BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Mangel an Wohnraum bremst nach Einschätzung des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium das Wachstum in Deutschland. In einem Gutachten wird beschrieben, wie hohe Wohnkosten Haushalte belasten und Jobwechsel in wachstumsstarke Regionen ausbremsen. Zugleich zeigen die Autoren eine Entkopplung: Lohnzuwächse schlagen sich stärker in höheren Mieten nieder, während Umzüge damit an Attraktivität verlieren. Als Hebel nennt der Beirat unter anderem eine erweiterte Infrastrukturkostenumlage sowie Erleichterungen für Nachverdichtung und bestimmte beruflich veranlasste Umzüge.

Der Engpass sitzt weniger in den klassischen Standortfaktoren als in der Breite des alltäglichen Lebens: Wenn in Wachstumsregionen bezahlbarer Wohnraum fehlt, wird aus einem potenziellen Karriere- oder Jobwechsel schnell ein Organisations- und Finanzproblem. Genau dieses Wirkungsband legt ein Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium offen, das von Ökonomen erarbeitet wurde, die das Ressort von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) beraten. Die Kernaussage lautet, dass Wohnungsknappheit nicht nur soziale Härten verstärkt, sondern auch als Hemmnis für die wirtschaftliche Entwicklung wirkt.
Im Zentrum steht dabei die Mobilität der Arbeitskräfte. Laut Felix Bierbrauer, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats, werden Chancen für die Volkswirtschaft verschenkt, wenn Menschen einen besser bezahlten Arbeitsplatz nicht annehmen können, weil sie vor Ort keine bezahlbare Wohnung finden. Das Gutachten beschreibt zudem eine Verschiebung bei der Wanderung: Sie orientiere sich immer weniger an regionalen Lohnvorteilen. Gleichzeitig werde ein Teil der Lohnzuwächse zunehmend in Wohnungspreise überführt, sodass der Wechsel zwar nominal höhere Löhne verspricht, aber real schnell durch höhere Mietkosten aufgezehrt wird.
Praktisch zeigt sich diese Dynamik bereits bei der Frage, wie teuer Umzüge selbst bei steigenden Einkommen werden. Bierbrauer verweist dafür auf die steigenden Neuvertragsmieten und spricht in diesem Zusammenhang davon, dass Umziehende von einer Niedrig- in eine Hochlohnregion „kaum mehr Geld in der Tasche“ hätten. Diese Beobachtung ist für die Wirtschaftspolitik relevant, weil sie über den Wohnungsmarkt hinaus in die Arbeitsmarktmechanik hineinwirkt: Wenn der Umzug finanziell schwer wird, sinkt die Bereitschaft zur Standortanpassung. Damit bleibt Potenzial in Regionen ungenutzt, die eigentlich zusätzliche Produktivität und Fachkräfte aufnehmen könnten.
Der Beirat setzt daher nicht nur auf „mehr bauen“ als Parole, sondern auf ein System, das Anreize und Kosten besser zusammenführt. Ein zentraler Vorschlag betrifft Fehlanreize auf kommunaler Ebene: Kommunen tragen dem Gutachten zufolge erhebliche Folgekosten, etwa für zusätzliche Schulen, Kitas, Sporteinrichtungen sowie Verkehrsverbindungen. Gleichzeitig fließen Bodenwertgewinne häufig an private Eigentümer. Damit entsteht ein Spannungsfeld, das aus Sicht der Autoren das Bauen ausbremst – weniger weil Kommunen grundsätzlich unwillig wären, sondern weil die Verteilungslogik nicht zur Finanzierungsrealität der kommunalen Infrastruktur passt.
Konsequenterweise schlagen die Autoren eine stärker kostenbezogene Beteiligung von Eigentümern und Bauherren vor. Genannt werden eine „erweiterte Infrastrukturkostenumlage“ oder ein Planungswertausgleich. Die Idee dahinter ist technisch-politisch: Wer durch zusätzliches Baurecht einen höheren Grundstückswert erlangt, soll stärker zur Finanzierung der benötigten Infrastruktur beitragen – nicht nur im unmittelbaren Entwicklungsgebiet, sondern auch mit Blick auf den weiteren Versorgungs- und Planungszusammenhang. Christian Bayer, federführender Autor des Gutachtens, führt als Beispiel an, dass Zugezogene die Infrastruktur mitnutzen, etwa Sportplätze, Schwimmbäder, Theater oder weiterführende Schulen.
Daneben zielt das Papier auf Planungs- und Bestandsmechanismen. So sollen ältere Bebauungspläne zugunsten von Nachverdichtungen pauschal mehr Geschossfläche zulassen. In bestehenden Siedlungen wiederum sollen maßvolle Erweiterungen leichter möglich werden, damit zusätzlicher Wohnraum nicht in jedem Einzelfall mühsam gegen lokale Widerstände durchgesetzt werden muss. Ergänzend bringt der Beirat steuerliche Erleichterungen bei beruflich veranlassten Umzügen ins Spiel. Damit wird ein zweiter Hebel aktiviert: Wenn der Wohnungsmarkt kurzfristig nicht schnell genug Entspannung bringt, kann zumindest der finanzielle Druck im Vorfeld eines Jobwechsels sinken.
Der Markt- und Zahlenkontext verdeutlicht, warum die Zeit knapp ist. In Deutschland fehlen geschätzt mehr als eine Million Wohnungen. Analysen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung sehen bis 2030 einen Bedarf von rund 320.000 neuen Wohnungen pro Jahr. Gleichzeitig prognostiziert das Ifo-Institut, dass die Zahl der Fertigstellungen 2027 und 2028 jeweils unter 200.000 liegen werde. Diese Lücke entsteht nicht im luftleeren Raum: Der Wohnungsbau stockt seit Jahren, weil Zinsen und Baukosten deutlich angezogen haben. Bayer fasst das als „Investitionsschwäche“ zusammen, die vor allem eine „Bauschwäche“ sei.
Für Unternehmen und Behörden sind die Folgen spürbar, weil die Wohnkosten die Nachfrage auf vielen Märkten überlagern. Das Gutachten verortet die Belastung konkret: Die Wohnungsmiete mache bei einem durchschnittlichen Haushalt fast 30 Prozent aller Konsumausgaben aus; 2003 seien es weniger als 24 Prozent gewesen. In der Praxis heißt das, dass Spielräume für andere Ausgaben schrumpfen und sich Kaufkraft stärker auf Fixkosten konzentriert. Für die Volkswirtschaft bedeutet das zudem, dass der Wohnungsmarkt nicht nur ein gesellschaftliches Thema ist, sondern ein struktureller Taktgeber für Konsum und Mobilität. Wer in der Standortpolitik wirksame Maßnahmen entwickeln will, muss daher die Verbindung aus Mietentwicklung, Bauanreizen, Planungsrecht und Infrastrukturfinanzierung in einem System betrachten – und nicht als voneinander unabhängige Baustellen.
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