LONDON (IT BOLTWISE) – Forschende der University of Bath und der LSE erklären, warum Überconfidence trotz ihrer Fehlerkosten im Menschen bestehen bleibt. Der Ansatz vergleicht aufgeblasene Selbstüberzeugung mit einem „Handicap“-Signal, das nur für leistungsfähigere Personen erschwinglich ist. Gleichzeitig wirkt Loss Aversion wie eine interne Bremse, die riskante Fehlentscheidungen abmildert, ohne das öffentliche Auftreten zu zerstören. Damit entsteht ein ko-evolvierter Mechanismus, der Status sichtbar macht und zugleich katastrophale Ausfälle verhindert.

Wer sich in Verhandlungen „völlig sicher“ fühlt, macht häufig genau dann Fehler, wenn Fakten und Projektionen auseinanderlaufen. Überconfidence kann in der Arbeitswelt in überoptimistischen Zeitplänen, in riskanten Investitionsideen oder in schlecht abgesicherten Produktentscheidungen sichtbar werden. Das wirklich hartnäckige Rätsel lautet aber nicht, warum Menschen sich irren, sondern warum eine psychologische Tendenz, die nachweislich zu kostspieligen Fehlbewertungen führt, evolutionär stabil bleiben kann. Genau hier setzen die Forschenden an: Sie argumentieren, dass Überconfidence nicht trotz ihrer Kosten überlebt, sondern gerade wegen dieser Kosten.
Der zentrale Vergleich stammt aus der Natur: Ein Pfau trägt ein auffälliges, energieintensives Schwanzornament. In der Signaltheorie wirkt dieses Handicap glaubwürdig, weil es sich nicht jeder „leisten“ kann. Übertragen auf Menschen soll Überconfidence ähnlich funktionieren: Glaube ich, dass ich besser bin als ich tatsächlich bin, dann ist das nicht nur eine kleine Selbsttäuschung, sondern ein Verhalten mit realen Konsequenzen. Entscheidend ist dabei die ungleiche Verteilung der Nachteile. Die Studie beschreibt, dass Personen mit höherer zugrunde liegender Fähigkeit bei überoptimistischem Selbstbild weniger Fehler machen oder zumindest weniger stark in den Konsequenzen getroffen werden. Für sie ist die „Preisstruktur“ des Signals also günstiger als für Menschen mit geringerer Fähigkeit. Damit bleibt das Signal informativ: Nicht alle können überzogene Ansprüche kontinuierlich aufrechterhalten, ohne irgendwann in ernsthafte Probleme zu geraten.
Damit verknüpfen die Autorinnen und Autoren einen zweiten gedanklichen Strang, der an Robert Trivers’ Theorie der Selbsttäuschung anknüpft. Trivers (1976) hatte vorgeschlagen, dass sich Selbsttäuschung evolutionär entwickelt hat, weil sie die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass andere Täuschungen nicht an subtilen Verhaltenssignalen erkennen. Bewusste Blufferei scheitert häufig an Hinweisen wie Anspannung oder stimmlichen Brüchen; echtes Überzeugtsein reduziert diese „Leakage“. Die neue Arbeit dreht jedoch die Perspektive: Es ist zwar plausibel, dass sich Menschen besser durchsetzen, wenn sie selbst an ihre Aussagen glauben, aber es bleibt die Frage, warum Beobachtende Überconfidence nicht einfach als „cheap talk“ abtun. Die Antwort lautet hier: Beobachtende discounten die Aussagen zwar teilweise, können sie jedoch nicht beliebig entwerten, weil das übersteigerte Selbstbild einen tatsächlichen materiellen Preis mit sich bringt. Wenn dieser Preis für leistungsfähigere Menschen geringer ausfällt, enthält das Ausmaß der Überconfidence dennoch Informationen über die eigene Kompetenz.
