SCHLESWIG-HOLSTEIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Landeskriminalamt Schleswig-Holstein und der Weiße Ring warnen vor einer neuen Welle von Identitätsdiebstahl über Phishing und gefälschte Webseiten. Innerhalb von vier Wochen wurden laut Sicherheitsauswertung rund sieben Millionen Device-Code-Phishing-Angriffe registriert, davon 99 Prozent gegen Microsoft-Infrastrukturen. Zusätzlich steigen Trojaner-Angriffe im zweiten Quartal 2026 deutlich an, darunter auch Dropper. Kritisch wird es bei gezielten Ausnutzungen von Outlook Web Access und weiteren Schwachstellen in verbreiteter Software.

Die aktuelle Bedrohungslage im Bereich Identitätsdiebstahl wirkt nicht nur schneller, sondern auch zielgerichteter. Laut Warnungen des Landeskriminalamts Schleswig-Holstein und des Weißen Rings setzen Kriminelle zunehmend auf Kombinationen aus Phishing, Datenlecks und gefälschten Webseiten, um Nutzer dazu zu bringen, sensible Anmeldedaten preiszugeben. Besonders auffällig ist dabei, dass Schadsoftware häufig als scheinbar nützliche Anwendung tarniert wird – also nicht als „klassischer“ Download eines Trojaners, sondern als vermeintliches Sicherheits- oder Produktivtool.
In den Zahlen verdichtet sich dieser Trend innerhalb weniger Wochen. Innerhalb von vier Wochen wurden rund sieben Millionen Device-Code-Phishing-Angriffe erfasst; laut den vorliegenden Auswertungen zielten 99 Prozent davon auf Nutzer von Microsoft-Infrastrukturen. Parallel dazu ordnen Sicherheitsanalysten die Entwicklung in das zweite Quartal 2026 ein: Dort stieg die Zahl der Trojaner um 145 Prozent, bei sogenannten Droppern sogar um 160 Prozent. Dropper sind in diesem Kontext deshalb besonders relevant, weil sie weitere Schadprogramme unbemerkt auf Endgeräten installieren – die eigentliche „Schadensauswirkung“ kommt dann oft erst später, wenn die Basis bereits gelegt ist.
Der Angriffsweg bleibt dabei nicht auf Tarn-Apps beschränkt. Neben gefälschten Apps und Phishing-Kampagnen spielen Sicherheitslücken in etablierter Software eine zentrale Rolle. Besonders kritisch nennen die Warnungen die Schwachstelle CVE-2026-42897 in Outlook Web Access, die seit Ende Juli für den Diebstahl von Anmeldedaten und OAuth-Tokens aktiv ausgenutzt wird. Betroffen seien verschiedene Versionen des Exchange Servers. Damit verschiebt sich der Fokus für Unternehmen weg von „nur“ Benutzeraufklärung hin zu einer harten technischen Abwehr: Patch-Management, Monitoring und die konsequente Absicherung von Webzugängen für Identitäts- und Authentifizierungsflüsse.
Auch außerhalb des Microsoft-Umfelds taucht das Muster „klassische Plattform trifft automatisierte Ausnutzung“ auf. Gemeldet wird zudem eine Schwachstelle in Ruby on Rails (CVE-2026-66066) mit einem Schweregrad von 9,5. Solche Werte sind weniger als „Alarmismus“ zu verstehen, sondern als Hinweis darauf, dass bereits kleine Abweichungen in der Konfiguration oder verzögerte Updates Angriffsflächen öffnen können. In der Praxis bedeutet das: Sicherheitsverantwortliche müssen nicht nur einzelne Produkte im Blick haben, sondern die gesamte Kette aus Webanwendung, Abhängigkeiten und Deployment-Prozessen. Genau hier entstehen häufig Zeitfenster, in denen Kriminelle mit Skripten und automatisierten Kampagnen besonders effizient arbeiten können.
Für die Auswirkungen auf Betroffene sind die Beispiele aus der Warnlage ernüchternd konkret. Aus den Niederlanden wird von einem Verlust in Höhe von 174.000 Euro berichtet – ausgelöst durch Phishing-Nachrichten und einen Anruf eines falschen Bankmitarbeiters, wobei Beträge in Kryptowährungen umgewandelt wurden. In Rostock führte eine WhatsApp-Kontoübernahme zu einem Schaden von rund 3.000 Euro. Solche Fälle zeigen, dass es selten bei „Datenabgriff“ bleibt: Sobald Angreifer Zugang zu Konten oder Kommunikationskanälen erhalten, lässt sich der Schaden über mehrere Schritte verstärken, etwa durch Überweisungsfreigaben, Inkassofolgen oder die schnelle Umwandlung in transferfähige Assets.
Besonders deutlich wird zudem eine soziale Dimension, die sich in der Technikprüfung nur schwer „wegoptimieren“ lässt. Die Warnungen stellen heraus, dass Senioren drei- bis fünffach häufiger Opfer solcher Betrugsmaschen werden als jüngere Nutzer. Gleichzeitig steigen die Summen: Bei Betrugsfällen über 100.000 US-Dollar hätten sich die Schadenssummen in den vergangenen Jahren mehr als versiebenfacht. Für Unternehmen und Behörden folgt daraus eine doppelte Logik: Technische Schutzmaßnahmen müssen die Angriffskette verkürzen, während organisatorische Maßnahmen – etwa definierte Freigabeprozesse und Schulungen – verhindern sollen, dass Menschen in Echtzeit unter Druck Entscheidungen treffen, die Angreifern die nächste Aktion erlauben.
Als wirksame Schutzbausteine nennen Sicherheitsbehörden und Verbraucherschutz mehrere Ebenen. Dazu gehören eine Zwei-Faktor-Authentisierung (2FA) als zweiter Faktor gegen unbefugte Zugriffe, der Einsatz von Passwort-Managern für starke, individuelle Passwörter, sowie die konsequente Vorsicht bei App-Downloads, insbesondere bei „angeblichen“ Sicherheitsanwendungen. In öffentlichen WLANs empfiehlt sich zudem ein VPN, und für die Prüfung von Online-Angeboten vor dem Kauf wird ein entsprechendes Prüftool der Verbraucherzentrale genannt. Ergänzend raten Experten zum Umstieg auf modernere, passwortbasierte Alternativen: Passkeys sollen als sicherere Alternative zu Passwörtern helfen, Phishing und Token-Diebstahl ins Leere laufen zu lassen. Daneben weist ein juristisches Beispiel darauf hin, dass auch Plattformbetreiber stärker in die Haftungsfrage geraten können, wenn Nutzer durch Fake-Shops über Anzeigen fehlgeleitet werden; ein Urteil des Amtsgerichts Starnberg verpflichtete einen großen Suchmaschinenbetreiber zum Schadensersatz, weil ein Nutzer auf einen über eine Anzeige verbreiteten Fake-Shop hereingefallen war.
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