MELBOURNE / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine qualitative Auswertung mit 80 Teilnehmenden zeigt: Paare, die in consensual non-monogamy nach einer dritten Person suchen, berichten über häufig bessere Kommunikation und mehr Vertrauen. Fast 80 % geben an, dadurch seien sie als Paar näher zusammengerückt. Gleichzeitig bleibt in vielen Fällen die Perspektive der gesuchten Person praktisch außen vor, weil die Suche stark auf eigene Fantasien und „Bedürfnisbefriedigung“ ausgerichtet ist. Die Studie macht damit auch sichtbar, warum Erwartungen und tatsächliche Begegnungen bei der „Unicorn“-Suche oft auseinanderlaufen.

„Unicorn“-Suche in offenen Beziehungen: stärkt oft die Bindung, blendet jedoch Wünsche aus
„Unicorn“-Suche in offenen Beziehungen: stärkt oft die Bindung, blendet jedoch Wünsche aus (Foto: IT BOLTWISE)
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In der Praxis der consensual non-monogamy wird die Suche nach einer dritten Person zunehmend sichtbarer. In Communitys taucht dabei oft der Begriff „Unicorn“ auf, weil die gesuchte Konstellation als selten gilt. Das Muster, das sich aus der nun veröffentlichten qualitativen Analyse ergibt, ist jedoch weniger klischeehaft als viele stereotype Erzählungen: Während viele Paare vor allem eine Frau ansprechen, variieren die Vorstellungen deutlich, und bei einem Teil der Teilnehmenden ist das Geschlecht ausdrücklich zweitrangig. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass die „Unicorn“-Suche nicht nur die Beziehung nach außen betrifft, sondern die internen Dynamiken im Paarlaufwerk messbar verändert.

Die wissenschaftliche Einordnung beginnt mit dem Studiendesign: Forschende um Alena Bondarchuk-Mclaughlin (La Trobe University, Melbourne) rekrutierten 80 Personen über Social Media und eine Online-Umfrage-Plattform. Alle Befragten gaben an, derzeit oder in der Vergangenheit Teil eines Paares gewesen zu sein, das nach einer dritten Person suchte. Über fünf offene Fragen beschrieben die Teilnehmenden, wen sie konkret einbeziehen wollten, welche Ziele die Suche hatte und wie sich der Prozess auf die bestehende Hauptbeziehung ausgewirkt hatte. Für die Auswertung nutzte das Team ein qualitatives Verfahren, bei dem wiederkehrende Muster in vier Themenkategorien gebündelt wurden – von gewünschten Eigenschaften bis zur Realität tatsächlicher Kontakte.

In den Wunschvorstellungen dominierte zwar häufig die Suche nach einer Frau: Die Mehrheit nannte explizit Frauen als Ziel. Der häufigste Zusatz war „bisexuelle Frau“, doch die Bandbreite reichte weiter: Etwa ein Viertel der Befragten machte Geschlecht zur Nebensache. Andere fokussierten Männer, weitere Paare oder konkrete Persönlichkeitsmerkmale wie „freundlich“. Entscheidend ist dabei weniger das „wer“, sondern das „wie“ der Erwartungshaltung: Viele beschrieben die Suche als stark auf die eigenen Fantasien und den eigenen gemeinsamen Genuss ausgerichtet. Das schlägt sich auch in der Differenz zwischen idealem und gelebtem Szenario nieder, die die Studie als zentralen Spalt identifiziert.

Beim Blick auf die Wirkung auf die Hauptbeziehung fällt zunächst der positive Effekt auf. Nahezu 80 % berichteten, die Suche nach einer dritten Person habe sie als Paar näher zusammengebracht. Genannt werden Verbesserungen in Kommunikation, Ehrlichkeit und Vertrauen. Wer Fantasien und Grenzen offen bespricht, erlebt demnach nicht selten einen intensiveren gemeinsamen sexuellen Kontext. Gleichzeitig tritt auch die Kehrseite zutage: Eine kleine Minderheit schilderte negative Folgen, etwa wenn die Suche mit Streit, Druck oder einem Vertrauensbruch zusammenfiel. In diesen Fällen spielte außerdem Eifersucht eine Rolle, die offenbar stärker wird, wenn Erwartungen an „traditionelle“ Paarrollen mental gegen das offene Arrangement arbeiten.

Der Kernbefund zur Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität lautet: Viele Paare wollten primär eine überwiegend sexuelle Beziehung mit der dritten Person. Häufig ging es um das Ausleben spezifischer Fantasien, um Neuheit oder darum, den gemeinsamen Genuss zu steigern; zugleich wollten einige explizit, dass die dritte Person romantisch kaum eingebunden wird. Rund 40 % nannten dagegen auch emotionale Nähe – von Freundschaft bis zu einer partnerschaftlichen, bis hin zu einem Zusammenleben-orientierten Beziehung. Dennoch tauchten in den tatsächlichen Beschreibungen selten Signale von Fürsorge für die gesuchte Person auf: Nur 12 % erwähnten, dass deren Gefühle priorisiert oder Gleichrangigkeit hergestellt werden. Viele Paare hielten in der gelebten Praxis eher an klaren sexuellen Grenzen fest, etwa bis hin zu kurzfristigen Begegnungen.

Auch organisatorisch berichtet die Studie von Hürden: Fast die Hälfte schilderte Schwierigkeiten bei der Suche, etwa durch fehlende passende Übereinstimmungen, eine Angebotsknappheit interessierter Personen oder schlicht auseinanderlaufende Erwartungen. Die Forschenden führen das zumindest teilweise auf eine fehlende Berücksichtigung der Interessen der dritten Person zurück. Wird die Suche wie ein „Spezialservice“ behandelt – also wie eine Anfrage, die Bedürfnisse der bestehenden Partnerschaft optimiert, ohne eine echte Beziehungsperspektive zu eröffnen –, steigt das Risiko von Enttäuschungen auf beiden Seiten. Für die Praxis lässt sich daraus eine klare Lehre ableiten: Eine stabile nicht-monogame Dynamik hängt nicht nur von Grenzen ab, sondern auch davon, wie transparent und respektvoll die Beteiligten den eigenen Wunsch nach Nähe, aber auch nach Autonomie formulieren.

Gleichzeitig gibt es methodische Grenzen, die man bei der Übertragung auf andere Konstellationen bedenken sollte. Die Studie stützt sich auf Selbstauskünfte von 80 Personen und befragt ausschließlich die „Suchenden“, während Perspektiven der tatsächlich angesprochenen dritten Personen fehlen. Hinzu kommt, dass der Fragebogen bestimmte Formulierungen nahelegt: Die Frage nach dem gewünschten Einbezug enthielt als Beispiel die Formulierung „bisexual woman“. Dadurch konnten Antworten stärker in genau dieser sprachlichen Schiene entstehen. Außerdem wurde nicht nach dem Geschlecht der Partner der Teilnehmenden gefragt, was Analysen dazu begrenzt, wie die Geschlechterkonstellation des Ursprungspaars den Verlauf der Suche prägt. Die vollständige Studie ist in Psychology & Sexuality veröffentlicht; weitere Arbeit soll insbesondere Erfahrungen der dritten Person systematisch einbeziehen. Für Paare, die solche Arrangements leben oder erwägen, bedeutet das: Wer die eigene Kommunikation verbessern will, sollte die „Unicorn“-Suche nicht nur als Chance für mehr Nähe sehen, sondern als Beziehungsentscheidung, die auch die Bedürfnisse und Grenzen der hinzukommenden Person ernsthaft adressiert.


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