ERESING / LONDON (IT BOLTWISE) – Reverion aus Eresing bei München hat eine Series B über 154 Mio. Euro abgeschlossen. Die Energy-Tech-Firma will damit eine neue Fertigung in Deutschland aufbauen, die zehnmal so viele Kraftwerke produzieren kann wie heute, mit bis zu 800 Stellen. Das Herzstück sind reversible Festoxid-Brennstoffzellen im Container, die Strom ohne Verbrennung erzeugen und bei Biogasbetrieb laut Unternehmen eine negative CO₂-Bilanz erzielen. Besonders groß ist der Zielmarkt demnach im Umfeld von Rechenzentren, weil dort verlässliche Leistung rund um die Uhr gefragt ist.

Reverion erhöht mit der Series B den Takt in der Finanzierung von CO₂-neutraler Stromerzeugung: 154 Mio. Euro stehen laut Unternehmensangaben für einen Ausbauschritt bereit, der weit über das übliche „Pilot-to-Product“-Tempo vieler Hardware-Startups hinausgeht. Die Runde wird im Markt als bisher größte in der Historie des Unternehmens eingeordnet; gleichzeitig nennt Reverion selbst eine Bewertung im Größenordnungsrahmen von 175 Millionen Dollar. Damit richtet sich der Fokus der kommenden Monate auf zwei Engpässe, die in der Energiewirtschaft typischerweise den Unterschied zwischen Prototyp und Industriestandard machen: reproduzierbare Fertigung und die Fähigkeit, im Dauerbetrieb nachweislich die versprochenen Kennzahlen zu treffen.
Technisch setzt Reverion auf Festoxid-Brennstoffzellen (SOFC), die Gas elektrochemisch in Strom umwandeln – ohne Flamme und ohne klassisches Motorkonzept. Als Brennstoffe nennt das Unternehmen Biogas, Erdgas oder Wasserstoff. Der entscheidende Hebel für die CO₂-These liegt laut Darstellung darin, dass das CO₂ in einer reinen Form abgeschieden wird, sodass es entweder weiterverwendet oder dauerhaft gespeichert werden kann. Läuft die Anlage mit Biogas, soll sich dabei eine negative CO₂-Bilanz ergeben – also ein Nettoentzug aus der Atmosphäre im Zusammenspiel von biogenem Ursprung und Abscheidung. Hinzu kommt die zweite Besonderheit: Die Anlagen arbeiten reversibel. Im Elektrolysebetrieb nehmen sie überschüssigen Strom auf und wandeln ihn in speicherbare Gase um, wodurch Betreiber besser auf Strompreise und Lastsignale reagieren können.
Für die Glaubwürdigkeit solcher Systeme ist der Wirkungsgrad zentral, weil er direkt auf Betriebskosten, Skaleneffekte und die Wirtschaftlichkeit im Vergleich zu netzgebundenem Strom einzahlt. Reverion beziffert den Wirkungsgrad mit 74,2 Prozent, gemessen im laufenden Kundenbetrieb an Anlagen aus der Vorserienfertigung. Das Unternehmen stellt diesen Wert als Weltrekord für thermische Kraftwerke dar und positioniert ihn als nahezu doppelt so hoch wie bei konventionellen Generatoren. Ob ein „Rekord“ in der Praxis durchgängig über Standorte hinweg replizierbar ist, hängt jedoch von Fertigungsqualität, Betriebsprofil und Wartungszugängen ab. Genau hier passt die kommende industrielle Ausbaustufe: Die Series B soll eine zusätzliche Fabrik finanzieren, die die Fertigungskapazität auf 250 Megawatt pro Jahr hochfährt – und damit auf einen Faktor zielt, der das aktuelle Niveau laut Text um den Faktor zehn erweitern soll.
