BALTIMORE / LONDON (IT BOLTWISE) – In den ersten Stadien mancher Demenzformen fällt der kognitive Abbau oft nicht als Gedächtnisverlust auf. Ärztinnen und Ärzte verweisen stattdessen auf auffällige Essmuster, etwa plötzliches Verlangen nach Süßem, gesteigerten Appetit oder das wiederholte Essen derselben Speisen. Besonders die Frontotemporale Demenz (FTD) kann dadurch früh erkannt werden, weil sie Urteilsfähigkeit und soziale Impulskontrolle vor allem in den entsprechenden Hirnarealen stört. Wichtig ist auch die Kombination mit Persönlichkeits- oder Sozialveränderungen rund um Mahlzeiten.

Wer an Demenz denkt, verbindet damit häufig zuerst Gedächtnisprobleme: kurze Verläufe des Namensverlusts, das Wiederholen von Fragen oder das Sich-Verlaufen in vertrauter Umgebung. In der Praxis berichten Ärztinnen und Ärzte aber immer wieder, dass der Beginn je nach Demenzform sehr unterschiedlich sein kann. Alzheimer ist zwar die häufigste Ursache, doch die Frühzeichen sind nicht bei allen Betroffenen gleich. Damit rückt eine zweite Beobachtung in den Fokus: Veränderungen im Essverhalten können – je nach zugrunde liegender Erkrankung – früher auffällig werden als klassischer Gedächtnisabbau.
Für die Frontotemporale Demenz, kurz FTD, nennen Fachleute als charakteristisch, dass zuerst Stirn- und Schläfenlappen betroffen sind. Diese Bereiche steuern unter anderem Urteilsvermögen, soziales Verhalten und die Kontrolle von Impulsen. In dem Zusammenhang wird auch betont, dass das Gedächtnis in frühen FTD-Phasen häufig noch vergleichsweise intakt bleibt. Der eigentliche Warnhinweis liegt dann in der Art, wie jemand isst: Die Veränderung kann abrupt auftreten, zum Beispiel als neu entdecktes Verlangen nach Süßigkeiten, als deutliches Überessen oder als Zwang, fortwährend die gleichen Speisen zu wählen. Entscheidend ist dabei weniger die Frage, ob jemand „gesünder“ oder „ungesünder“ isst, sondern dass ein Muster deutlich vom bisherigen Lebensstil abweicht.
Unterstreicht wird dieser Punkt mit einer Sichtweise, die sich im Klinikalltag vor allem für Angehörige und Pflegepersonen übersetzen lässt: Nicht jede Phase oder jede Laune ist gleich ein medizinisches Signal. Majid Fotuhi, MD, PhD, Leiter des Center for Memory and Brain Health am LifeBridge Brain & Spine Institute in Baltimore, beschreibt genau diesen Unterschied: „What makes these signs meaningful is that they represent a break from a longstanding pattern, not a one-time craving or a phase.“ Zusätzlich ergänzen neurologische Einschätzungen, dass neue Vorlieben für Süßes oder kohlenhydratreiche Kost ebenso dazugehören können wie unflexible, neu entstandene Essrituale. Auch Verhaltensänderungen beim Essen werden genannt, etwa schnelles oder unordentliches Essen, eine reduzierte Wahrnehmung von Sättigung oder das Vergessen von Mahlzeiten. In derselben Logik stehen auch Begleitzeichen wie unerklärter Gewichtsverlust, nachlassender Geruchs- und Geschmackssinn sowie eine insgesamt gesteigerte oder enthemmte Appetitlage.
Bemerkenswert ist außerdem, wie stark sich das Essverhalten bei FTD zeitlich vom typischen Muster bei Alzheimer unterscheidet. Adam S. Mednick, MD, PhD, Neurologe am Regional Brain Institute, stellt die Verschiebung der Symptomdynamik heraus: „Food and eating changes are more prominent and appear earlier in frontotemporal dementia, while memory problems dominate early Alzheimer’s.“ Damit entsteht für die Früherkennung eine praktisch verwertbare Perspektive: Wer allein auf Gedächtnisleistung schaut, kann Hinweise verpassen, wenn die Erkrankung zuerst die Schaltkreise für Belohnung, Impulssteuerung und soziale Bewertungen rund um Essen durcheinanderbringt. Genau dort kann es zu Fehlfunktionen kommen, obwohl der hippocampale Gedächtnisbereich zunächst noch nicht im Vordergrund steht.
Ein weiterer Punkt, der in der ärztlichen Einordnung als besonders relevant beschrieben wird, betrifft die „soziale“ Komponente von Mahlzeiten. Dazu zählen anhaltende Veränderungen von Tischmanieren oder eine verminderte soziale Aufmerksamkeit im Umgang mit Essen. Genannt werden Beispiele wie das Essen von Tellern anderer Personen, zwanghaft wirkendes, schwer unterbrechbares Fortsetzen des Essens oder das fehlende Gespür dafür, wann eine Mahlzeit beendet ist. Fotuhi beschreibt außerdem eine Kombination, die über reine Essvorlieben hinausgeht: „This includes things like eating off other people’s plates, eating compulsively, losing the sense of when a meal is finished, or a marked change in food preference paired with a blunted emotional response to things that used to matter to that person, “. In der gleichen Linie wird erläutert, dass auch eine Persönlichkeitsänderung – etwa eine gedämpfte Empathie, Rückzug oder das Wegfallen eines üblichen „Filters“ im Gespräch – in Kombination mit Essveränderungen ärztlich abgeklärt werden sollte.
Für Angehörige und Betroffene ergibt sich daraus eine konkrete Handlungslogik: Erstens lohnt es sich, neue Essmuster systematisch zu beobachten und nicht nur kurzfristige Ausreißer als „Gewohnheit“ abzutun. Zweitens sollte der Kontext stimmen – also nicht „einmal süß“, sondern ein anhaltender Bruch mit dem früheren Verhalten, besonders wenn zusätzlich soziale und emotionale Signale abweichen. Mednick liefert hierzu eine passende Begründung aus der Hirnphysiologie: Wenn die betroffene Region früh vor allem die Steuerung von Appetit und Zurückhaltung betrifft, bleiben Gedächtnisfunktionen anfangs stärker erhalten. Gleichzeitig rücken abklärende Schritte in den Vordergrund, weil solche Muster auf eine größere zugrunde liegende Veränderung hinweisen können. Die zentrale Botschaft lautet damit nicht, dass Essverhalten allein eine Demenz „beweist“, sondern dass es ein frühzeitiges, oft übersehbares Warnsignal sein kann – und zwar gerade dann, wenn es im Alltag auffällig schnell und deutlich anders wird.
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