LONDON (IT BOLTWISE) – Die Bio-Nachfrage in Deutschland bleibt 2026 auf Wachstumskurs, wie Zahlen der Ökologie-Lebensmittelwirtschaft zeigen. Laut BÖLW und dpa stieg der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln im zweiten Quartal 2026 auf 4,75 Milliarden Euro. Mit einer neuen Kooperation startet Netto ab August 2026 in 260 Berliner Filialen mit rund 80 Alnatura-Produkten ins Trockensortiment. Damit rückt Bio deutlich näher an den Discount-Kernbereich – und verändert die Wettbewerbssituation in Drogerien und Vollsortiment.

Die Bio-Welt bekommt im Alltag mehr Sichtbarkeit: Während viele Verbraucher Bio bisher vor allem im Vollsortiment oder in spezialisierten Regalen suchten, rückt der Discount jetzt spürbar näher an etablierte Bio-Marken heran. Wie aus Daten der Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) und einer Meldung unter Verweis auf dpa hervorgeht, erreichte der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln im zweiten Quartal 2026 ein Volumen von 4,75 Milliarden Euro. Das entspricht einem Plus von 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Für das erste Halbjahr 2026 summierten sich die Erlöse in diesem Segment damit auf insgesamt 9,6 Milliarden Euro.
Interessant ist dabei weniger nur das Gesamtwachstum, sondern die Verschiebung der Vertriebswege. Besonders dynamisch entwickelte sich der Bio-Umsatz in Drogeriemärkten: dm und Rossmann steigerten ihren Umsatz im Bio-Bereich um 20 Prozent und kommen laut den genannten Daten auf einen Bio-Anteil von 12,5 Prozent am Gesamtsortiment. Auch die Vollsortimenter Rewe und Edeka erhöhten ihre Bio-Umsätze um 5 Prozent. Weniger Rückenwind sieht hingegen der spezialisierte Bio-Fachhandel: Dort stagnierte der Umsatz zuletzt bei 0,82 Milliarden Euro – ein Muster, das den Trend stützt, dass Bio-Produkte zunehmend im konventionellen Handel und in Drogerien einkaufen werden.
Vor diesem Hintergrund wirkt die kommende Zusammenarbeit zwischen Netto Marken-Discount und Alnatura wie ein strategisches Signal an den gesamten Markt. Laut den Angaben soll die Kooperation im August 2026 in 260 Berliner Filialen starten, in denen rund 80 Produkte des Bio-Pioniers aufgenommen werden. Es ist dabei ausdrücklich der erste Fall, in dem ein Discounter Alnatura-Produkte führt. Inhaltlich konzentriert sich das Angebot vorerst auf das Trockensortiment; Frischeprodukte gehören demnach nicht zur Auswahl. Genau diese Eingrenzung ist operativ wichtig: Trockensortimente lassen sich typischerweise leichter über standardisierte Distributions- und Lagerprozesse steuern als temperatur- und lieferkettenabhängige Frischartikel.
Die Preispolitik begleitet die Markteinführung und schafft damit eine Brücke in Richtung Discount-Logik. Alnatura erklärt, es handle sich um einen zeitlich begrenzten Test, während Netto die Einführung als Auftakt einer möglichen Zusammenarbeit beschreibt. Flankierend dazu senkte Alnatura die Preise seiner Eigenmarke „Prima! Alnatura“ auf das Niveau von Drogeriemärkten, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Für den Markt bedeutet das: Wenn Bio-Marken und Bio-Eigenmarken im Preisband näher an den klassischen Discount rücken, dann sinkt der „Preisabstand als Barriere“ – und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Konsumenten Bio beim ohnehin wöchentlichen Einkauf mitnehmen.
Während sich der Handel also neu positioniert, bleibt die Umsetzung ökologischer Standards politisch und regulatorisch eine Daueraufgabe. Die Bundesregierung verfolgt demnach das Ziel, einen Bio-Anteil von 30 Prozent in den Kantinen der Ministerien zu erreichen. Gleichzeitig zeigen die genannten Zahlen erhebliche Abweichungen: Das Innenministerium erreicht 14,2 Prozent, das Verteidigungsministerium liegt bei 3,67 Prozent bei Gesamtausgaben für Lebensmittel von 24,8 Millionen Euro. Kritiker sehen hier vor allem Kontroll- und Umsetzungsdefizite, da mehr als die Hälfte der Ressorts für 2025 keine konkreten Bio-Anteile oder Tierwohl-Quoten beziffert habe. Zusätzlich nennt der Text 66 Millionen Euro jährlich, die der Bund für Lebensmittel ausgibt.
Auch in der Landwirtschaft erzeugen EU-Vorgaben zusätzlichen Handlungsdruck. So schreibt die EU-Öko-Verordnung Weidegang für alle Tiere in Bio-Betrieben vor. Ein vom EU-Parlament angenommener Änderungsantrag zur Weidepflicht betrifft hunderte Betriebe, die die Anforderungen aufgrund lokaler Gegebenheiten nur schwer erfüllen können. Exemplarisch wird ein bayerischer Betrieb genannt, dem bei Nichterfüllung der Weidepflicht der Entzug der Bio-Zertifizierung drohen könnte. Für Unternehmen und Lieferketten heißt das: Bio-Strategien hängen nicht nur an Sortiment und Marketing, sondern auch an betrieblichen Erfüllungsbedingungen, die sich je nach Region unterschiedlich auswirken und in der Praxis oft mehr Planungssicherheit benötigen als ein kurzfristiger Rollout im Handel.
Abseits der landwirtschaftlichen Erzeugnisse bleibt zudem die Nachhaltigkeit bei Fischprodukten ein neuralgischer Punkt, weil hier Bewertungsmaßstäbe und Siegel allein keine einheitliche Erwartungslinie liefern. Laut einem Marktcheck eines Naturschutzverbandes wurden 1519 Produkte untersucht: Nur 27 Prozent wurden als empfehlenswert eingestuft, 22 Prozent landeten auf der „roten Liste“ und 51 Prozent gelten als zweite Wahl. Besonders kritisch wird dabei Makrele (92 Prozent) und Kabeljau (75 Prozent) bewertet, während Alaska-Seelachs meist als unbedenklich eingestuft wird. Der Text verweist darauf, auf Siegel wie ASC oder MSC zu achten und Produkte aus Grundschleppnetz-Fischerei zu meiden. In der Summe zeigt das: Die Ausweitung von Bio im Handel ist zwar ein starkes Konsumtrend-Signal, die Qualitäts- und Nachhaltigkeitsdebatte bleibt aber ein vielschichtiges Aufgabenfeld über mehrere Produktlinien hinweg.
Für die nächsten Monate lassen sich aus der beschriebenen Dynamik vor allem zwei praktische Schlüsse ziehen. Erstens wird Bio im breiten Vertrieb zunehmend über Sortimentslogik und Prozessfähigkeit entschieden: Wer Trockensortimente zuerst in den Discount bringt, reduziert Komplexität und testet Skalierbarkeit. Zweitens entscheidet Preissetzung über Reichweite: Wenn Bio-Marken preislich anschlussfähig werden, profitieren nicht nur Drogerien, sondern auch Vollsortimenter, weil Konsumenten das Thema häufiger in den Alltag integrieren. Wie schnell der Test in Berlin in andere Regionen und in weitere Produktkategorien übergeht, hängt dabei nicht zuletzt von stabilen Lieferketten und der Fähigkeit ab, Bio-Standards entlang der Wertschöpfung wirklich durchzuziehen – nicht nur im Regal, sondern bis in die Produktionsbedingungen.
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