LONDON (IT BOLTWISE) – Die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln hat im zweiten Quartal weiter zugelegt und damit den Effekt hoher Lebensmittelpreise teilweise abgefedert. Laut Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft stieg der Umsatz im Zeitraum April bis Juli auf 4,75 Milliarden Euro. Besonders Drogeriemärkte wie dm und Rossmann profitieren, weil sie ihr Bio-Sortiment zuletzt deutlich ausweiteten. Unterm Strich zeigt sich, dass Bio zunehmend dort gekauft wird, wo auch andere Alltagswaren einkaufen werden.

Im zweiten Quartal verschiebt sich der Bio-Fokus im Handel spürbar: Während viele Haushalte bei Lebensmitteln in Zeiten hoher Inflation spürbar sparen, bleibt Bio offenbar ein Stabilitätsanker. Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft meldet für April bis Juli einen Umsatz von 4,75 Milliarden Euro im Einzelhandel mit Bio-Produkten. Das entspricht einem Plus von 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Für das erste Halbjahr summiert sich der Umsatz auf mehr als 9,6 Milliarden Euro – genug, um die Branche trotz eines insgesamt verhaltenen Konsumklimas wieder ins Wachstum zu bringen.
Entscheidend ist dabei auch die Frage, ob es sich um echtes Mengenwachstum oder vor allem um Preis- und Kosteneffekte handelt. Der Verband weist darauf hin, dass das Umsatzwachstum nicht um die Preissteigerungen im Lebensmitteleinzelhandel bereinigt ist. Gleichzeitig übersteigt das ausgewiesene Wachstum diese Preissteigerungen deutlich – ein Hinweis darauf, dass Konsumenten nicht nur umschichten, sondern Bio stärker nachfragen. In der Kommunikation des Verbandes bringt BÖLW-Chefin Tina Andres den Befund auf den Punkt: Bio-Lebensmittel stünden auch in Krisenzeiten ganz oben auf der Einkaufsliste der Deutschen.
Technisch betrachtet lässt sich der Trend auch an Handelsstrukturen festmachen: Drogeriemärkte setzen inzwischen deutlich stärker auf Bio-Artikel, die nicht zwangsläufig als „klassische“ Lebensmittel wahrgenommen werden. Laut BÖLW gelten genau diese Bereiche als Treiber – von Snacks über vegane Produkte bis hin zu Babykost und Tee. Dass das Sortiment hier „erheblich ausgeweitet“ wurde, zahlt sich offenbar in den Kennzahlen aus: Bei dm und Rossmann stiegen die Umsätze mit Bio-Produkten den Angaben zufolge um fast 20 Prozent. Damit gewinnt Bio auch dort Fuß, wo Käufer häufig über die gesamte Woche hinweg einkaufen und nicht nur im Supermarkt oder im Fachhandel gezielt nach Bio suchen.
Diese Verschiebung hat auch eine zweite, weniger sichtbare Dimension: Sie verändert, wer Bio im Alltag „vermarktet“. Während im Bio-Fachhandel die Nachfrage laut BÖLW bei einem Umsatz von 0,82 Milliarden Euro stagnierte, berichten die Zahlen gleichzeitig von einem Strukturwandel. Die Begründung des Verbandes zielt auf die Konsumentenlogik: Neben insgesamt gedämpfter Kauflaune spiegelte sich darin zunehmend wider, dass Verbraucher Bio-Lebensmittel häufiger im herkömmlichen Supermarkt oder eben in Drogerien kaufen. Mit anderen Worten: Bio bleibt ein Kaufmotiv, aber der Einkaufsweg wird breiter.
Besonders interessant ist die Rolle der Vollsortimenter. Supermarktketten wie Rewe oder Edeka verzeichneten dem BÖLW zufolge im zweiten Quartal ein Umsatzwachstum bei Bio-Produkten von 5 Prozent. Der Verband ordnet das unter anderem dem Ausbau von Bio-Eigenmarken zu. Das ist für den Markt nicht nur eine Marketingfrage, sondern auch eine Lieferketten- und Portfoliofrage: Eigenmarken erfordern kalkulierbare Wareneinsatzkosten, verlässliche Verfügbarkeit und ein Produktmanagement, das Bio-Standards im Massengeschäft abbildet. Wenn das gelingt, wird Bio im Regal nachhaltiger präsent – nicht als Sonderaktion, sondern als fester Bestandteil des Sortiments.
Für die Interpretation der Zahlen ist außerdem wichtig, wie sie erhoben wurden. Der BÖLW nennt eine Auswertung in Zusammenarbeit mit der Agrarmarkt-Informationsgesellschaft; die Daten basieren unter anderem auf Informationen von Marktforschungsinstituten wie Yougov und NIQ Nielsen. Genau diese Methodik erklärt, warum die Diskussion häufig bei Umsatzgrößen landet: Panel- und Marktbeobachtungsdaten bilden ab, was in der Breite im Handel passiert, nicht nur, was sich theoretisch über Durchschnittspreise erklären lässt. Für Entscheider in Handel und Markenführung liefert das vor allem eine Handlungsableitung: Bio reagiert offenbar stärker auf Sortimentserweiterungen und Verfügbarkeit an den „Alltags-Hotspots“ der Verbraucher als auf reine Preisargumente.
Damit wird auch verständlich, warum das Wachstum in der Gesamtbetrachtung nicht gleichmäßig über alle Vertriebskanäle verläuft. Drogerien kommen mit einem Bio-Mix, der sich aus vielen kleinen, wiederkehrenden Einkaufsanlässen zusammensetzt; deshalb kann ein Ausbau in Snacks, veganen Produkten oder Babysegmenten schnell Wirkung entfalten. Gleichzeitig bleibt der Bio-Fachhandel ein wichtiger Qualitäts- und Spezialisierungsanker, steht aber in dieser Periode unter Druck, weil Teile der Nachfrage in Richtung anderer Kanäle wandern. Für die kommenden Quartale wird entscheidend sein, ob Händler das Bio-Angebot weiter vertiefen und ob die Nachfrage diese Entwicklung dauerhaft trägt – oder ob sich die Dynamik angesichts der Konsumstimmung wieder abkühlt.
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