LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue wissenschaftliche Studie stellt die populäre Theorie in Frage, dass Trauma im Körper gespeichert wird. Stattdessen wird vorgeschlagen, dass Trauma die Vorhersagefähigkeit des Gehirns beeinflusst und zu starren Bedrohungsmustern führt. Diese Erkenntnisse könnten die Therapieansätze revolutionieren und den Fokus auf die kognitive Flexibilität und Flow-Zustände lenken.

Die Vorstellung, dass Trauma im Körper gespeichert wird, hat in den letzten Jahren an Popularität gewonnen, insbesondere durch das Buch ‘The Body Keeps the Score’ von Bessel van der Kolk. Doch eine neue theoretische Arbeit, veröffentlicht in Frontiers in Systems Neuroscience, stellt diese Annahme in Frage. Die Autoren argumentieren, dass Trauma nicht in den Geweben des Körpers gespeichert wird, sondern vielmehr die Vorhersagefähigkeit des Gehirns beeinflusst und zu starren Bedrohungsmustern führt.
Die Wissenschaftler Steven Kotler, Michael Mannino, Glenn Fox und Karl Friston schlagen ein alternatives Modell vor, das auf der Theorie des prädiktiven Codings basiert. Diese Theorie besagt, dass das Gehirn ständig Vorhersagen über zukünftige Ereignisse trifft, basierend auf vergangenen Erfahrungen. Nach einem traumatischen Ereignis neigt das Gehirn dazu, Anzeichen von Gefahr überzubewerten, was zu einem starren System führt, in dem überall Bedrohungen erwartet werden.
Michael Mannino, Chief Science Officer der Flow Research Collective, erklärt, dass die populäre Metapher der somatischen Speicherung biologisch ungenau sei. Stattdessen könnte die Therapie von Trauma durch die Förderung von Flow-Zuständen und kognitiver Flexibilität unterstützt werden. Flow-Zustände, bei denen eine Person vollständig in eine herausfordernde Aktivität vertieft ist, könnten helfen, die starren Bedrohungsmuster im Gehirn zu durchbrechen.
Die Autoren betonen, dass die kulturelle Wahrnehmung von Trauma sich verändert hat und dass das Verständnis von Trauma als Vorhersagestörung anstelle einer Speicherstörung den Betroffenen mehr Handlungsmöglichkeiten bietet. Diese Perspektive könnte auch dazu beitragen, das Gefühl der Opferrolle zu überwinden und die Selbstwirksamkeit zu stärken.
Obwohl die Autoren die Idee der somatischen Speicherung in Frage stellen, erkennen sie an, dass körperbasierte Therapien wie Massage und Atemübungen dennoch wirksam sein können. Sie schlagen vor, dass diese Therapien möglicherweise durch die Veränderung der Vorhersagemuster im Gehirn wirken, anstatt durch die Freisetzung von im Körper gespeicherten Traumata.
Die Forscher hoffen, ihre Hypothesen durch weitere Studien zu testen, insbesondere durch die Untersuchung der Gehirndynamik bei Menschen mit Traumaerfahrungen. Ziel ist es, ein leistungsbasiertes Modell der Neurowissenschaften zu entwickeln, das nicht nur Symptome reduziert, sondern auch die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit des Gehirns fördert.
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