LONDON (IT BOLTWISE) – Eine groß angelegte Recruiting-Phishing-Kampagne hat binnen zwei Monaten mehr als 3.000 Phishing-URLs identifiziert, die auf Google- und Facebook-Zugangsdaten abzielen. Die Angriffe nutzen Browser-in-the-Browser (BitB), um gefälschte Logins und in fortgeschrittenen Fällen MFA-Prompts in Echtzeit durchzureichen. Betroffene werden über scheinbar echte Interview- und Terminseiten in eine Ablaufkette aus CAPTCHA, Passwortabfrage und mehrstufiger Bestätigung geführt. Für Unternehmen wird damit Recruiting-Kommunikation zur unmittelbaren Angriffsoberfläche auf Identitäten und Unternehmensdienste.

RecruitTrap: BitB-Phishing mit 3.000 URLs zielt auf Google- und Facebook-Zugriffe
RecruitTrap: BitB-Phishing mit 3.000 URLs zielt auf Google- und Facebook-Zugriffe (Foto: IT BOLTWISE)
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CTM360 beschreibt in dem Bericht RecruitTrap eine globale Phishing-Kampagne, die Recruiting-E-Mails und Meeting-Einladungen als Köder nutzt. Im Kern geht es nicht nur um das Stehlen von Passwörtern, sondern um die Übernahme von Sitzungen und das gezielte Umgehen der zweiten Authentifizierungsschicht. Laut Analyse wurden in einem Zeitraum von zwei Monaten über 3.000+ Phishing-URLs gefunden. Die Kampagne richtete sich dabei gegen Zielpersonen über verschiedene Branchen hinweg, mit einem spürbaren Schwerpunkt auf Marketing-Positionen.

Dass gerade Marketing-Konten so häufig ins Visier geraten, ist aus Angreifersicht plausibel: Gelang es, ein Unternehmens-Login zu übernehmen, können Angreifer typischerweise auf Werbe- und Analyseplattformen, Corporate Social Media Accounts sowie Teile des Kunden- und Kommunikationsbestands zugreifen. Entsprechend inszenierten die Angriffe Interview- oder Gesprächseinladungen, die wie eine Nachricht eines real wirkenden Recruiters aussehen. Die Empfänger sollten einen Termin auswählen oder ein Formular ausfüllen, bevor sie an den eigentlichen Login-Abschnitt weitergeleitet werden. Damit wird der Vertrauensvorschuss aus dem Recruiting-Kontext in einen Identitätsangriff übersetzt.

Technisch auffällig ist die Verwendung von Browser-in-the-Browser (BitB). Nach dem Klick landen Opfer in gefälschten Anmeldeabläufen mit einer scheinbar „echten“ Benutzeroberfläche: Die Login-Wrapping-Umgebung zeigt eine gefälschte Adresszeile inklusive Schloss-Symbol. Auf mobilen Geräten kann das täuschend als Vollbild-Login erscheinen. Entscheidend ist jedoch, dass im Hintergrund nicht einfach ein statisches Formular ausgeliefert wird: Die Seite agiert laut CTM360 wie eine Live State Machine, die die nächste Bildschirmanzeige abhängig vom Status des Opfers steuert.

In einem technisch untersuchten Calendly-ähnlichen Beispiel zeigte die Frontend-Implementierung eine Svelte/SvelteKit-Logik, die Opfer in mehrere gestaffelte Szenen führt: erst CAPTCHA, dann Benutzernamen und Passwort, anschließend verschiedene MFA-Varianten wie OTP, Abgleich über Telefonnummern oder Verifikation über Endungen. CTM360 nennt außerdem, dass ein browser-spezifischer Sitzungsbezeichner in sessionStorage abgelegt wird und dass eine persistente Socket.IO-Verbindung es dem Backend ermöglicht, dynamisch festzulegen, welche Abfrage als Nächstes erscheint. Zusätzlich werden Browser-Reload- und Verkehrsfilter genutzt, um nicht geeignete Anfragen frühzeitig auszusortieren und die Sammlung wertvoller Unternehmensidentitäten zu priorisieren.

Auch die Infrastruktur folgt einem wiederverwendbaren Baukasten. CTM360 gibt an, dass etwa 96% der gefundenen Seiten ein Calendly-Theme verwenden. Viele der Phishing-Ressourcen setzten dabei auf Cloudflare, um die eigentlichen Server zu verschleiern. Bei der brand-spezifischen Recruiting-Portal-Variante identifizierte der Bericht 116 beobachtete Hosts; 93,1% davon nutzten dedizierte oder registrierte Hosts. In der Verteilung lagen 50,9% der Treffer auf AWS EC2-IP-Adressen und -Ranges, und wiederkehrende Hostnamen sowie ähnliche Setups deuten darauf hin, dass mehrere Seiten über eine gemeinsame Infrastruktur orchestriert wurden. Auffällig ist zudem die schnelle Anpassbarkeit: Der gleiche Template-Flow kann durch Austausch von Arbeitgebername, Recruiter-Identität, Profil-Details, Slogan und Authentifizierungsanbieter auf neue Kampagnen umgestellt werden, während ein identischer „30-Minuten-Meeting plus Login“-Ablauf erhalten bleibt.

Für das praktische Abwehrhandeln liefert der Bericht mehrere konkrete Ansatzpunkte. Nutzer sollen unaufgeforderte Intervieweinladungen über einen unabhängig recherchierten Firmenkanal verifizieren und den offiziellen Karrierebereich direkt über die Website ansteuern, statt Links aus der Nachricht zu verwenden. Bei einer echten Google-Anmeldung muss der Login über die erwartete Ursprungseite laufen; im BitB-Fall gehört die sichtbare Adresszeile samt Schloss-Symbol scheinbar „dazu“, ist aber Teil der gefälschten Webumgebung. Als zusätzliche Warnsignale nennt CTM360, wenn Browser-Funktionen oder Passwortmanager die erwartete Herkunft nicht zuverlässig erkennen oder auffällige Autofill-Vorschläge unterbreiten. Für Organisationen empfiehlt sich außerdem, Lookalike-Recruiting-Domains zu überwachen und verdächtige Rekrutierungs-Mails mit ungewöhnlichen Sign-in-Vorgängen oder neu auftretenden Sitzungen zu korrelieren.

Wer bereits Passwörter oder MFA-Codes in einer verdächtigen Recruiting-Seite eingegeben hat, sollte nach CTM360-Angaben sofort handeln: das betroffene Passwort ändern, aktive Sitzungen und Tokens widerrufen, die Sign-in-Historie prüfen, Regeln im Postfach sowie OAuth-Grants kontrollieren und das Security-Team informieren. Strategisch lohnt sich parallel die Umstellung auf phishingresistente Verfahren wie Passkeys oder hardware-gestütztes WebAuthn, weil sie die Art von Relay-Angriffen erschweren, bei der ein echtes MFA-„Erlebnis“ an den Angreifer durchgereicht wird. Insgesamt zeigt RecruitTrap, wie eine vertraute Bewerbungssituation systematisch in einen skalierbaren Identitätsdiebstahl umgebaut werden kann.


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