BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Bundestag hat mit dem GKV-BStabG Einsparungen für 2027 beschlossen – inklusive Streichungen bei der ePA-Befüllung. Gleichzeitig kommt Bewegung in die Praxis: Die Teil-Krankschreibung (Teil-AU) ermöglicht stufenweises Arbeiten ab 25 Prozent, während die Attestpflicht bereits ab dem ersten Krankheitstag strenger werden soll. Parallel fordert der BDP bei der elektronischen Patientenakte ein Opt-in der Versicherten für Betriebsärzte und fein granulare Verschattungsrechte. Damit verschiebt sich der Fokus in der Gesundheits-IT von Akzeptanz hin zu Prozesssicherheit, Einwilligungssteuerung und belastbaren Datenschutzkonzepten.

Teil-AU ab 25 Prozent, neue Attestpflicht und ePA-Opt-in
Teil-AU ab 25 Prozent, neue Attestpflicht und ePA-Opt-in (Foto: IT BOLTWISE)
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Arbeitsmedizin, Vergütungssystem und Gesundheitsdaten laufen in diesen Wochen spürbar enger zusammen. Mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (GKV-BStabG) verabschiedete der Bundestag am 10. Juli ein Paket, das laut Gesetzesvorlage Einsparungen von knapp 19 Milliarden Euro für 2027 vorsieht. Parallel steht die elektronische Patientenakte (ePA) politisch wie operativ im Mittelpunkt: Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) drängt auf ein Opt-in-Verfahren für Betriebsärzte. Gleichzeitig nimmt die ePA im stationären Sektor Fahrt auf – berichten zufolge haben fast 70 Prozent der Krankenhäuser bereits zugegriffen.

Technisch betrachtet ist die ePA nicht nur ein Dokumentencontainer, sondern ein Zugriffssystem mit Rollenlogik, Protokollierung und Zugriffsbeschränkungen. Der Entwurf zum Gesundheitsdatennutzungsgesetz (GeDIG) sieht grundsätzlich weitreichende Zugriffe für Betriebsärzte vor. Genau daran knüpft der BDP an und fordert eine explizite Zustimmung der Versicherten. In der Praxis bedeutet das: Einwilligung muss maschinenlesbar und granular genug sein, um unterschiedliche Datentypen zu steuern. Der Verband spricht dabei von fein granulare Verschattungsrechten, damit besonders sensible Informationen nicht automatisch für die Betriebsmedizin einsehbar werden.

Auch die Arbeitswelt verändert sich durch die Reform der Krankschreibung. Die Teil-AU soll bei Erkrankungen von mehr als vier Wochen stufenweises Arbeiten erlauben – in 25, 50 oder 75 Prozent, sofern ärztlich vertretbar und der Arbeitgeber zustimmt. Der Entgeltfortzahlungszeitraum von sechs Wochen bleibt dabei unberührt; danach gibt es anteiliges Krankengeld. Für Unternehmen heißt das: Personalplanung, Budgetierung und Dokumentation müssen feiner werden, weil Abwesenheit und Produktivitätsanteile nicht mehr binär sind. Gleichzeitig verschärft die Bundesregierung die Attestpflicht: ab dem ersten Krankheitstag soll ein ärztliches Attest nötig sein, während die telefonische Krankschreibung entfällt.

Die Marktdynamik dahinter ist klar, aber nicht einheitlich. Während Unternehmen wie Airbus striktere Maßnahmen begrüßen, verweisen Vertreter von Audi und Kuka darauf, dass tarifliche Regelungen bereits heute vorsehen, Atteste erst ab dem vierten Tag zu verlangen. Diese Differenzen sind für Gesundheits-IT besonders relevant, weil Prozesse häufig an Tariflandschaften und Rollenmodelle gekoppelt sind. Aus Sicht der Versorgung sind außerdem die Praxen betroffen: Hausärzteverbände warnen vor Mehrbelastung, parallel kritisieren Berufsvertretungen im psychotherapeutischen Bereich die Vergütungskürzungen. Der Verband Psychologischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (VPP) sieht durch die Streichung der Angemessenheitsprüfung für Honorare eine Existenzbedrohung für viele Praxen.

Regulatorisch verschiebt sich damit der Schwerpunkt von reiner Implementierung hin zu „Compliance-by-Design“. Die ePA-Opt-in-Forderung des BDP zielt auf informationelle Selbstbestimmung: Einwilligung soll nicht pauschal gelten, sondern datenschutzfreundlich wirksam werden. Genau hier treffen Datenschutzgrundsätze auf technische Steuerbarkeit, etwa über Verschattungsrechte und kontrollierte Freigaben. Parallel sorgt das GKV-BStabG für zusätzlichen Druck in Richtung Skalierung, weil mit dem Gesetz auch finanzielle Anreize fallen: Unter anderem soll die Vergütung für die ePA-Befüllung sowie für Organspende-Beratungen gestrichen werden. Solche Änderungen können die Update-Taktung in der Versorgungsrealität beeinflussen und damit indirekt die Datenqualität.

Es gibt jedoch auch einen rechtlichen Dämpfer für die kurzfristige Wirkung von Vergütungskürzungen. Ein kleiner Erfolg gelang am 9. Juli, als das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg geplante Honorarkürzungen von 4,5 Prozent im Eilbeschluss vorläufig aussetzte. Das unterstreicht, dass Reformen nicht linear durchlaufen, sondern entlang von Gerichts- und Umsetzungslogiken nachjustiert werden. Für Unternehmen bedeutet das: Erwartungen an „schnelle Standardisierung“ sollten mit Szenarienplanung kombiniert werden. Wer BEM-Prozesse (Betriebliches Eingliederungsmanagement) bereits jetzt ausrollt, profitiert, weil längere Krankheitsphasen durch neue Regeln organisatorisch komplexer werden können.

Der zukünftige Pfad ist damit zweigeteilt: Einerseits soll die Beitragssatzstabilisierung für 2027 erreicht werden, andererseits werden Folgekorrekturen absehbar. Laut Experten der GKV-Finanzkommission könnten die Maßnahmen die Beitragssätze stabilisieren; für 2029 und 2030 seien jedoch voraussichtlich weitere Reformschritte nötig. Daraus ergibt sich eine klare Implikation für die Gesundheits-IT: Teams müssen nicht nur ePA-Anwendungsfälle implementieren, sondern auch Einwilligungs- und Zugriffskontrollen kontinuierlich auditieren. Unternehmen sollten außerdem ihre HR- und Betriebsarzt-Prozesse mit Blick auf Attestpflicht und Teil-AU so dokumentieren, dass Entscheidungen nachvollziehbar bleiben – selbst wenn sich Rahmenbedingungen, Tarife und Gerichtsstände verändern.


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