LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie verbindet negative religiöse Bewältigung mit stärker empfundenem Stress während einer akuten Prüfungssituation. Gleichzeitig zeigt sich beim Blutdruck eine weniger ausgeprägte Reaktion als erwartet. Damit passt das klassische Bild der Stressreaktivität von Kopf und Körper nicht immer zusammen. Besonders auffällig ist der Effekt beim diastolischen Blutdruck, obwohl die Herzfrequenz und der systolische Blutdruck keinen klaren Zusammenhang zeigen.

Wenn Menschen unter Druck geraten, erwartet man meist eine klare Kopplung: psychische Anspannung geht mit einer messbaren Aktivierung des Herz-Kreislauf-Systems einher. Genau diese Kopplung wird in einer aktuellen Untersuchung jedoch teilweise durchbrochen. Teilnehmende, die bei schwierigen Situationen stärker zu „negativem religiösem Coping“ neigen, berichten während eines standardisierten Stresstests zwar von mehr Belastung. Ihre körperlichen Werte zeigen aber keine durchgehend „passende“ Gegenreaktion, insbesondere nicht in der Stärke des Blutdruckanstiegs. Die Studie wurde in Psychology of Religion and Spirituality veröffentlicht.
„Religiöse Bewältigung“ beschreibt dabei, wie Menschen ihren Glauben nutzen, um mit belastenden Lebensereignissen umzugehen. Während manche eher unterstützende Strategien wählen, etwa Trost über eine höhere Instanz suchen, umfasst negatives religiöses Coping „spirituelle Kämpfe“: etwa das Gefühl, von Gott verlassen zu sein, das Infrage-stellen göttlicher Absichten oder die Deutung von Leid als spirituelle Strafe. In der Alltagsperspektive wird dieser Stil häufig mit schlechterer psychischer Gesundheit und Schwierigkeiten in der Emotionsregulation in Verbindung gebracht. Die neue Arbeit verschiebt den Fokus jedoch gezielt auf die Frage, wie sich dieser psychologische Stil während akuter Stressereignisse in messbaren kardiovaskulären Antworten niederschlägt.
Die Studienautorin Ailbhe Dempsey, die am „Study of Anxiety, Stress and Health Laboratory“ in der Psychologieabteilung an der University of Limerick forscht, ordnet den Ansatz entsprechend ein: „Religion is often viewed as a source of comfort and support during stressful times, but not all forms of religious coping are beneficial, “
sagt Dempsey. „Negative religious coping, such as feeling punished or abandoned by God or questioning one’s faith, is consistently associated with poorer psychological well-being, yet we know relatively little about how it relates to the body’s response to acute stress.“
Technisch betrachtet geht es damit nicht um „Stress im Allgemeinen“, sondern um Stressreaktivität unter kontrollierten Bedingungen: Herzfrequenz und Blutdruck steigen normalerweise an, wenn das vegetative Nervensystem die Situation als Herausforderung bewertet. Dieses Muster kann durch chronische Belastung, aber auch durch besondere psychologische Bewältigungspfade verändert werden.
Um den Zusammenhang experimentell zu testen, wurden 81 gesunde junge Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von 19 Jahren an einer christlichen Universität im Süden der USA rekrutiert. Die Teilnehmenden beantworteten Fragebögen zu ihrer typischen Nutzung negativer religiöser Bewältigung, darunter wie häufig sie sich von Gott verlassen fühlen oder ihren Glauben in harten Zeiten anzweifeln. Außerdem wurden allgemeine Religiosität, depressive Symptome und Persönlichkeitsmerkmale erhoben. Im Labor saßen sie zunächst 10 Minuten in Ruhe, um als Basiswerte für Herzfrequenz und Blutdruck zu dienen. Danach folgten sie einer stressauslösenden Aufgabe: dem Paced Auditory Serial Addition Task. In schneller Abfolge mussten sie Zahlenfolgen aus dem Gehör addieren, Antworten laut geben und wurden zusätzlich durch soziale Bewertung unter Druck gesetzt. Die Forschenden zeichneten sie währenddessen auf Video auf, ließen sie in einen Spiegel schauen und warnten bei Fehlern vor Punktabzügen.
