und welche Dokumentationspflichten daraus folgen. Dazu verweist die Plattform auf Informationsmaterialien, die fristen- und pflichtenorientiert erklären sollen, wie Betriebe konkret vorgehen können, um „rechtlich auf der sicheren Seite“ zu sein. Der Hinweis auf den EU AI Act ist dabei wichtig, weil er die technische Planung mit Governance verbindet: Datenflüsse, Zweckbestimmung und Risikoabschätzung müssen so gestaltet werden, dass sie später auch dokumentierbar sind. Gerade für Handwerksbetriebe, die häufig schlanke IT-Strukturen haben, kann diese Vorab-Strukturierung entscheiden, ob KI-Projekte in Piloten stecken bleiben oder in den Betrieb übergehen.

Auf der Marktseite zeigt sich gleichzeitig, dass die Adoptionslücke groß bleibt. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft nutzen aktuell 40 % der deutschen Unternehmen KI, das entspricht einem Anstieg von 118 % seit 2024. Bemerkenswert ist dabei, dass kleine Betriebe mit weniger als 50 Mitarbeitern nahe an diesem Wert liegen. Trotzdem verzichten weiterhin 60 % der Unternehmen bislang auf den Einsatz. Als Hauptgründe werden fehlende Relevanz (61 %), mangelnde Kapazitäten (34 %) und Datenschutzbedenken (29 %) genannt. Parallel steigt der Anteil von Stellenanzeigen mit KI-Anforderungen von 10 % in der Periode 2019/22 auf 17 % im Jahr 2025. Das macht deutlich: Selbst wenn KI-Technik verfügbar ist, fehlt häufig das Zusammenspiel aus Zeit, Rollenverständnis und Sicherheitseinschätzung – und genau dort setzt eine Plattform an, die Wissen in konkrete Anwendungen übersetzt.

Auch politisch und branchenweit werden die Weichen neu gestellt, was den organisatorischen Rahmen für die nächsten Schritte beeinflussen dürfte. Am 30.07.2026 starten demnach das Bundesdigitalministerium und der Verband Databund die „Mittelstands-Initiative“, um die Expertise der mittelständischen IT-Branche stärker in die Verwaltungsdigitalisierung einzubinden. Daneben arbeitet die Plattform Industrie 4.0 unter der Leitung von Siemens und TRUMPF nach eigenen Angaben Anfang Juli daran, den Fokus stärker auf industrielle KI sowie den Aufbau eines entsprechenden Ökosystems für den Mittelstand zu legen; bis September 2026 soll ein erster Arbeitsplan vorliegen. Für Handwerksbetriebe ist das vor allem dann relevant, wenn dadurch praxistaugliche Standards, Referenzarchitekturen und Integrationsmuster entstehen, die Pilotprojekte beschleunigen. In Summe deutet die Kombination aus Plattformstart, Ausbildungsimpulsen, messbaren Implementierungsgewinnen und rechtlicher Orientierung darauf hin, dass KI künftig weniger als „Zusatztool“ wahrgenommen wird, sondern als Bestandteil der Prozesskette – vom Auftrag bis zur Ausführung.


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