Die Investitionsstory wirkt auch deshalb stimmig, weil die Runde nicht nur nach Geld bewertet wird, sondern nach konkreter Skalierungslogik: Reverion baut die Fertigungskapazität hoch und will parallel die Anlagen selbst vergrößern – „bis in die Megawatt-Klasse“, wobei heute eine Einheit 500 Kilowatt liefert. Auffällig ist zudem, wie stark die Personalplanung mit dem Kapazitätsaufbau verknüpft wird: Der Stammsitz in Eresing soll von 100 auf über 200 Mitarbeitende wachsen, am neuen Standort sind bis zu 800 Arbeitsplätze in Aussicht gestellt. Neben der Liquidität zählt bei solchen Projekten der Know-how-Transfer entlang der Prozesskette – vom Zellstapel über die Systemintegration bis zur Qualitätsprüfung im Feld. Das ist bei containerisierten Kraftwerken besonders anspruchsvoll, weil die gesamte Systemkomplexität im Lieferzustand robust und servicierbar bleiben muss.
Marktseitig ordnet Reverion die Nachfrage vor allem über Rechenzentren ein. Der Text beschreibt einen klassischen Engpass: Rechenzentren benötigen sehr hohe Strommengen, rund um die Uhr, während Netzanschlüsse in vielen Regionen verzögert sind und zugleich lokaler Widerstand gegen neue Standorte zunimmt. Das Konzept setzt daher auf „Erzeugung am Ort des Verbrauchs“: Gas soll über die vorhandene Gasinfrastruktur bezogen werden, während der Strom direkt am Standort entsteht. Der Betreiber wird so unabhängiger vom Netzausbau und von Strompreisschwankungen am Markt. Aus Investorensicht ergänzt sich dieser Bedarf um ein Erwartungsprofil an Verlässlichkeit und Klimaziel-Compliance im Betrieb – also nicht nur „sauberer Strom als Versprechen“, sondern belastbare Leistung, wenn das Rechenzentrum wirklich rechnet.
Die Series-B-Kapitalstruktur liefert weitere Hinweise auf die Richtung, die Investoren für solche Technologien sehen. Als Lead agiert der europäische Wachstumsfonds für Deeptech und Klimatechnologien Kembara, neu beteiligt sind zudem Allianz, KfW Capital, Aurum Impact und Carbon Equity. Bestandsinvestoren ziehen mit, darunter UVC Partners, Energy Impact Partners und der EIC Fund. Besonders interessant ist dabei die Rolle von KfW Capital nicht als direkter Einstieg, sondern über eine Zweckgesellschaft, die UVC Partners eigens dafür aufgesetzt und verwaltet – im Rahmen des Deutschlandfonds, mit dem der Bund privates Wagniskapital für Wachstumsunternehmen mobilisieren will. Solche Konstrukte sind für Hardware-Startups häufig deshalb relevant, weil sie langfristige Finanzierungsfähigkeit mit der Fähigkeit kombinieren sollen, Produktionsrisiken nicht allein aus Eigenkapital zu tragen.
Unterm Strich zeigt der Fall Reverion, wie sehr sich Energietechnik-Startups in den letzten Jahren professionalisiert haben. Das Unternehmen wurde als Ausgründung der Technischen Universität München gegründet: Die Idee entstand 2015 während der Promotion von Stephan Herrmann gemeinsam mit Prof. Dr.-Ing. Hartmut Spliethoff; die Reverion GmbH wurde im März 2022 gegründet und im April 2022 folgte die Seed-Runde. 2023 ging dem Text zufolge das erste 100-Kilowatt-Kraftwerk in Originalgröße in Betrieb, 2024 wurden drei Einheiten parallel für die Auslieferung gebaut. Für Gründerinnen und Gründer lassen sich daraus drei wiederkehrende Muster ableiten: Nachweise besser in frühen Stufen im Kundenbetrieb erbringen, Bestandsinvestoren als Vertrauenssignal nutzen und darauf vorbereitet sein, dass der zentrale Käuferkreis während der Skalierung überraschend wechseln kann – im Text vom Biogas-orientierten Markt hin zu Rechenzentren. Mit Blick auf die Zeitachse bleibt aber vor allem eine Frage offen: Ob die neue Fabrik mit 250 Megawatt Jahreskapazität zügig hochgezogen und anschließend so ausgelastet wird, dass aus der Finanzierung eine dauerhafte industrielle Produktion wird.
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