Die Stressaufgabe funktionierte: Insgesamt stiegen Herzfrequenz und Blutdruck. Entscheidend war jedoch die Divergenz zwischen psychischem Erleben und körperlicher Reaktion. Personen mit höheren Werten in negativem religiösem Coping fühlten sich während der mentalen Rechenaufgabe stärker gestresst. Gleichzeitig zeigten sie eine blutdruckbezogen „abgeschwächte“ Reaktivität: Ihr diastolischer Blutdruck – also der Druck in den Arterien, wenn das Herz zwischen den Schlägen ruht – stieg weniger stark an. Negatives religiöses Coping erklärte dabei zusätzliche 8 % der Varianz in der gedämpften diastolischen Blutdruckreaktion. Für die selbst berichteten Stresswerte waren es 6 % zusätzliche Erklärungskraft. Diese Beziehungen blieben auch bestehen, nachdem andere potenzielle Einflussgrößen kontrolliert wurden, darunter Ausgangsblutdruck, biologisches Geschlecht, allgemeine Religiosität, Neurotizismus sowie depressive Symptome.
Gleichzeitig fiel die körperliche Messung nicht durchgehend einheitlich aus. Für Herzfrequenz und systolischen Blutdruck, also den Druck während der Herzkontraktion, fanden die Forschenden keinen statistisch signifikanten Zusammenhang. Damit knüpft die Studie an eine grundsätzliche Linie der Stressforschung an: Nicht jede „weniger stark“ gemessene Reaktivität ist automatisch gesund, denn zu niedrige oder gedämpfte Antworten können auch Folgen chronischer Belastung oder Anpassungsprozesse sein. Eine ältere Untersuchung etwa zeigte, dass Menschen mit hohem Alltagsstress eher blutdruck- oder herzfrequenzbezogen geringere Reaktionen auf neue Stressoren zeigen (2011-Studie), während eine weitere Arbeit (2020) gedämpfte physische Stressantworten mit höherer Verhaltens-Disengagement verknüpfte (2020-Studie). In der neuen Untersuchung passt die Kombination aus „mehr subjektiver Stress“ und „weniger diastolische Reaktivität“ besonders gut zu der Hypothese, dass langandauernde emotionale Kämpfe Stresssysteme erschöpfen oder herunterregulieren können.
Für die Interpretation bleibt aber entscheidend: Das Design ist beobachtend und querschnittlich, es kann also nur Zusammenhänge zu einem Zeitpunkt zeigen. Dempsey gibt deshalb eine klare Grenze: „Es ist wichtig, diese Ergebnisse nicht so zu deuten, dass negatives religiöses Coping die gedämpften kardiovaskulären Reaktionen oder den höheren Stress verursacht, da die Studie beobachtend war und keine Kausalität belegen kann.“ Denkbar sei auch, dass Menschen, die ohnehin zu starkem Stress und Schwierigkeiten in der Emotionsregulation neigen, zugleich eher einen zynischeren Blick auf den Glauben entwickeln und eine „erschöpfte“ kardiovaskuläre Reaktionsfähigkeit aufbauen. Dazu kommt die Stichprobe: Vor allem weibliche Studierende an einer privaten christlichen Universität in den USA, was die Übertragbarkeit auf andere Altersgruppen oder religiös stärker divergierende Kontexte begrenzen kann. Außerdem wurde der Blutdruck semi-automatisch gemessen, wodurch trotz Stoppuhr und standardisierter Abläufe theoretisch ein gewisser Messfehler möglich bleibt; vollautomatische Systeme könnten das in Folgestudien präzisieren.
Die Autoren fordern deshalb größere und vielfältigere Studien, um den Zusammenhang zwischen negativem religiösem Coping, akuter Stressreaktivität und langfristiger Gesundheit besser zu verstehen. Praktisch heißt das: Wer im klinischen oder coachenden Umfeld mit spirituellen Konflikten arbeitet, sollte psychisches Stresserleben nicht automatisch als „Spiegel“ der physiologischen Aktivierung lesen. Genau diese Lücke zeigt die Arbeit besonders deutlich: **Kopf und Körper laufen nicht immer synchron**. Zusätzlich wäre es laut Dempsey hilfreich, messbar zu machen, wie gut Menschen ihre Emotionen regulieren, denn nur so lässt sich erklären, warum spirituelle Belastung die subjektive Stresswahrnehmung verstärkt, während der diastolische Blutdruckanstieg im Labor gedämpft bleibt.
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