Damit die Signalwirkung nicht in gefährliche Fehlentscheidungen kippt, führen die Forschenden Loss Aversion als ko-evolvierten Gegenspieler ein. Loss Aversion bezeichnet die Tendenz, Verluste stärker zu gewichten als Gewinne. In der Arbeit wird das nicht als isolierte „Fehlfunktion“ verstanden, sondern als „Handbremse“, die das Schlimmste von überoptimistischen Einschätzungen abfedert. Der Mechanismus lässt sich als zweischichtiges Verhalten lesen: Nach außen wirkt die Person selbstbewusst, um Status und Fähigkeit zu signalisieren; nach innen wird dennoch mit verdeckter Vorsicht gehandelt, um das Risiko katastrophaler Ausfälle zu begrenzen. Genau in dieser Kopplung liegt nach den Autoren die Plausibilität: Die Signalkosten bleiben bestehen und damit glaubwürdig, aber die Wahrscheinlichkeit, dass Überconfidence direkt in tödliche oder schwerwiegende Risiken umschlägt, wird reduziert.
Ein weiterer Schwerpunkt der Studie ist die Erklärung geschlechtsspezifischer Unterschiede in der durchschnittlichen Überconfidence. Nach Angaben der Forschenden wirkt Überconfidence als evolutionäre Strategie, um Eigenschaften zu signalisieren, die nicht so leicht direkt zu beobachten sind. Sie verweisen dabei auf unterschiedliche Paarungsanreize und leiten ab, dass Männer eher solche hard-to-observe Merkmale wie Status, Commitment und Ressourcenerwerbsfähigkeit „markierbar“ machen mussten. Wenn diese Merkmale schwerer zu messen sind, wird ein glaubwürdiges Signal wertvoll. Das Handicap-Prinzip und die unterschiedlichen Kosten über Leistungsniveaus hinweg liefern dann die Begründung, warum Überconfidence nicht einfach „rausarbitriert“ wird: Sie bleibt als Signal tauglich, weil sie nur für diejenigen relativ beherrschbar ist, die tatsächlich über passende Fähigkeiten verfügen.
Für die praktische Relevanz lohnt der Blick auf das, was die Arbeit implizit über Interventionen sagt. Häufig lautet die intuitive Empfehlung, kognitive Verzerrungen so weit wie möglich zu eliminieren. Die Studie warnt jedoch davor, Überconfidence und Loss Aversion als Ganzes zu „wegtherapieren“. Die Argumentation: Ohne Überconfidence könnten Menschen schlechter überzeugen, Zugang zu Chancen finden oder überzeugende Risiken eingehen, die sich langfristig auszahlen. Ohne Loss Aversion würde die interne Sicherheitslogik fehlen, die verhindert, dass das Signal in riskantes, potenziell fatal wirkendes Verhalten umschlägt. Für Organisationen heißt das übersetzt: Wenn man Entscheidungen robuster machen will, braucht es vermutlich Systeme, die Verzerrungen nicht nur bekämpfen, sondern ihre Funktion im Zusammenspiel verstehen – also etwa durch strukturierte Entscheidungsprozesse, zweite Blickinstanzen und belastbare Feedbackschleifen, statt durch reine „Motivations-Appelle“.
Technisch betrachtet lässt sich das als Hinweis auf die Grenzen rein wissensbasierter Korrektur lesen. Überconfidence ist weniger ein reines Defizit an Information, sondern ein verknüpftes Set aus Selbstmodellierung, sozialer Signalgebung und Sicherheitsmechanismen. Genau deshalb sind lineare „Trainingseinheiten“ oder reine Faktenchecks oft unzureichend, wenn sie nicht auch das Zusammenspiel aus öffentlicher Überzeugung und interner Vorsicht adressieren. Unternehmen, die etwa mit KI-gestützten Prognosen arbeiten, können diese Erkenntnis nutzen, indem sie nicht nur Output und Unsicherheit der Modelle darstellen, sondern auch Entscheidungsrechte, Plausibilitätsprüfungen und Risikobudgets so gestalten, dass das „Signal“ nicht automatisch mit maximaler Risikofreigabe gleichgesetzt wird. Die Studie positioniert damit eine anspruchsvolle Perspektive: Biases können symbiotisch sein – und ihre Abschaffung kann unter Umständen mehr Nebenwirkungen erzeugen als Nutzen.
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