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LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie der University of Exeter zeigt, dass transkranieller Gleichstrom (tDCS) die visuelle Verarbeitungs-Signatur von sexueller Objektivierung bei Frauen vorübergehend abschwächen kann. In einem Doppelblind-Design mit 76 Teilnehmenden verschwand der klassische „Inversion Effect“-Unterschied zwischen sexualisierten Frauen und Männern. Die Aktivstimulation statt Placebo verbesserte insbesondere die Erkennung aufrecht dargestellter, sexualisierter Frauen. Die Ergebnisse sind ein erster Hinweis, dass der Bias in den frühen Wahrnehmungsmechanismen des Betrachters verankert ist.

tDCS reduziert Objektivierungs-Bias: Blickverarbeitung bei sexualisierten Frauen wird angeglichen
tDCS reduziert Objektivierungs-Bias: Blickverarbeitung bei sexualisierten Frauen wird angeglichen (Foto: IT BOLTWISE)
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Sexuelle Objektivierung lässt sich nicht nur in Sprache oder Bildsprache erkennen, sondern auch in der Art, wie das Gehirn visuelle Details zu einem Wahrnehmungsergebnis zusammensetzt. Genau an diesem Punkt setzt die aktuelle Arbeit aus dem Umfeld der University of Exeter an: Die Forschenden untersuchen, ob eine nicht-invasive Hirnstimulation die automatische „Verarbeitungslogik“ für sexualisierte weibliche Körper temporär neu ausrichten kann. Im Zentrum steht dabei der sogenannte „Inversion Effect“, also die robuste Beobachtung, dass Menschen bei aufrechten Gesichtern und Körpern deutlich besser erkennen als bei um 180 Grad gedrehten Darstellungen. Bei unbelebten Objekten ist dieser Vorteil typischerweise schwächer ausgeprägt, weil das Gehirn dann eher teilbasiert („piecemeal“) statt holistisch („configural“) verarbeitet.

Die Ausgangsidee ist ebenso präzise wie unbequem: Bei sexualisierten Fotografien von Frauen schrumpft im Experiment der Aufrecht-Vorteil signifikant, sodass die Erkennung näher an die Art heranrückt, wie normalerweise Werkzeuge oder Gegenstände verarbeitet werden. Das gilt laut den bisherigen Befunden nicht in gleicher Weise für sexualisierte Männer. Genau diese Differenz wird in der neuen Studie als messbarer Index von Objektivierung genutzt. Die Rolle der Methode ist damit nicht „Bildberatung“, sondern Neuro-Modulation: Während frühere Ansätze häufig die Reize veränderten (etwa durch unkenntlich gemachte Körpersegmente) oder den Kontext im Kopf der Teilnehmenden verschoben (z. B. über Mindset- oder Machtmanipulationen), gehen die Forschenden einen Schritt weiter und greifen direkt in die neuronalen Mechanismen ein, die offenbar die frühe visuelle Verarbeitung prägen.

Methodisch basiert die Untersuchung auf einem randomisierten, doppelblinden, sham-kontrollierten Design mit 76 Studierenden (54 weiblich, 22 männlich). Die Teilnehmenden mussten in einer Erkennungsaufgabe Bildmaterial auswendig lernen: Darstellungen männlicher und weiblicher Models in Unterwäsche, jeweils in sexualisierten Posen, einmal aufrecht und einmal invertiert. Anschließend identifizierten sie die zuvor gesehenen Personen unter neuen Ablenkungsbildern. Während der Aufgabe erhielt die Hälfte der Gruppe 10 Minuten transkraniellen Gleichstrom (tDCS) mit einer milden Stromstärke; die Stimulation wurde über Elektroden im Bereich der linken Stirnseite und oberhalb des rechten Augenbrauenbereichs appliziert. Die Kontrollgruppe bekam eine Placebo- bzw. Sham-Stimulation, die nur für etwa 30 Sekunden so ausgeführt wurde, dass das kurzfristige Kribbeln ähnlich wahrgenommen wird, aber keine anhaltende neuromodulatorische Wirkung erzeugt.

Im Sham-Arm reproduzierte sich der erwartbare Bias: Aufrechte Darstellungen sexualisierter Männer wurden im Vergleich zu den invertierten Bildern schneller und genauer erkannt, was auf eine intakte holistische Verarbeitung hindeutet. Für sexualisierte Frauen hingegen fiel der „Aufrecht“-Vorteil deutlich kleiner aus – die Wahrnehmung zeigte damit eher die fragmentierte Charakteristik, die man sonst bei Objekten beobachtet. Unter aktiver tDCS-Stimulation änderte sich dieses Muster jedoch spürbar. Die Aktivstimulation verbesserte die Erkennung aufrechter, sexualisierter weiblicher Bilder und eliminierte statistisch den Verarbeitungsgap zwischen den Geschlechtern, der unter Sham-Bedingungen sichtbar war. Interessant ist dabei die Selektivität: Für männliche Models blieb der robuste Inversion Effect weitgehend erhalten, sodass der Eingriff nicht einfach „alles besser sehen lassen“ wirkt, sondern spezifischer die zuvor gedämpfte Verarbeitung bei sexualisierten Frauen adressiert.

Die Studie formuliert damit einen konkreten Mechanismus-Verdacht: Objektivierung scheint nicht primär in einer veränderten Bewertung oder in einem späteren Urteil zu stecken, sondern in der Weise, wie das visuelle System die eingehenden Informationen automatisch strukturiert. Genau das macht den Befund für die Forschung so anschlussfähig. Das tDCS-Setup baut zudem auf einem neurostimulatorischen Paradigma auf, das in der Arbeitsgruppe bereits zur Abschwächung anderer automatischer Erkennungs-Biases genutzt wurde, etwa beim „Other-Race Effect“ oder bei own-age-basierten Unterschieden in der Gesichterwahrnehmung. Neu ist hier vor allem die Richtung des Effekts: Nicht nur ein Vorteil innerhalb einer Kategorie wird reduziert, sondern der Wahrnehmungszugang zu sexualisierten Frauen wird so angehoben, dass er den holistischen Standard widerspiegelt, den man typischerweise bei menschlicher Ganzverarbeitung erwartet.

Gleichzeitig bleibt die Übertragbarkeit auf reale soziale Situationen begrenzt. Die Messungen fanden während und unmittelbar nach der Stimulation statt, was offen lässt, wie lange das „perzeptuelle Reset“ anhält und ob sich daraus messbare Veränderungen in Einstellungen, impliziten Vorurteilen oder zwischenmenschlichem Verhalten ableiten lassen. Genau diese Lücke markiert den nächsten Untersuchungsbedarf: Wie stabil ist der Effekt über Stunden oder Tage? Welche Parameter entscheiden über die Dauer, etwa Stromstärke, Elektrodenposition oder Aufgabenanforderung? Für Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die mit Bild- und Kommunikationskontexten arbeiten, ergibt sich daraus vorerst ein spannendes Signal: Bias-Mechanismen könnten an mehreren Ebenen ansetzen – und nicht nur an der Ebene des Inhalts. Wer Objektivierung reduzieren will, muss damit künftig möglicherweise stärker auch an der Schnittstelle von Wahrnehmung und Verarbeitung ansetzen, nicht nur am Design der Reize.

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