SÃO PAULO / LONDON (IT BOLTWISE) – Forschende haben untersucht, wie Menschen „Nonordinary Experiences“ wie Aus-der-Körper-Erlebnisse oder ein gefühltes „Unbekanntes Präsenz“-Gefühl deuten. In einer Befragung von 5.117 Erwachsenen zeigten die Daten, dass vor allem die kognitive Einordnung über den langfristigen Effekt entscheidet. Während 25 Prozent im Moment Leid oder starke Unruhe berichteten, meldeten 51 Prozent später positive persönliche Entwicklung. Die Studie trennt dabei explizit das Ereignis von der Bedeutung, um vorschnelle psychische Pathologisierung zu vermeiden.

Studie zu „Nonordinary Experiences“: Appraisal treibt Wachstum oder Leid
Studie zu „Nonordinary Experiences“: Appraisal treibt Wachstum oder Leid (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer „Nonordinary Experiences“ beschreibt, bekommt im Umfeld oft zwei gegensätzliche Reaktionen: Entweder wird das Geschehen sofort religiös oder paranormal interpretiert, oder es wird als Hinweis auf eine psychische Störung eingeordnet. Genau an dieser Stelle setzt die neue Untersuchung aus Brasilien an und verschiebt den Fokus weg von der Frage, was erlebt wurde, hin zu wie die Situation im Kopf verarbeitet wurde. Die Forschenden zeigen anhand von Befragungsdaten, dass ähnliche Phänomenmerkmale in der Allgemeinbevölkerung vorkommen können, ohne dass daraus zwingend eine Erkrankung folgt. Damit liefern sie einen differenzierteren Blick darauf, warum das gleiche Erlebnis für die eine Person zu Wachstum wird und für die andere zu anhaltender Belastung.

Methodisch beruht die Arbeit auf einem Instrument, das zunächst selbst systematisch abgesichert wurde: dem „Inventory of Nonordinary Experiences“ mit 47 Items. Vor der großen Erhebung prüften die Autorinnen und Autoren mit 160 brasilianischen Erwachsenen, ob die Fragen verständlich sind und ob der Fragebogen die Bandbreite an Deutungsmöglichkeiten ausreichend abbildet. Dazu wurden bestehende Kategorien in Details angepasst, etwa wenn Formulierungen zu vage waren oder Antwortoptionen fehlten. Im Anschluss kam der validierte Fragebogen in einer Prävalenzstudie zum Einsatz: 5.117 Personen aus der Allgemeinbevölkerung beantworteten Fragen zu einem von insgesamt 38 erfassten Erlebnistypen. Interessant ist dabei nicht nur die Häufigkeit, sondern die Verteilung der Begleitumstände und Appraisals, die in der Arbeit als zusammenhängendes Muster beschrieben werden.

Die Ergebnisse zeichnen ein Bild, das auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt, bei genauerem Hinsehen aber gut zusammenpasst: Ein Viertel der Befragten berichtete über unmittelbare Beschwerden, Unwohlsein oder Leiden während des Ereignisses; gleichzeitig gab aber mehr als die Hälfte an, dass das Erlebnis langfristig positive Effekte hatte. Konkret nennen 51 Prozent positive langfristige Entwicklungen wie Einsichten oder persönliches Wachstum, während 20 Prozent einen negativen Gesamteffekt schildern. Ergänzend zeigt die Studie, dass „Nonordinary Experiences“ häufig in vollständig wachen und alerten Zuständen auftreten: 57 Prozent beschrieben sich währenddessen als wach und aufmerksam. Ebenso berichteten 39 Prozent, sie seien dabei allein gewesen. Diese Verteilung widerspricht dem intuitiven Bild, dass derartige Ereignisse fast zwangsläufig in instabilen Situationen stattfinden müssten.

Noch stärker als die Kennzahlen wirkt die konzeptionelle Trennung von Erlebnis und Sinnkonstruktion. Die Autorinnen und Autoren argumentieren, dass klinische Annahmen in der Vergangenheit Phänomenmerkmale zu eng mit Diagnoserahmen verknüpft hätten, insbesondere mit Symptomen, die auch in Psychose- oder Dissoziationskontexten diskutiert werden. Ronald Fischer formuliert es inhaltlich so, dass solche Erlebnisse in der Allgemeinbevölkerung häufiger auftreten als es die Rate klinischer Diagnosen nahelegt: „Experiences like sensing a presence, having a vision, or feeling as though you are observing yourself from outside your own body are far more common in the general population than clinical diagnosis rates would suggest. We observed that most people in our sample of over 5000 participants who report them are not unwell, and most describe them as neutral or positive – both at the time they occur and also when looking back and reflecting on that experience.“ Gleichzeitig betonen die Forschenden, dass genau diese Deutungspfade die Richtung vorgeben.

Pedro Fortes greift dabei den Kern der „Mismatched“-Beobachtung auf: Die Erlebnisse weisen Merkmale auf, die in der Symptomatik von Psychose und Dissoziation verwendet werden, erscheinen aber in der Allgemeinbevölkerung ohne klare Krankheitskennzeichen. In seinen Worten: „What struck us was the mismatch. These experiences share features with symptoms used to define psychosis and dissociation yet are frequently observed in a general-population sample. Our prevalence study suggests they most often arrive in entirely ordinary moments, when we’re awake, alert and by ourselves, and are commonly remembered as meaningful rather than frightening.“ Jorge Moll macht daraus eine Konsequenz für den Umgang mit Betroffenen: Nicht das Ereignis selbst sei der entscheidende Faktor, sondern wie die Person es interpretiert – mit direkten Auswirkungen darauf, ob daraus Distress oder Bedeutung entsteht. „Our findings suggest that how a person interprets an unusual experience matters more than the experience itself in determining whether it becomes a source of distress or of meaning. That has direct consequences for how clinicians and families respond when someone describes something extraordinary.“ Für die Praxis bedeutet das, dass Familien- und klinische Reaktionen nicht bei der Pathologisierung stehen bleiben sollten, sondern das Bedeutungsangebot der betroffenen Person aktiv in den Blick nehmen.

Aus technischer Sicht ist bemerkenswert, dass die Arbeit nicht nur behauptet, Appraisal sei wichtig, sondern es über ein Fragebogen-Design operationalisiert und dabei typische kontextuelle Merkmale mitliefert. Dass die meisten Kontextvariablen und Appraisals in einer unimodalen Verteilung liegen, deutet auf wiederkehrende Deutungsmuster hin: trotz Heterogenität der Erlebnisse scheint die Interpretation häufig innerhalb eines gemeinsamen Systems von Glaubensannahmen zu passieren. Gleichzeitig nennen die Daten, dass viele Befragte das Ereignis zumindest teilweise als „Zufall“ verorten und dass ein Teil ein Gefühl von Kontrolle über das Erlebnis berichtet. Genau diese Kombination aus normaler Alltagslage, funktionalem Erleben und anschließender Neubewertung ist für Unternehmen, Bildungsinstitutionen und Gesundheitssysteme relevant, weil sie Stigma senken kann: Wenn Betroffene lernen, dass das Erlebnis nicht zwangsläufig mit Krankheit gleichzusetzen ist, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Angstspiralen aus sozialer Rückkopplung entstehen. Die Studie schließt aber auch eine Sicherheitsbrücke: Wenn ein Erlebnis den Alltag nachhaltig beeinträchtigt, sollten Betroffene mit Fachpersonen sprechen oder mit Menschen, denen sie vertrauen.


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